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Mit Technik zum Erfolg?

Es gibt viele Methoden, die Kurse von Aktien oder Währungen zu prognostizieren. Eine der umstrittensten war und ist die Technische Analyse. Haben Technische Analysten in der Finanzbranche eine reelle Chance?

Elliot-Wellen, Trend-Kanäle und Kopf-Schulter-Formationen – wer bei diesen Begriffen an Wassersport denkt, ist auf dem falschen Dampfer. Begriffe wie diese sind das täglich Brot von Technische Analysten. Mit Hilfe der Kursbewegungen der Vergangenheit, aus denen wiederkehrende Muster gefiltert werden, versuchen die “Techniker”, die idealen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte für Assets aller Art zu ermitteln.

Doch die Technischen Analysten stehen traditionell im Schatten der “klassischen” Fundamentalanalysten, die aus unternehmensspezifischen Daten und der Analyse des ökonomischen Umfelds die Wertpapiere von Unternehmen bewerten und so deren künftige Kursentwicklung zu prognostizieren versuchen.

Gerade weil sich in Zeiten der weltweiten Börsenhausse viele im Kaffeesatzlesen übten und zu Hobby-Technikern wurden, die überall Unterstützungslinien und steigende Dreiecke witterten, ist das Image der Technische Analyse angegriffen. Insbesondere in Deutschland gibt es viele Skeptiker, während der Berufsstand der Technischen Analysten in den USA nur noch recht geringen Akzeptanzproblemen gegenüber steht.

Dr. Gregor Bauer, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands e.V. (VTAD), bestätigt Unterschiede zwischen den USA und Deutschland: “Die Technische Analyse kommt im Wesentlichen aus den USA. So ist festzustellen, dass in den USA die Technische Analyse schon weiter verbreitet ist.”

Solche Akzeptanzprobleme auszuräumen ist das Ziel der 700 Mitglieder starken VTAD. Die VTAD ist der deutsche Landesverband der International Federation of Technical Analysts (IFTA), dem internationalen Dachverband mit Sitz in USA, dem weltweit etwa 5.000 Technische Analysten angehören.

Der Werdegang eines Technischen Analysten

Diese Zahlen zeigen, dass es durchaus auch in Deutschland Technische Analysten gibt. Aber wie werde ich Technischer Analyst? Da es keinen klassischen Ausbildungsweg gibt, eignen sich Technische Analysten ihr Wissen quasi nebenbei an. Es gibt viele Wege, sich Kenntnisse in der Technischen Analyse zu erarbeiten. Dazu zählen neben in Wirtschaftsstudiengängen angebotenen Universitätskursen auch Bücher oder Seminare von bekannten “Technikern”, wie beispielsweise Marcel Mußler.

Mußler, inzwischen Herausgeber eines eigenen, auf der Technischen Analyse basierenden Börsenbriefs, gilt als einer der profiliertesten Vertreter der Technischen Analyse in Deutschland. Der ehemalige Banker der damaligen Bayerischen Vereinsbank und DG Bank meint: “Es ist gar nicht so schwierig, die Technische Analyse zu verstehen, denn dazu sind eigentlich nur zwei Dinge notwendig: Das Erlernen und Trainieren des Umgangs mit den objektiven Werkzeugen, und das Erarbeiten einer individuellen, subjektiven Methodik.”

Das notwendige Rüstzeug will er dem an der Technischen Analyse Interessierten durch Bücher, Seminare und Online-Lehrgänge mitgeben. Das Programm des Berufverbands VTAD geht darüber noch hinaus. Eines der Hauptziele der Vereinigung ist die Etablierung eines Ausbildungs- und Qualitätsstandards für Technische Analysten in Deutschland. Neben einem stufenweisen Ausbildungsprogramm gehören hier auch regelmäßige Weiterbildungskurse zum Repertoire.

