GASTKOMMENTAR: Wie sich deutsche von Schweizer Bewerbungen unterscheiden

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Dem deutschen Arbeitsmarkt geht es nicht erst seit gestern miserabel. Auch für gut ausgebildete Fachkräfte ist ein harter und dennoch nicht immer erfolgreicher Kampf, eine passende und angemessene Arbeit zu finden. Auf eine Stellenausschreibung treffen nicht selten mehrere Hundert Bewerbungen ein. Es ist klar, dass jeder Stellensuchende angesichts dessen angibt, der Beste zu sein und alles zu können. Ob das dann auch stimmt, ist für den ersten Schritt (bis zum Vorstellungsgespräch) zunächst einmal vollkommen irrelevant.

Daher lesen sich Bewerbungen von Deutschen so, als hätte man es permanent mit Wunderkindern zu tun. Sie haben alles gelernt, können alles und haben nur darauf gewartet, genau dieses Unternehmen mit ihren brillanten Ideen vor dem Untergang zu retten und im Anschluss daran auf direktem Weg an die Weltspitze zu führen.

Der Schweizer tritt auch hier ganz anders auf. Zum einen weil es seinem bescheidenen Naturell entspricht, und zum anderen, weil der schweizerische Arbeitsmarkt keinesfalls so dicht ist wie der deutsche. In der Schweiz fliegen einem Arbeitswilligen entgegen verbreiteter Mythen zwar auch keine gebratenen Tauben in den Mund, aber die Chancen auf eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch, eine Anstellung mit angemessener Bezahlung und entsprechender Wertschätzung sind ungleich höher.

Beispiel Bewerbungsanschreiben

Ein Schweizer bewirbt sich mit folgenden Worten:

Sehr geehrte Frau Müller,

die Entwicklung Ihrer Firma zu einem der führenden Unternehmen in der Uhrenindustrie habe ich mit großem Interesse Interesse verfolgt. Ihre neuen, ganz besonders innovativen Produkte entsprechen den Bedürfnissen einer immer anspruchsvolleren Kundschaft.

Gerne stelle ich meine solide Erfahrung und mein Engagement in den Dienst Ihrer Firma.

Während fünf Jahren habe ich mein Know-how bei Redox AG als Assistent des Produktmanagers und dann als Produktmanager bei der Trivial AG vertieft und beherrsche deshalb die verschiedenen Aspekte meines Berufs.

Gerne würde ich bei einem Gespräch über die Grundlagen für eine künftige Zusammenarbeit diskutieren. Selbstverständlich stehe ich Ihnen für weitere Auskünfte gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen

Urs Odermatt

Merken Sie etwas? Es fehlen die Superlative. Es ist die Rede von "solider" Erfahrung, schlichtem Know-how (und keinem "umfassenden", "überragenden" und "innovativen") und einfacher "Beherrschung" der verschiedenen Aspekte des Berufes. Auch "würde" er nur zu gerne ein persönliches Gespräch führen - einmal mehr der "Schweizer Bedürfnis-Konjunktiv". Das Selbstmarketing oder die Aktion, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, liegt den Schweizern im Allgemeinen nicht sonderlich gut.

Ganz anders bei den Nachbarn aus dem Norden: Ein Deutscher bewirbt sich eher mit folgenden Worten:

Sehr geehrter Herr Müller,

als erfahrener Netzwerkadministrator bringe ich mehrjährige Branchenerfahrung und Kenntnisse aus einer erfolgreichen Laufbahn im Bereich Netzwerktechnik bei führenden ITK-Unternehmen mit. Aufsetzen und Pflege komplexer IT-Infrastrukturen sind mein Tagesgeschäft, in dem ich besondere Erfolge erzielt habe. Erste Führungserfahrung bringe ich aus der Leitung interdisziplinärer Projektteams mit. Als Diplom-Wirtschaftsingenieur verfüge ich neben sehr fundierten technischen Kenntnissen auch über weit reichendes betriebswirtschaftliches Know-how. Dadurch kann ich technische Lösungen sehr gut in den unternehmerischen Gesamtzusammenhang einordnen.

Ihr Unternehmen ist mir bereits aus meiner derzeitigen Tätigkeit und durch Marktbeobachtung positiv bekannt. Besonders attraktiv an der gebotenen Stelle ist für mich die Möglichkeit, als Teamleiter dauerhaft Führungsverantwortung zu übernehmen.

Daher freue ich mich über eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch, für das ich Ihnen zeitnah zu Verfügung stehe.

Gerne höre ich von Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Meier

Merken Sie etwas? Richtig, hier wird nicht nur deutlich mehr geredet respektive geschrieben, sondern es werden auch deutlich mehr Adjektive und Superlative verwendet, die allesamt die Vorzüge des Bewerbers preisen. Der Bewerber würde sich nicht nur über ein Gespräch freuen, sondern er geht selbstverständlich davon aus, dass er auch eingeladen wird.

Auswahlverfahren

Schweizerische Personalverantwortliche mussten in den letzten Jahren schmerzlich begreifen, dass die Bewerbungen von Deutschen nicht allzu ernst genommen werden dürfen. Zunächst waren sie irritiert und vielleicht auch eingeschüchtert von dem, was die deutschen Bewerber alles können (wollten). Aber nicht wirklich konnten. In Deutschland bewirbt man sich auf eine Stelle, wenn auch nur die Hälfte der geforderten Qualifikationen zutrifft, frei nach dem Motto "Den Rest kann man zwar noch nicht, aber den kann man ja noch lernen, das wird schon keinem auffallen".

Ein Schweizer würde sich kaum auf eine Stelle bewerben, für die er nicht mindestens 80 Prozent der geforderten Qualitäten mitbringt.

Bei Bewerbungen von Deutschen ist es daher angeraten, 10 bis 50 Prozent von dem, was sie alles behaupten und können wollen, abzuziehen. Bei einem Schweizer Bewerber kann man mindestens ebenso viel Gedanken irgendwo dazu zählen.

Das Vorstellungsgespräch

Personalverantwortliche, Abteilungsleiter und Unternehmenschefs in der Schweiz erleiden unter Umständen einen Kulturschock, wenn sie ein Vorstellungsgespräch mit einem direkt importierten deutschen Bewerber erleben. Er wird nicht nur schaurig selbstbewusst auftreten, andere im Gesprächsfluss unterbrechen, alle möglichen Fragen zum Unternehmen stellen und behaupten, dass er so ziemlich alles kann. Er wird, was seine Qualifikationen angeht, auch so gut lügen können, dass die anderen es nich merken, und er kann sich vermutlich auch souverän über Dinge unterhalten, von denen er absolut keine Ahnung hat. Kurzum: Sein Auftreten wird viele Schweizer erschlagen.

Hierbei handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch von Sandra Willmeroth und Fredy Hämmerli: Exgüsi. Ein Knigge für Deutsche und Schweizer zur Vermeidung grober Missverständnisse. Erhältlich bei Orell Füssli für 34,90 Franken / 19,90 Euro.

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