GASTBEITRAG: Wie ich mit Ende 40 vom Banking ins Consulting wechselte

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GASTBEITRAG: Wie ich mit Ende 40 vom Banking ins Consulting wechselte

Da die Zukunft der Londoner City ungewisser denn je ist, wollen Sie sich vielleicht wie ich selbständig machen. Dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Sie müssen das allerdings offenen Auges angehen.

Nach einer langen Karriere im Portfoliomanagement arbeite ich jetzt hauptsächlich als unabhängiger Berater. Glücklicherweise befinde ich mich in einem heißen Geschäftsbereich, dem Maschinenlernen. Schließlich bin ich von der Ausbildung her Mathematiker. Daneben lehre ich an einer Hochschule, bin Non-Executive Director und erledige etwas Freiwilligenarbeit, was gut für die Seele ist.

Falls Sie Ihren derzeitigen Job aufgeben wollen, müssen Sie ganz genau über Ihre Kunden und Ihre Value Proposition nachdenken. Schließlich wollen Sie nicht, dass Ihr alter Arbeitgeber Sie beschuldigt, Geschäft zu stehlen. Doch wenn Sie den ein oder anderen Kunden noch in Ihrem alten Job organisieren, hilft das schon weiter.

Ich persönlich verwende einen Großteil meiner Zeit auf Sales und Marketing. Ich lehne niemals eine Einladung ab, einen Vortrag zu halten. Ich bin nicht sonderlich gut darin, meinen Fuß in die Tür zu bekommen, aber ich fühle mich vor einem Publikum gut, gleich wie groß es ist. Und da ich keine geborene Vertriebspersönlichkeit bin, habe ich mich mit jemanden zusammengetan, der genau dies ist. Er nimmt Ablehnung auf die leichte Schulter und freut sich über Erfolg.

Ich habe meine Mitgliedschaften in Branchenverbänden abgestaubt und einige neue hinzugefügt. Die Leute lieben solche Mitgliedsausweise. Ich lebe in Großbritannien und halte meine Registrierung bei der britischen Finanzaufsicht FCA mittels des Unternehmens eines Freundes aufrecht. Damit kann ich mich als etwas Besseres als ein gewöhnlicher Consultant präsentieren.

Zweifellos bringt die Selbständigkeit Vorteile mit sich. Ich erledige eine exzellente und vielseitige Arbeit, die die Leute schätzen und nutzen. Geldverdienen stellt dabei nur einen nachrangingen Aspekt dar. Das Vorankommen, die Konzentration und die Arbeit an etwas, was man freiwillig macht, kann schon wirklich befreiend sein. Sich auf sich selbst zu stützen, steigert das Selbstwertgefühl. Plötzlich stellt die Arbeit keine lästige Pflicht mehr dar.

Doch die Selbständigkeit bringt Nachteile mit sich. Die Arbeit kann schon sporadisch ausfallen und es gibt Hungerzeiten. Der Verlust eines stabilen und beträchtlichen Einkommens kann schon beängstigend sein. Dies gilt auch für den Verlust des Status. Sie haben weder einen Assistenten noch einen großen Namen auf Ihrer Visitenkarte.

Keinesfalls sollten Sie aus einer Laune heraus Consultant werden. Das unsichere Einkommen bedeutet, dass Sie genügend Geld auf dem Konto haben müssen. Je mehr, desto besser. Deshalb sollten Sie als Angestellter stets Ihren Bonus zurücklegen. Auch sollten Sie Ihre Familie auf einen bescheideneren Lebensstil einstellen. Sprechen Sie mit Ihrer Frau. Meine ist von meiner Entscheidung nicht sonderlich begeistert.

Um ehrlich zu sein, bin ich viel zu jung, um mich aufs Altenteil zurückzuziehen. Doch ich benötige auch ein Einkommen. Falls ich scheitern sollte, muss ich wieder irgendwo als Angestellter anfangen. Meines Wissens nach stellt die Deutsche Bank gerade ein. Zwar hoffe ich, dass das nicht eintritt, doch selbst wenn ich in die Knechtschaft eines Unternehmens zurückkehren sollte, habe ich zumindest einiges über mich selbst gelernt und kann mich in einem besseren Licht präsentieren. Ich wünsche Ihnen viel Glück, wenn Sie den Absprung wagen. Eine Veränderung ist ebenso gut wie eine Auszeit.

Richard Andrew ist das Pseudonym eines ehemaligen Londoner Portfoliomanagers, der heute auf dem Land lebt.

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