GASTBEITRAG: Wie ich während meines Praktikums angegrapscht wurde

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Sexual harassment banking

Im vergangenen Sommer habe ich ein Praktikum in der Investment Banking Division einer europäischen Großbank verbracht. Das lief eigentlich ganz gut. Tatsächlich habe ich ein Übernahmeangebot für die Zeit nach meinen Abschluss erhalten. Allerdings wurde die Berufserfahrung durch einen ernsthaften Vorfall mit meinem Vorgesetzten überschattet.

Ich schreibe dies nicht, um meinen Vorgesetzten anzugreifen oder ihn in noch größeren Ärger zu bringen als er ohnehin schon ist. Vielmehr schreibe ich die folgenden Zeilen, um meinen Ärger loszuwerden. Wenn Hollywood seinen Harvey Weinstein hat, dann haben Banken Leute wie meinen Vorgesetzten.

Als ich dort anfing, hatte mein Vorgesetzter, der schon viele Jahre in der Londoner City tätig ist, offenbar mit Eheproblemen zu kämpfen. Ich wusste das und alle anderen auch. Es war sogar unmöglich, es nicht zu wissen. Denn oft sprach er am Telefon über seine verdammte Scheidung. Wir konnten seine Ausführungen hören, was schon ziemlich peinlich war. So stritt er sich mit seiner Frau oder telefonierte mit Familienmitgliedern – alles Dinge, die nicht jeder Kollege mitbekommen sollte.

Vielleicht lag es an diesen Eheproblemen, dass mein Vorgesetzter mir ungewollte Avancen machte. Zunächst nannte er mich „Baby“ oder „Darling“ und fragte mich, ob er mich auf einen Drink einladen dürfe. Ich habe das abgelehnt. Dabei war ich höflich und erklärte ihm, dass ich keine Affäre mit jemanden von der Arbeit wolle.

Es gibt einige Männer, die ein klares „Nein“ nicht von weiteren Versuchen abhält. Mein Vorgesetzter gehörte zu ihnen. Beim nächsten Mal, als wir allein im Büro waren, machte er sich von hinten an mich heran, fasste mich an und fragte, wieso ich nicht berührt werden wolle. Er teilte mir in wenigen Worten mit, dass er mit mir schlafen wolle.

Man bedenke: Ich war lediglich eine Praktikantin. Ich habe hart gearbeitet, um das Praktikum zu erhalten und wollte wirklich ein Übernahmeangebot bekommen. Dabei hatte mein Vorgesetzter ein wichtiges Wort mitzureden. Er wusste das und hat seine Macht für sich ausgenutzt.

Also habe ich mich an die Personalabteilung gewandt. Schon das erste Mal war ich dorthin gegangen, um mitzuteilen, dass er mir nachgestellt hatte. Dies erleichterte mir den zweiten Gang, nachdem er mich angefasst hatte. Sie haben mir sehr geholfen. Ich war dabei, eine offizielle Beschwerde über eine sexuelle Belästigung einzureichen, als er ging - und zwar über Nacht. Als ich am nächsten Tag bei der Arbeit erschien, hatte er all seinen Kram ausgeräumt. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte er eine Ahnung davon, was auf ihn zukommen würde.

Irgendwie war ich glücklich darüber. Glücklich, dass ich den Mut gefunden hatte, mich an die Personalabteilung zu wenden und mich über den Mann zu beschweren, der über meine Zukunft entscheiden konnte. Glücklich auch, dass er nicht aggressiv war, und glücklich, dass mich die Bank und die übrigen Vorgesetzten unterstützen – einige waren sogar regelrecht sauer.

Nach diesem Erlebnis frage ich mich, was andere Frauen im Banking erleben. Es handelt sich schließlich um eine Branche, in denen Männer in den Führungspositionen immer noch dominieren und junge Frauen auf den niedrigen Hierarchieebenen arbeiten. Diese Männer haben also die Möglichkeit, ihre Macht zu missbrauchen. Nach der Dreistigkeit seiner Aktion frage ich mich, ob er das nicht schon vorher gewagt hat und damit durchgekommen ist. Während seiner langen Karriere dürfte er zahllose Gelegenheiten dazu gehabt haben.

Es arbeiten natürlich viele gute Männer in den Finanzdienstleistungen. Es gibt auch einige junge Frauen, die ihre Vorzüge ausnutzen, um sich Vorteile zu verschaffen und falsche Signale senden. Dennoch fällt das Ungleichgewicht der Geschlechter im Banking sehr groß aus. Ähnlich wie Hollywood ist die Branche daher für den Missbrauch männlicher Gewalt geradezu prädestiniert. So lange es wenige Frauen an die Spitze schaffen, liegt es an den Personalabteilungen und den anständigen Männern – wie meine übrigen Vorgesetzten - junge Frauen zu schützen, deren Karriere kaum begonnen hat.

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