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Kolumne: Ich war Banker – jetzt bin ich Wachmann

“Raus”, sage ich und zeige zur Tür. Einige angetrunkene Jugendliche tauschen Nettigkeiten mit anderen Teenies aus. Zum Glück wird die erste Gruppe vom Grundstück eskortiert, bevor etwas Ernstes passieren kann. Derweil drehe ich wieder meine Runden. Auseinandersetzungen und Zeitgenossen, die auf das Gelände meines Auftraggebers pinkeln, sind eher unbedeutende, aber störende Zuwiderhandlungen, mit denen man es regelmäßig zu tun bekommt.

Vor ungefähr einem Jahr bin ich nach London gekommen. Ich hatte bereits in meiner Heimat einige Jahre Erfahrung mit den Finanzmärkten gesammelt und hatte Glück, dass ich auf dem Handelssaal einer Investmentbank Arbeit fand. Wie für viele in dieser Branche, war das der einzige Grund für mich, hierher zu kommen. Für uns Ausländer ist London für die Finanzmärkte das, was Monte Carlo für die Formel 1 bedeutet.

Ich muss meinen Jobwechsel wohl nicht erläutern. Ich denke, die Boulevard-Zeitungen haben das zu genüge getan.

Ich habe meinen Arbeitsplatz bei der Investmentbank verloren. Danach habe ich zunächst sechs Monate nach einem neuen gesucht. Wie bei der ersten Jobsuche bin ich auch jetzt jeden Tag um sechs Uhr aufgestanden, habe Emails gelesen und beantwortet, die Nachrichten überflogen und Webseiten nach freie Stellen durchsucht. Um acht Uhr habe ich Personalberater angerufen, Banker, Wertpapierhändler. Zwischen 10 und 17 Uhr habe ich Bewerbungsgespräche mit Personalberatern geführt – an guten Tagen sogar mit potenziellen Arbeitgebern.

Das sechs Monate lang zu tun, war härter als jeder Job, den ich bis dahin hatte. Und natürlich konnte ich davon nicht meine Rechnungen bezahlen. Wenn man jeden Morgen das gleiche Spiel mit den ach so geliebten Personalberatern erlebt und von Arbeitgeber ständig “Wir stellen derzeit nicht ein” hört, dann entmutigt das auf Dauer auch den hartnäckigsten Bewerber.

Irgendwann sagte mir ein Personalberater, dass ich keine Chance habe. Ich sei bereits seit sechs Monaten arbeitslos; andere, die erst vor zwei Wochen entlassen worden seien, hätten in der Zwischenzeit entscheidende Kenntnisse angeeignet, die mir offensichtlich fehlten. Dass ich vorher vier Jahre in der Branche beschäftigt war, sei egal. Ich notierte mir den Namen des Headhunters – um zu verhindern, dass ich nochmal mit ihm telefonieren würde.

Ich schaue nicht zurück. Statt den ganzen Tag hinter einem Computer hocken und zu allen Kunden immer nur “nett” sein zu müssen, erlebe ich jetzt gerade ein Abenteuer. Potenzielle Kleinkriminelle zu packen und sie im Sinne des Auftraggebers zu “erziehen”, trägt sicher zur Charakterbildung bei.

Einige entlassene Banker haben Glück gehabt und eine neue Stelle gefunden. Einige wurden Lehrer, Handwerker oder Polizisten. Ich bin jetzt ein Wachmann!

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