Wie ich zu einem Meister der Körpersprache wurde

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Wie ich zu einem Meister der Körpersprache wurde

Ich bin bei einem Hedgefonds beschäftigt. Weder bin ich ein Körpersprachenguru noch achte ich darauf, ob Sie Ihre Beine verschränken oder sich am Ohr kratzen. Weder betreibe ich eine Website, die im Anschlag auf das World Trade Center eine Verschwörung sieht, noch weiß ich, was Illuminati sind. Selbst wenn ich das wüsste, würde ich nicht glauben, dass sie insgeheim die Welt kontrollieren. Auch glaube ich nicht, dass Aliens unter uns leben – obgleich dies so manchen Kommentar auf Reddit erklären würde. Obgleich ich also an keine Verschwörungstheorien glaube oder meine Kenntnisse in Körpersprache vermarkte, bin ich darin verdammt gut.

Dabei habe ich lange Zeit auf der Buy-Side, im Asset Management also, gearbeitet. In dieser Zeit haben mich zahllose Konzern- und Finanzchefs sowie sonstige Investoren belogen. Ich habe Vorstände gesehen, die sich das gesamte Quartal bullisch gaben, nur um dann die Erwartungen zu verfehlen. Ich habe Finanzchefs getroffen, die sich zuversichtlich über ihre Prognosen äußerten, nur um sie zwei Wochen später einzukassieren. Andere Investoren wiederum haben mir eine Aktie angepriesen und gleichzeitig versucht, ihre Position darin los zu werden. Als Folge davon habe ich eine gesunde Skepsis für das entwickelt, was einem so alles erzählt wird.

In diesem Geschäft stellt Skepsis einen Vorteil dar. Wer sich gegen den Markt positioniert und richtig liegt, kann eine Menge Geld verdienen. Doch manchmal frage ich mich, ob ich es nicht zu weit getrieben und versucht habe, Punkte zu verbinden, wo keine existieren. Management-Teams lügen ständig. Also habe ich mich in den Meetings nicht darauf konzentriert, was sie erzählt haben, sondern auch andere Dinge wie Körpersprache und Angewohnheiten. Eine Vorstandsvorsitzende, die ich treffe, ist normalerweise recht fröhlich, aber dieses Mal ist sie pessimistischer als sonst. Wahrscheinlich hat sie in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen. Vielleicht hat sie sich mit ihrem Ehemann gestritten. Ich kann mir aber nicht helfen und werte dies als Zeichen, dass die Unternehmenszahlen schlechter werden…

Bei einem ähnlichen Fall ist mir aufgefallen, dass ein Finanzchef kürzlich Gewicht verloren hat. Vielleicht achtet er nur besser auf sich. Allerdings frage ich mich, ob er nicht vielleicht krank ist. Ein Vorstandschef trägt normalerweise eine rote Krawatte, doch heute ist es eine blaue. Was hat das zu bedeuten? Will er mir damit vielleicht etwas sagen???

Doch meine ganz eigenen Verschwörungstheorien beschränken sich nicht allein auf Leute. Wenn ein Unternehmen eine Konferenz absagt, erzählen sie immer, es gebe Terminprobleme. Dennoch frage ich mich, ob dies nicht geschieht, weil sie einen Deal oder schlechte Zahlen ankündigen wollen. Falls ein Unternehmen sogar die Veröffentlichung der Geschäftszahlen verschiebt, vor allem wenn der neue Zeitpunkt mit dem eines Wettbewerbers zusammenfällt, dann denke ich als erstes an eine mögliche Fusion oder Übernahme.

Wer die Märkte nicht aufmerksam verfolgt, hält mich womöglich für verrückt. Doch so etwas kann beträchtliche Auswirkungen auf einen Aktienkurs haben. Wenn ein Vorstandschef plötzlich kündigt, drückt das rasch einen Aktienkurs um 10 Prozent. Eine bevorstehende Fusion oder Übernahme kann ihn um über 50 Prozent steigen lassen. Und ich kann diverse reale Beispiele auflisten, wo eine unwahrscheinliche Veränderung eines Aktienkurses auf ein wichtiges Ereignis zurückging.

Wer also die wirklich wichtigen Punkte zu erkennen und zu verbinden versteht, kann mit der richtigen Positionierung im Markt viel Geld verdienen. Damit mir niemand meine Einfälle stiehlt, lass ich mir bei der Arbeit nicht in die Karten schauen.

Margin of Saving ist ein Blog, der von einem Hedgefondsanalysten gegründet wurde.

Falls Sie eine vertrauliche Nachricht, einen Aufreger oder einen Kommentar loswerden wollen, zögern Sie nicht! Schreiben Sie einfach an Florian Hamann. fhamann@efinancialcareers.com.

 

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