GASTBEITRAG: Wieso sich die Arbeit bei Goldman Sachs von anderen Banken unterscheidet

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GASTBEITRAG: Wieso sich die Arbeit bei Goldman Sachs von anderen Banken unterscheidet

In der vergangenen Woche hat Goldman Sachs eine neue Employer Branding-Kampagne gestartet, um sich gegen das herrschende Image der Bank als „elitären und halsabschneiderischen“ Arbeitsplatz zu wehren. Nachdem ich mehrere Jahre bei der Bank gearbeitet habe, kann ich das gut nachvollziehen.

Als ich vor einigen Jahren bei Goldman Sachs anfing, war ich darüber überrascht, was ich dort vorfand. Wie die meisten Leute hatte ich den Eindruck, dass das Unternehmen messerscharf, hoch kompetitiv und auf vornehme Weise aggressiv ist. Doch damit sollte ich falsch liegen.

Stattdessen fand ich ein Unternehmen vor, dass einige der intelligentesten und freundlichsten Leute beschäftigt, die ich kennenlernen durfte. Statt Wettstreit und Aggression fand ich eines der konfliktärmsten und konsensreichsten Umfelder vor, in denen ich je gearbeitet habe.

Dafür gibt es auch einen Grund. Wie ich bei meiner Arbeit feststellen musste, kann sich Goldman Sachs die intelligentesten Leute aussuchen, wobei es sich nicht um diejenigen handelt, die sich selbst gerne ins Rampenlicht stellen. Stattdessen wählt Goldman Sachs diejenigen Mitarbeiter, die sie interessant findet, d.h. sie haben vor und während ihrer Zeit bei Goldman Sachs interessante Dinge gemacht, und mit denen man sich eine gute Zusammenarbeit vorstellen kann. Daher finden Sie dort erfolgreiche Sportler, Musiker und Philanthropen. Dies stellt auch den Grund dar, wieso Goldman Sachs Kandidaten regelmäßig zu 20 und mehr Vorstellungsgesprächen einlädt, denn es muss ein Konsens hergestellt werden, dass es sich um eine „gute“ Neueinstellung handelt. Man muss also sowohl eine überzeugende Persönlichkeit mitbringen als auch das Geschäft voranbringen.

Die konfliktarme und konsensreiche Unternehmenskultur von Goldman Sachs hängt auch mit dem Auswahlprozess neuer Managing Directors und Partner zusammen. Bei diesem Verfahren werden die Meinungen über den Kandidaten aus dem gesamten Unternehmen eingeholt, dennoch befördert Goldman Sachs nicht nach demokratischen Regeln, in der eine Mehrheit entscheidet. Vielmehr ähnelt der Prozess der Entscheidungsfindung innerhalb der EU: Wenn nur eine Person dagegen ist, kommt wahrscheinlich das gesamte Verfahren zum Erliegen.

Eine schlechte Beurteilung von einen Kollegen kann also die Karriereambitionen eines Mitarbeiters schnell ausbremsen und niemand weiß wirklich, wann er an der Reihe ist. Aus diesem Grund müssen Sie ein gutes Verhältnis zu Kollegen auf allen Karrierestufen pflegen. Daher gibt es auch viele Gespräche bei einem Kaffee. Wer dort arbeitet, braucht also die Unterstützung von sämtlichen Kollegen und darf daher nicht nur aggressiv für seine eigenen Interessen kämpfen.

Auf Leute, die nicht wissen, wie Goldman Sachs wirklich funktioniert, wirkt diese Erkenntnis oft wie ein Schock. Ich kenne zwei Investmentbanker, die auf mittleren Karrierelevel eingestiegen sind und zur Seite genommen wurden, um ihnen mitzuteilen, dass sie zu aggressiv aufträten. Beide haben mir erzählt, dass ihre Art zu diskutieren bei ihrem alten Arbeitgeber ganz normal gewesen sei. Doch bei Goldman Sachs läuft es anders.

Allerdings bergen auch die Verhältnisse bei Goldman Sachs Nachteile. Beispielsweise hatte ich oft den Eindruck, dass schwierige Gespräche einfach verschoben wurden, was zu einem Mangel an Klarheit führte. Weiter habe ich festgestellt, dass Goldman Sachs am besten unter Druck funktioniert. Wenn es keinen externen Druck gab, wurde abgewartet, bis der interne Druck auf ein ausreichendes Maß angestiegen war.

Goldman Sachs scheint sich darüber bewusst zu sein. Der ehemalige Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein hat einmal erklärt, dass das Senior Management von Goldman Sachs im Unterschied zu anderen Investmentbanken nicht vor Krisen davonlaufe, sondern versuche Hilfe anzubieten.

Goldman Sachs stellt also keinen schlechten Arbeitgeber dar, dennoch fällt nicht alles rosig aus. Allerdings unterscheidet sich die Bank regelmäßig von anderen Instituten. Wer mit den dortigen Gepflogenheiten zurechtkommt und dazu passt, dem bietet Goldman Sachs großartige Chancen. Für Leute, die mit ihrer Karriere vorankommen wollen, handelt es sich um ein erstklassiges Sprungbrett.

Ich selbst bin froh, herausgekommen zu sein und für jemanden zu arbeiten, der weniger „speziell“ ist. Dennoch bereue ich meine Zeit dort nicht. Ich habe viel gelernt und neue Arbeitsweisen kennengelernt. Nicht zu vergessen, dass mir das in der Außenwelt ein hohes Ansehen verschafft hat, was heutzutage schon einen großen Vorteil darstellt.

Bei John Cross handelt es sich um ein Pseudonym.

 

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