Zudem bietet die VTAD als staatlich anerkannter Berufsverband branchenweit anerkannte Abschlüsse an. Mit dem von der IFTA angebotenen Certified Financial Technician (CFT) und Master of Financial Technical Analysis (MFTA) haben Technische Analysten der VTAD zufolge hierzulande erstmals die Möglichkeit, ihre Qualifikation durch ein international anerkanntes Zertifikat zu dokumentieren.

Bauer sieht ein solches Zertifikat als unerlässlich an: “Da der Begriff des Technischen Analysten nicht gesetzlich geschützt ist, bietet ein Zertifikat eines unabhängigen Fachverbandes wie der VTAD/IFTA mit seinen international anerkannten Prüfungen den Personalabteilungen einen “objektiveren” Anhaltspunkt für die Qualifikation eines Bewerbers”, so Bauer. “Wenn ein Analyst seine Fachkenntnisse nachprüfbar darlegen kann, stärkt das natürlich seine Qualifikation in den Augen potenzieller Arbeitgeber.”

Zudem sieht er einen Vorteil darin, dass die Ausbildungsprogramme beim VTAD breiter gefächert sind und dazu führen, dass sich der Kandidat auch mit Gebieten befasst, die er selbst nicht anwendet und von sich aus nicht erlernen würde.

Doch ein solches Ausbildungsprogramm ist nicht alles, gibt Bauer zu. Ein Technischer Analyst ist für potenzielle Arbeitgeber natürlich vor allem dann interessant, wenn er mit seinen Methoden nachprüfbar an den Märkten Geld verdient hat und Kenntnisse im fundamentalen und im quantitativen Bereich aufweisen kann.

Das Berufsbild und die Chancen, es auszuüben

Was tut ein zertifizierter Technischer Analyst? Mögliche Arbeitsbereiche sind Fondsmanagement, Vermögensverwaltung oder Nostrohändler bei Banken. Das Zuständigkeitsgebiet eines Technischen Analysten umfasst alle klassischen Analystenaufgaben, z.B. die professionelle Analyse für Renten-, Devisen- und Aktienmärkte in Form von strategischen, technisch-orientierten Trendaussagen wie auch timing-orientierte kurzfristige Performanceoptimierung in der Kapitalanlage. Auch Portfoliomanagement, Mitwirkung bei der Erarbeitung der Hausmeinung sowie die interne und externe Verbreitung der Research-Ergebnisse können dazu gehören.

Doch in Deutschland gibt es nach Einschätzung von Dr. Bauer nicht viele reine Technische Analysten in Bankhäusern und Vermögensverwaltungen. “Die Technische Analyse wird beim Handel als Wissen vorausgesetzt. Dezidierte Technische Analyse wird nur in Analyseabteilungen betrieben, welche die Hausmeinung für interne Richtlinien, Entscheidungssupport für Portfolio-Management oder für Publikationen erstellen. Als Stabsfunktionen erwirtschaften diese keine direkten Erträge und werden in der Regel klein gehalten.”

Ganz so düster scheint es aber nicht zu sein. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) beispielsweise hat sehr wohl Technische Analysten auf ihrer Pay-Role, wie Horst Soulier, Leiter Equity Research bei der LBBW, bestätigt: “In unserem Equity Research sind zwei Technische Analysten beschäftigt, die sämtliche gängigen technischen Verfahren beherrschen und in der Elliot-Wave-Methode den Schwerpunkt sehen.” Er sieht in der LBBW durchaus keine große Ausnahme. “‘Reine’ technische Analysten gibt es nicht nur bei der LBBW, sondern auch bei anderen großen deutschen Banken”, ist er überzeugt.

Auch im Fondsmanagement gibt es Betätigungsfelder. “Es gibt auch rein technisch orientierte Fondsmanager, etwa in Hedge Fonds oder Managed Accounts”, meint VTAD-Chef Bauer.

Der Freiberuf als Chance

Wenn die Arbeitsplätze als abhängig Beschäftigter nicht gerade reich gesät sind, kann eine freiberufliche Tätigkeit das Mittel der Wahl sein. So hat sich in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von VTAD-Mitgliedern mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Technische Analyse selbstständig gemacht: als Publizist mit der Herausgabe von Börsenbriefen, als Vermögensverwalter, als Entwickler von Analysesoftware oder als Seminarleiter bzw. Trainer.

