GASTBEITRAG: „Alle verdienen mehr als ich“

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GASTBEITRAG: „Alle verdienen mehr als ich“

Photo by Josh Rocklage on Unsplash

Ich arbeite als Analyst bei einem Hedgefonds und fühle mich arm. Ich trage billige Kleidung, lebe billig und bin ein billiger Fang – fragen Sie meine Frau. Doch wenn Sie mein Gehalt wüssten, würden Sie über mein Klagelied laut lachen. Schließlich verdiene ich ein sechsstelliges Gehalt mit keiner 1 vorne. Mein Problem lautet vielmehr, dass jeder, den ich kenne, viel mehr als ich verdient.

Vielleicht halten Sie mich für verrückt, vielleicht bin ich das auch, doch dieses Gefühl ist in den Finanzzentren weit verbreitet.

Die Finanzdienstleistungen sind schon eine kuriose Branche. Die Beschäftigten hier sind stärker als in jeder anderen Branche auf die Bezahlung fixiert. Dies liegt teilweise an einer Selbstselektion: Da die Finanzdienstleistungen gut zahlen, locken sie auch Leute an, für die Geld besonders wichtig ist. Die Branche lockt überdiese besonders ehrgeizige Leute an. Sie müssen auch eine sehr gute akademische Ausbildung mitbringen, um dort überhaupt einen Job zu finden, und wer dabei erfolgreich ist, will zu den Besten gehören. Sie wollen in die besten Restaurants gehen, in den besten Häusern wohnen und die besten Autos fahren. Doch all das kostet Geld – viel Geld.

Und dann gibt es da auch noch den Job. In den Finanzdienstleistungen dreht sich alles ums Geld. Wir geben uns den lieben langen Tag damit ab. Und die Summen, mit denen wir jonglieren, sind oft astronomisch. Vor diesem Hintergrund können auch riesige Gehälter klein erscheinen.

Wer zu lange in den Finanzdienstleistungen arbeitet, kann den Kontakt zur Realität verlieren. Daher benötigt man auch Freunde, die nicht in der Branche arbeiten. Kürzlich habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der weder bei einem Hedgefonds noch bei einer Bank arbeitet, und das war schon sehr erhellend. Er musste sich zwischen zwei Jobs entscheiden: Der eine war besser bezahlt, bedeutete aber auch längere Arbeitszeiten. Der andere war schlechter bezahlt, bot aber eine bessere Work-Life-Balance. Er entschied sich für den schlechter bezahlten.

Diese Entscheidung war für mich nahezu unverständlich. Weder ich noch irgendeiner meiner Kollegen hätten sich jemals für den schlechter bezahlten Job entschieden. Seine Entscheidung zu verstehen, kam mir vor, als wollte ich fortgeschrittene Algebra im Kopf ausrechnen. Für meinen Freund war es vollkommen in Ordnung, weniger Geld zu verdienen, wenn er dafür mehr Zeit mit seiner Familie verbringen könne. Liebe ich meine Familie also weniger oder setze ich einfach andere Prioritäten?

Das hat mir jedenfalls die Augen geöffnet. Meinem Freund wurde kein sechs- oder siebenstelliger Betrag in Aussicht gestellt, nur um seinen Job zu wechseln. Er erhielt auch kein Umzugspaket. Er war lediglich ein normaler Mann, der einen normalen Job mit einer besseren Work-Life-Balance suchte.

Das hat meine Einstellung geändert – zumindest ein klein wenig. Sicherlich werde ich nicht gleich meinen ganzen Besitz veräußern und wie ein Hippie um die Welt reisen. Ich werde auch weiterhin einen Akzent auf meine Karriere legen und mich nach den besten Chancen umschauen. Allerdings werde ich künftig mehr dankbar für das sein, was ich habe, und nicht länger nur auf jene Leute starren, die mehr als ich verdienen. Dabei handelt es sich um eine Falle, in die allzu viele Finanzprofis tappen.

Margin of Saving ist ein Blog, der von einem Hedgefondsanalysten gegründet wurde.

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