Coronavirus: Können Banken es sich leisten, auf Stellenstreichungen zu verzichten?

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Coronavirus: Können Banken es sich leisten, auf Stellenstreichungen zu verzichten?

In den letzten Wochen ist etwas Seltsames geschehen. Banken, die in Krisen üblicherweise schnell dabei sind, Kosten zu senken und Stellen abzubauen, setzen alles daran, gute Unternehmensbürger zu sein und Arbeitsplätze zu sichern – und das, obgleich erwartet wird, dass das BIP in beispiellosem Maße einbricht.

Als letzte Bank teilte Barclays diese Woche in einem Memo mit, während der Pandemie keine Mitarbeiter zu entlassen. Ähnliche Aussagen waren zuvor von Morgan Stanley, HSBC, der Deutschen Bank, Citigroup, Wells Fargo, Lloyds Banking Group, Jefferies, UBS, der Bank of America, SocGen und (abgeschwächt) auch von Credit Suisse gemacht worden.

Die Versprechungen könnten heiße Luft sein. So hatte Credit Suisse etwa versprochen, niemanden aufgrund des Virus‘ zu entlassen – dies hinderte die Bank allerdings nicht daran, im letzten Monat in London die Zahl der Market-Mitarbeiter zu senken und Abfindungen zu kürzen. Die Deutsche Bank und Barclays sagten zwar zu, Stellenstreichungen auf Eis zu legen, die bereits beschlossenen Entlassungen werden allerdings umgesetzt. HSBC erklärte, den „Großteil“ der im Februar angekündigten Streichung von 35.000 Stellen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, ist aber dennoch dabei, die Führungsmannschaft umzubauen und sich – freiwillig oder unfreiwillig – von einigen Führungskräften zu trennen.

Die meisten der Jobzusagen scheinen allerdings durchaus aufrichtig zu sein. Morgan-Stanley-Chef James Gorman erklärte gestern, es sei keine Frage gewesen, dass man auf Kündigungen während der Virus-Krise verzichte und dass er von Mitarbeitern dafür hunderte von Dankes-Mails bekommen habe.

Interessanter als der Blick auf die Banken, die eine Jobgarantie für die Zeit der Pandemie geben, ist die Frage, welche Banken bei diesem Thema verdächtig still sind. Cantor Fitzgerald baut 5 Prozent seiner Stellen ab, darunter einige in seinem Prime-Brokerage-Geschäft. Natwest Market hatte Anfang April 130 Jobs gestrichen, zeitgleich kündigte die Boutique Arma Partners einem beträchtlichen Teil seiner Analysten und Associates. Goldman Sachs bekräftigte diese Woche das im Januar erklärte Vorhaben, in den nächsten drei Jahren 1,3 Mrd. $ sparen zu wollen, davon 700 Mio. $ im Securities-Geschäft. Gleichzeitig räumte man ein, dass die Sparmaßnahmen sich nun vermutlich verzögern würden. JPMorgan gab sich verdächtig wortkarg, erwartet allerdings, 2020 die Kosten unternehmensweit um 500 Mio. $ (1 Prozent) zu senken.

Können die Banken, die nun Jobgarantien aussprechen, sich das leisten? In den Sales- und Trading-Einheiten wurde im ersten Quartal exzellent verdient, doch dies dürfte kaum anhalten. JPMorgan etwa geht davon aus, dass Einnahmen aus dem Marktgeschäft 2020 um fast 20 Prozent zurückgehen – und dies dürfte auch bei anderen Banken der Fall sein. Banker am Fremdkapitalmarkt hatten in letzter Zeit alle Hände voll zu tun mit Investment-Grade-Emissionen in Rekordzahl. Die Banker am Aktienkapitalmarkt hatten in Q1 einen guten Lauf – gerade auch im Vergleich zum miserablen Jahresstart des Vorjahrs – , aber die Investment-Grade-Emissionen drohen zu verflachen, sobald die Schulden steigen und auch Börsengänge könnten sich im weiteren Verlauf des Jahres weniger günstig gestalten. Ganz zu schweigen von M&A-Bankern, die zurzeit von zuhause aus endlose Zoom-Meetings mit Klienten führen, ohne irgendetwas daran zu verdienen. Jüngere M&A-Banker kokettieren bereits damit, vor dem Fernseher zu sitzen und darauf zu warten, dass ein Pitchbook nach dem anderen abgelehnt wird. 

Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels. Wenn die Pandemie unter Kontrolle ist, könnte es laut Goldman-Sachs-CEO David Solomon „möglicherweise sehr schnell wieder losgehen“. Das eigentliche Risiko besteht darin, dass die Krise sich verschärft und Banken durch den Wertverlust in ihren Bilanzen zu hohen Abschreibungen gezwungen sind.

Und dies passiert schon jetzt. Goldman Sachs nahm im ersten Quartal Abschreibungen in Höhe von 1 Mrd. $ vor. Morgan Stanley vermeldete gestern Marktbewertungsverluste in Höhe von 610 Mio. $ aus zum Verkauf gehaltenen Krediten, hinzu kommen 388 Mio. $ an Kreditverlusten auf Darlehen und ungedeckte Kreditzusagen. Anfang des Monats erklärte Kian Abouhossein, Head of European Banks Equity Research bei JPMorgan, dass die Marktbewertungsverluste zwar geringer ausfallen als in der Finanzkrise 2008, aber dennoch spürbar sein dürften. Banken wie Credit Suisse, Goldman Sachs und Deutsche Bank sind dem Risiko im Zusammenhang mit dem Halten von Collateralized Loan Obligations (CLOs), fremdfinanzierten Krediten und hochverzinslichen Anleihen laut Abouhossein besonders ausgesetzt. Weiterhin könnte es auch im Zusammenhang mit Sekundärhandelspositionen zu Abschreibungen kommen, die zu Marktverlusten führen könnten, wenn sich die Spreads ausweiten und die Produkte illiquide werden.

Das Virus beschert den Banken allerdings auch Ersparnisse: Allein bei den Flugkosten sind die Ausgaben um Hunderte von Millionen gesunken. Auch dass fast alle im Home Office sind, spart Kosten. Bei Goldman Sachs wird beispielsweise der Trading Floor als Logistikzentrum genutzt – 98 Prozent der 38.000 Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus. Die Bank of America gab an, man habe 90.000 neue Laptops an Mitarbeiter im Home Office geschickt, was wiederum sicher nicht ganz billig war.

Dass die Banken ihren Eifer, Mitarbeiter zu schützen, noch bereuen werden, liegt auf der Hand. Howard Lutnick von Cantor soll Mitarbeitern gegenüber gesagt haben, dass die Kürzungen, die er vornimmt, angesichts der makroökonomischen Unsicherheit „wohlbedacht“ seien. Bei Arma Partners wurde den Angestellten gesagt, dass Kürzungen notwendig seien, um die Rentabilität des Unternehmens zu erhalten.

Am Ende kommt es bei den gegebenen Jobgarantien darauf an, wie Banken das „Ende der Pandemie“ definieren. Berücksichtigt man hier nur als die Phase des Lockdowns bzw. den Höhepunkt der Neuinfektionen, könnten Banken schon im Sommer damit anfangen, Stellen zu streichen. Wenn sie ihr Versprechen wirklich einhalten, müssten sie mit Entlassungen bis 2022 oder noch länger warten, was wenig wahrscheinlich ist. Im besten Fall wird der Stellenabbau bis 2021 aufgeschoben und könnte dann mit einer zweiten Virus-Welle zusammenfallen. Dann könnte es allerdings soweit sein, dass Banken keine andere Wahl haben als zu handeln.

Neal Kashkari, President und Chief Executive der Federal Reserve Bank of Minneapolis, der der 2008/09 am „Troubled Asset Relief Program“ mitgearbeitet hat, hat diese Woche eine große Finanzkrise prophezeit. Unter diesen Umständen könnten die Arbeitsplatzgarantien einiger Banken eine umsichtige Positionierung angesichts eines aufziehenden Sturms sein: Wenn sich tatsächlich eine weitere Finanzkrise anbahnt, möchte man nicht von vornherein zu den Bösen gehören.

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