Auch für diese freiberuflich tätigen Technischen Analysten sieht Bauer einen Vorteil in zertifizierten Abschlüssen: “Durch die Abschlüsse CFT und MFTA hebt sich ein freiberuflich arbeitender Analyst besonders positiv von den sehr vielen Analysten ab, die derzeit auf den Markt drängen. Der Sachkundenachweis ist auch für jeden Kunden wichtig, denn beispielsweise auch in der Kfz-Werkstatt fühlt man sich ja besser aufgehoben, wenn ein Meisterbrief vorliegt.”

Daneben sind für Freiberufler natürlich auch persönliche Beziehungen von großer Bedeutung: aktives Kontaktmanagement, Mitgliedschaft in Vereinen und Verbänden, regelmäßige Besuche von Veranstaltungen und möglicherweise auch der Eintritt in einen Golfclub.

Wie viel verdient ein Technischer Analyst? Diese Frage ist schwer zu beantworten, Untersuchungen über die Gehaltsstrukturen angestellter Technischer Analysten liegen nicht vor. Tarifverträge oder Gehaltsempfehlungen gibt es auch nicht. Jeder hat sein Gehalt selbst in der Hand, meint Bauer: “Wir geben keine Gehaltsempfehlungen ab. Jeder Analyst verhandelt sein Gehalt selbst.”

Auch eine ungefähre Summe will Bauer nicht nennen, da die Schwankungsbreite sehr groß ist. “Eine Schwierigkeit liegt auch darin, den Begriff und vor allem das Tätigkeitsfeld exakt zu definieren – auch Fondsmanager arbeiten ja technisch-analytisch, gelten aber eben als Fondsmanager.”

So ausgereift Ihre Technik also auch sein mag – mit einer Zertifizierung erhöhen Sie Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Technische Analysten beträchtlich.

Kommentare (3)

Comments
  1. Genau genommen bringt einem die Ausbildung beim VTAD gar nichts. Es ist eine sich selbst lobende Gemeinschaft. Ohne Disziplin bringt einen das beste System nichts. Lernen kann man alles. Umsetzen, ist die andere Sache. Wenn einer ausreichend diszipliniert traden kann, braucht er diese Ausbildung nicht. System entwickeln lernt man durch ständiges tun. Beruflich interessiert es die Banker und Vermögensverwalter kaum. Seminare können sie auch ohne Ausbildung abhalten. Alle reden, kaum einer kann was.

  2. Aus meiner langjährigen Erfahrung im Bereich HR sollte hier Widerrede erfolgen. Der globalisierte Arbeitsmarkt bedarf institutioneller Standardisierungen über Qualifikationsmerkmale wie eben die Berufspezifika CFTe, CFA, CIIA, CAIA et cetera. Hier gelingt es über den CFTe zumindest etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

    Daneben sind für uns sicherlich soft skills und Rhetorik ebenfalls entscheidend.

    Glücklicherweise degradieren sich “Schaumschläger” meist sehr schnell selbst, indem sie bei Fachinterviews ihre Materie in voller Tiefe nicht beherrschen oder selbst fundamentale Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung (siehe Kommentar oben) vermissen lassen.

  3. Sicherlich erhöht ein Zertifikat die Berufschancen zum Teil und ist deshalb sinnvoll. Jedoch muss ich “Realität” beipflichten, dass die TA leicht auswendig gelernt werden kann. Die disziplinierte Anwendung ist eine ganz andere Sache, bei der die meisten scheitern.
    Außerdem muss ich leider sagen, dass die Rhetorik-Kenntnisse oftmals eher dazu dienen sollen, die eigene Unfähigkeit zu vertuschen oder den gemeinen Pöbel an etwas glauben zu lassen, was gar nicht existiert.

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