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Frankfurt trotzt der negativen Presse

Die Schlagzeilen über gewaltige Stellenkürzungen im Banking erzählen nicht die ganze Geschichte

Fragen Sie jemanden, was er mit der Phrase “Bankarbeitsplätze in Deutschland” verbindet, so wird wahrscheinlich “Entlassungen” seine Antwort sein. Der deutsche Arbeitsmarkt ist jedoch mehr als nur aggressives Entlassen.

John Jessen, Direktor beim Frankfurter Headhunter Smith & Jessen, meint, die schlagzeilenträchtigen Entlassungen verschleierten den Blick auf eine positivere Realität. “Die Leute lesen über Stellenkürzungen und denken, dass das alles ist. Aber es gibt hier auch viele Neueinstellungen.”

Jessen berichtet, dass die deutschen Banken verstärkt nach neuen Angestellten im Bereich strukturierter Kreditprodukte suchen. Sasha Gerland, Partner beim Konkurrenten Hillreiner Consulting, bestätigt diesen Trend: “Jeder, der irgendetwas mit Krediten zu tun hat, ist stark gefragt.”

Barclays Capital ist an der Spitze der Bewegung. Omar Selim, Leiter der Abteilung “Fremdkapitalmärkte, Vertrieb und Handel” für Deutschland, Österreich und die Schweiz, erklärt, dass der deutsche Markt sich öffnet. “Deutsche Kunden werden europäischer und wissen es zunehmend zu schätzen, mit Europäern zu arbeiten, im Gegensatz zu den sehr auf Deutsche fokussierten Institutionen.”

Selim erklärt, dass Barclays Capital sich von einer unter vielen ausländischen Banken in Deutschland zu einem der führenden Player entwickeln will. Im vergangenen Jahr warb die britische Bank Selim und sieben Renten-Vertriebsleute von der Credit Suisse First Boston ab. Für dieses Jahr plant er die Einstellung von 50 Personen für die Frankfurter Niederlassung und 15 Kapitalmarktexperten im Front-Office für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Die landeseigenen Landesbanken sind ebenfalls auf der Suche für Sales-Personal im Rentenbereich. Claus Tumbrägel, Leiter des Renten- und Derivatevertriebs bei der HSH Nordbank, meint, die Landesbanken änderten ihre Geschäftsmodelle, bevor im Juli die Staatlichen Bürgschaften wegfallen. Er erklärt: “Wir werden von einer reinen Asset-Sammelmaschine zu einer mehr kapitalmarktorientierten Einheit um den Ertrag zu stabilisieren.”

Im vergangenen Jahr warb die HSH Nordbank Tumbrägel von HSBC ab und stellten zusätzliche 10 Personen ein. Tumbrägel erklärt, es gebe Pläne, im laufenden Jahr noch einige mehr einzustellen, aber er befürchtet, dass der Wettbewerb um den besten Nachwuchs wahrscheinlich hart wird. “Es ist allgemein realisiert worden, dass Deutschland der zweitwichtigste Markt in Europa ist und dass er von einigen Banken dominiert wird. Jeder investiert hier.”

Doch Strukturierte Kreditprodukte sind nicht der einzige Schwerpunkt der Aktivitäten. Fidelity, einer der größten Kapitalanlagegesellschaften in Europa, will ebenfalls in Deutschland expandieren. Im neuen deutschen Fidelity-Gebäude arbeiten derzeit 160 Menschen, es gibt aber noch Platz für weitere 340. Klaus Mössle, Direktor des Bereichs Institutionelle Kunden in Deutschland bei Fidelity, hält Deutschland für den wichtigsten kontinentaleuropäischen Markt. “Private und institutionelle Geldanlagen werden hier in Zukunft eine wesentlich größere Rolle spielen.”

