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Der Teutonenknigge: Was deutsche Banker in der Schweiz beherzigen sollten

Foto: Getty Images

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Beim Thema “Deutsche in der Schweiz” geht es in der eidgenössischen Boulevardpresse gelegentlich zu wie auf einem wilhelminischen Schlachtschiff: “Feuer frei aus allen Kanonen.” So startete beispielsweise der Blick seine berüchtigte Serie “Wie viel Deutsche verträgt die Schweiz” mit folgenden Worten:

“Hochdeutsch sprechen, damit Sie in Zürich ein Bier bestellen. Auf den Strassen meist nur schwarz-rot-goldene Fahnen nach einem Fussball-Match? Wenn Sie davon die Schnauze voll haben, dann sind Sie hier am richtigen Ort.”

Doch die “Schnauze voll” haben zumindest die Schweizer Arbeitgeber noch lange nicht. So sprechen die Zahlen des Eidgenössischen Bundesamtes für Statistik eine eindeutige Sprache. Noch in 1995 lebten lediglich rund 97.000 Deutsche zwischen Genfer und Bodensee, was einen Bevölkerungsanteil von 1,4 Prozent entsprach.

Dagegen waren es in 2009 bereits etwa 266.000 Deutsche, was stolze 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Somit wuchs die Zahl der Deutschen in anderthalb Jahrzehnten um 174 Prozent. Nur noch die Italiener sind mit knapp 294.000 Teilzeit-Eidgenossen stärker vertreten.

Quelle: Bundesamt für Statistik Schweiz

Deutsche Banker werden wegen ihrer guten Ausbildung gern gesehen

Doch seit dem Beginn des kleinen deutschen Wirtschaftswunders Anfang 2010 hat der Ansturm der Teutonen auf die Schweiz merklich nachgelassen. “Eine Zeit lang haben wir mehr Bewerbungen aus Deutschland als aus der Schweiz erhalten”, beobachtet Emanuel Kessler vom Zürcher Executive Search-Unternehmen kessler.vogler in Zürich. Dagegen würden sich heute vermehrt Deutsche bewerben, die bereits in der Schweiz wohnen. “Die haben sich schon an die Sitten und Gewohnheiten angepasst”, bemerkt der Headhunter.

Laut Stephan Surber vom Recruitment-Unternehmen Michael Page in der Schweiz zeigen sich die Kunden nach der Finanzkrise wieder offen für Bewerber aus Deutschland: “Generell haben wir gute Erfahrungen gesammelt, da Kandidaten aus Deutschland sehr qualifiziert sind und eine gute Ausbildung durchlaufen haben.”

Der Clash of Civilisations bleibt aus

“Ich kenne das Problem vor allem aus den Medien”, betont Kessler. Bei den Kunden spielt das Thema kaum eine Rolle. Deutsche Bewerber hätten nicht weniger Chancen als Schweizer. Ganz ähnlich sieht dies Surber. Wenn deutsche Banker sich anzupassen wüssten, dann würden diese keine Probleme im Arbeitsmarkt und in Bewerbungsprozessen vorfinden.

Den Kulturschock zwischen Deutschen und Schweizern sieht auch Klaus Robert Biermann von BiermannPartners in Zürich gelassen: “Da gibt es keine grossen Unterschiede. Ich glaube nicht, dass sich Deutsche hier anders verhalten sollten.” Auch wenn jemand von Hamburg nach München ziehe, müsse er sich anpassen.

Der mangelnde “Clash of Civilisations” scheint indes auch der Branche geschuldet zu sein. “Im Finanzbereich ist das Thema nicht so ausgeprägt wie beispielsweise im Handwerk oder der Industrie”, ergänzt Biermann. Denn die Finanzbranche ist bereits so international, dass dies kaum noch eine Rolle spiele.

Immer Probleme mit der Sprache

“Schweizerdeutsch zu verstehen, stellt schon einen grossen Schritt dar. Es wird nicht erwartet, dass man es spricht, aber man muss es verstehen”, beobachtet Kessler. Und zumindest mit dem Zürcher Deutsch würden Einwanderer aus dem Norden recht zügig zurechtkommen. Surber warnt Deutsche sogar vor zu viel Engagement in Sachen Sprache: “Sie sollten nur versuchen, Schweizerdeutsch zu verstehen, dies aber nicht versuchen nachzuahmen.”

Das Thema Sprache kann auch auf dem Arbeitsmarkt relevant werden. Laut Kessler würden teilweise Relationship Manager im Wealth Management bevorzugt, die Schweizerdeutsch aktiv sprechen könnten oder zumindest die charakteristische Sprachfärbung im Hochdeutsch aufwiesen. Doch auch hierfür seien weniger die Schweizer Arbeitgeber verantwortlich als vielmehr die Kundenwünsche. Groteskerweise zögen gerade viele deutsche Klienten vor, von Schweizer Relationship Managern betreut zu werden als von Landsleuten mit Wurzeln in Remscheid oder Görlitz.

“Swissness ist ein Vorteil bei Positionen mit Kundenkontakt, welche ein lokales Netzwerk beanspruchen, z.B. Institutional Sales mit Pensionskassen, Investment- und Retailbanking, welche sich auf Schweizer Kunden (KMU’s) fokussieren und auch Topmanagement-Funktionen für lokale Schweizer Firmen”, ergänzt Surber.

Einige kleine Benimmregeln

Etwas kritischer sieht Stefan Bächer vom Executive Search-Unternehmen Guggenbühl & Bächer in Zürich die Einwanderungswelle aus dem “grossen Kanton”. Von den Zuwanderern werde eine gewisse Anpassungsbereichtschaft erwartet: “Der Neue muss den ersten Schritt machen, das ist überall gleich.”

“Die Forschheit und Direktheit der Deutschen, das fühlen sich viele Schweizer überfahren”, ergänzt Bächer. Vielleicht hegten die Schweizer auch ein wenig Angst und Respekt vor dem grossen Nachbarn.

“Deutsche Banker tendieren zu einem Hauch von Überheblichkeit, sie sollten sich von der Schweizer Bodenständigkeit eine Scheibe abschneiden”, rät Surber.

Laut Biermann gelte es im Alltagsleben ein paar einfache Regeln zu beachten. So würden die Schweizer den Konjunktiv bevorzugen. Das teutonische “Ich bekomme ein Bier” sei verpönt, vielmehr hiesse es höflicher: “Ich hätte gern ein Bier.”

Die Schweizer seien im privaten Umgang anfänglich reserviert, was besonders für den ländlichen Raum gelte, beobachtet Bächer: “Wir wollen unser Gärtchen schützen, das ist tief drin in den Schweizer Genen.”

Kommentare (3)

Comments
  1. Die Schweizer sollen sich mal nicht so haben. Ohne die deutschen Einwanderer würde das Wirtschaftswachstum deutlich geringer ausfallen.

  2. Nur ein kleiner Hinweis eines von diesem Thema langsam etwas genervten Deutschen: Die angesprochene angeblich typisch “teutonische” Art der Bierbestellung gilt auch in Deutschland als äusserst unhöflich und ist alles andere als üblich…

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