„Heute ist jeder Banker froh, der mit Wirecard nichts zu tun hat“

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„Heute ist jeder Banker froh, der mit Wirecard nichts zu tun hat“

Der Bilanzskandal um Wirecard sorgt in der deutschen Banken- und Finanzwelt für Fassungslosigkeit. Nicht nur am Unternehmenssitz in Aschheim bei München, sondern landauf landab gibt es nur noch ein Thema: Wie konnte es soweit kommen?

Nachdem die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young Wirecard letzte Woche das Testat verweigert hatten und Firmenchef Markus Braun seinen Rücktritt erklärt hatte, spitzten sich die Ereignisse im Lauf des Montags weiter zu: Wirecard teilte mit, dass die verschwundenen 1,9 Milliarden € wahrscheinlich gar nicht existierten. Die vorläufigen Ergebnisse über das Geschäftsjahr 2019 seien nicht mehr zu halten, man prüfe nun, ob Firmenteile verkauft oder Produkte eingestellt werden müssen. Weiterhin teilte das Unternehmen mit, dass COO Jan Marsalek, der wenige Tage zuvor freigestellt worden war, „mit sofortiger Wirkung abberufen“ wird.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin zeigte sich tief erschüttert. BaFin-Chef Felix Hufeld sprach von einem „kompletten Desaster“. Man befinde sich in der „entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen DAX-Konzern gesehen habe“. Hufeld gab zu, dass die Aufsichtsbehörden nicht effektiv genug gewesen seien. „Es gibt heute in Frankfurt kein anderes Thema“, bestätigt Branchenkennerin Sabrina Tamm. „Heute ist jeder Banker froh, der mit Wirecard nichts zu tun hat.“ Den bisherigen Konzernlenkern Markus Braun und Jan Marsalek könnten nach Informationen der Süddeutschen Zeitung Haftbefehle drohen.

Die Wirecard-Aktie befindet sich unterdessen weiterhin im Sinkflug. Bei Kunden bemühte sich das Unternehmen um Schadensbegrenzung. Am Samstag wurde Nutzern des Digital-Kontos Boon per E-Mail mitgeteilt, dass ihre Guthaben sicher seien.

Wirecard beschäftigt 5.800 Mitarbeiter an 26 Standorten. Aktuell sind weltweit 110 Stellen ausgeschrieben. Unter den Beschäftigten am Hauptsitz in Aschheim bei München sind nach Informationen einer Brancheninsiderin viele Tech-Spezialisten aus Osteuropa und Asien. Ob und wie es für die Beschäftigten insgesamt weitergeht, ist vollkommen unklar. Das Unternehmen selbst war für eine Stellungnahme zu dieser Frage am Montag nicht zu erreichen.

Das Fintech Wirecard ist in den letzten Jahren rasant gewachsen – die Zahl der Mitarbeiter hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Möglicherweise sind Seniorität und Führungskompetenz hier nicht schnell genug mitgewachsen. Sabrina Tamm, die als Headhunterin mit ihrer Firma financial talents Spitzenpositionen im Banking besetzt, berichtet von einer Suche nach Kandidaten für Positionen im Risk Management. Hier habe sie sich auch Wirecard-Mitarbeiter angesehen und sei erstaunt gewesen, wie wenig „gestandene Spezialisten“ dort vorzufinden waren.

Photo by Austin Distel on Unsplash

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