Auch Private Equity-Fonds beschäftigen indirekt die Headhunter. Im Jahr 2004 verdoppelte sich das Volumen von Private Equity-Transaktionen gegenüber dem Vorjahr auf 18 Milliarden Euro. Niels Wilm, Headhunter bei der Bad Nauheimer Banking Consult, berichtet, der aufkeimende Markt veranlasse amerikanische und europäische Banken, ihre Leveraged-Finance-Teams zu verstärken. BNP Paribas zum Beispiel warb im Dezember Christian Lange von der Deutschen Bank für seine Frankfurter Corporate Finance-Gruppe ab.

Sogar auf dem erstarrte Stellenmarkt im Mergers & Acquisitions-Bereich gibt es einen Silberstreif am Horizont. BNP Paribas wilderte im März bei Lazard und stellte Markus Schneider als Direktor seines M&A-Teams ein.

Andreas Weik, Berater beim Frankfurter Personalvermittler Hofmann & Heads, meint, die meisten Banken suchten Partner im dritten Berufsjahr, um an Deals zu arbeiten, die bereits in der Pipeline sind. “Nach Entlassungen in den Jahren 2001 und 2002 haben die Banken nun nicht mehr genügend Personal, um die anfallende Arbeit erledigen zu können, wenn diese Deals wirklich zum Tragen kommen.”

Die Anzahl der Stellenangebote wird wahrscheinlich nicht sehr groß sein – Weik berichtet, die Banken suchten kaum mehr als jeweils zwei oder drei Ergänzungen für ihre Teams. Das erinnert daran, dass der deutsche Stellenmarkt im Bankenbereich im globalen Vergleich eher klein ausfällt. Der Frankfurter Handelskammer zufolge sind in der Region weniger als 150.000 Menschen im Banken- und Versicherungsgewerbe angestellt.

Im Gegensatz dazu schätzt das Researchunternehmen “Centre for Economics and Business Research”, dass alleine bei Fonds- und Finanzierungsgesellschaften mehr als 300.000 Menschen in der Londoner City arbeiten.

Trotz vereinzelter Neueinstellungen wird der Arbeitsmarkt in Deutschland aber eher noch enger. Die Deutsche Bank hat ein Programm zur Kürzung von 6.000 Stellen im Investmentbanking aufgesetzt, von denen 2.000 wohl Deutschland betreffen werden. Im Februar gab die HypoVereinsbank, Deutschlands zweitgrößte Bank, Pläne bekannt, 2.400 Mitarbeiter entlassen zu wollen, nachdem sie 3 Jahre in Folge neue Jobs geschaffen hatte.

Herbert Mühlenhoff, Chef der Frankfurter Outplacement-Beratung Mühlenhoff & Partner, berichtet, dass Back- und Middle-Office-Mitarbeiter am meisten um ihren Job fürchten müssen. “Es gibt viele Entlassungen in den Bereichen Clearing und Abrechung. Viele Arbeitskräfte halten es für nötig, die Laufbahn zu wechseln und etwas völlig anderes anzufangen,” sagt er. Institute wie die DWP Bank, einem Clearing- und Abrechnungsspezialist, tragen eine Mitschuld. Die DWP, 2003 aus der Fusion zweier Abrechnungs-Dienstleister entstanden, will die Clearing- und Abrechnungskosten der Banken um 30 bis 40% senken. DWP arbeitet bereits u.a. für die DZ Bank und die WestLB. Ein Sprecher der Dresdner Bank erklärte, dass die Dresdner ihre Abrechnungen ab 2006 durch die DWP Bank erledigen lassen will.

Zugleich verweisen Headhunter auf eine Verlagerung von Jobs nach London. “Die Handelsbücher sind umorganisiert worden und orientieren sich jetzt an Branchen, nicht mehr an Sektoren,” heißt es.

Morgan Stanley hat offenbar sein Frankfurter Handelsteam von rund 10 Leuten vor 5 Jahren auf nur noch 3 reduziert. Im Dezember entließ die Citigroup 3 Händler in Frankfurt und verlagerte alle Handelsaktivitäten nach London.

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