Die Finanzbranche bleibt das Mekka für Spitzenverdiener

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Wolfgang R. Rothe* über Gehaltsaussichten von Finanzexperten in Deutschland und Europa.

Die Fragen stellte Corinna Wnuck.

Die Mercer-Studie "Total Renumeration Survey 2005" ist frisch veröffentlicht. Wie viel Gehalt können wir im nächsten Jahr erwarten, Herr Rothe?

Das lässt sich leider nicht so leicht pauschal prognostizieren. Allerdings zeichnet sich ein branchenübergreifender Vergütungstrend ab, der sich wohl auch in den nächsten Jahren fortsetzen wird.

Was heißt das genau?

In den vergangenen Jahren sind die fixen Gehälter zu Gunsten der variablen Gehaltsanteile stagniert. Das bedeutet, dass die Jahresgehälter an sich prozentual im niedrigen einstelligen Bereich gewachsen sind, die leistungsabhängigen Bonuszahlungen dagegen deutlich gewachsen sind.

Gilt das für alle Branchen und Positionen?

Nein, nicht ganz. Die Finanzbranche ist aber in jedem Fall ein Sektor, für den wir diese Entwicklung bestätigen können. Die Gehälter in der Finanzbranche sind vergangenes Jahr im oberen Management um etwa 2 Prozent gestiegen. Im Jahr davor waren es noch 2,2 Prozent. Mit dem oberen Management sind Führungspositionen unterhalb des Vorstandes gemeint. Auf niedrigeren Positionen, die aber nicht mehr nach Tarif bezahlt werden, sind die Festgehälter nur um 1,8 oder 1,9 Prozent angestiegen.

Das klingt nach recht mageren Zuwachsraten.

Es klingt schlimmer als es letztlich ist, denn der Finanzsektor bleibt weiterhin eine der Branchen, in der mit am besten bezahlt wird. Jedoch haben auch die Finanzinstitute auf die wirtschaftlichen Entwicklungen und den damit verbundenen Zwang zum Umstrukturieren reagiert. Sie sind mittlerweile bei den Grundgehältern zurückhaltender geworden und realisieren Gehaltserhöhungen über den Bonus.

Ist der Finanzangestellte damit nicht der Willkür seines Arbeitgebers ausgeliefert?

Ganz im Gegenteil, denn auf diese Weise wird die Fairness von Vergütungssystemen deutlich erhöht. Früher hat man den Unternehmen oft vorgeworfen, nach dem Gießkannenprinzip vorzugehen. Heute richtet sich die Vergütung stärker nach der individuellen Leistung. Bonuszahlungen werden auch auf den unteren Ebenen individuell vereinbart und mit klar definierten Leistungszielen verknüpft. In den Führungsetagen wird die Höhe des variablen Gehaltsanteils überdies mit dem Unternehmenserfolg verknüpft. Gerade in der Finanzbranche fangen die Institute aber schon ziemlich weit unten auf der Karriereleiter damit an, die Prämien vom Jahresabschluss des Unternehmens abhängig zu machen.

Würde es sich vor diesem Hintergrund lohnen, lieber einen Arbeitsplatz im Ausland anzustreben?

Das ist eine zwiespältige Überlegung. Die Arbeitsplätze und die Verdienstmöglichkeiten lassen sich nicht so einfach vergleichen. Zudem spielen bei der Verlagerung des eigenen Arbeitsplatzes ins Ausland auch noch schwerer messbare Aspekte wie Lebensqualität und Lebenshaltungskosten eine große Rolle. Wer eine solche Überlegung anstellt, sollte den Ort der Wahl haargenau mit dem Ort vergleichen, an dem er oder sie gerade lebt und dann ganz individuell entscheiden, wo für ihn oder sie die Vorteile die Nachteile überwiegen.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Vergleicht man zum Beispiel die Verdienstmöglichkeiten in der deutschen Finanzbranche mit denen in Großbritannien wird es schon sehr schwierig. Die Bruttogehälter in Deutschland sind ganz anders aufgebaut als die in Großbritannien. Auf den ersten Blick wirkt der Umzug nach London daher wie ein lohnendes Geschäft, denn Londoner Gehälter sind nominal wesentlich höher als die von Frankfurter Finanzangestellten. In Deutschland haben wir zum Beispiel hohe Sozialversicherungsabgaben, weshalb die Netto-Grundgehälter niedriger ausfallen. In Großbritannien gibt es dagegen nur eine minimale Grundversorgung und der einzelne muss bei der Gesundheitsversorgung oder bei der Rente noch einmal ordentlich drauflegen. Es wäre ein Trugschluss, ein deutsches Bruttogehalt 1:1 mit einem britischen zu vergleichen.

Gleicht das höhere Gehalt diese Zusatzkosten nicht wieder aus?

Auch das wäre zu kurz gedacht. In London ist das Gehaltsniveau im Vergleich zum restlichen Königreich deutlich höher. Londoner Gehälter sind somit nicht wirklich repräsentativ für die Löhne in Großbritannien. Das gleiche gilt aber auch für die Lebenshaltungskosten in London. Frankfurter Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu London niedriger. Damit fallen auch die Gehälter niedriger aus. Womöglich bleibt in Frankfurt trotz des niedrigeren Gehalts am Ende dennoch mehr übrig.

Für Frankreich haben wir dasselbe Phänomen festgestellt: Im Pariser Raum sind die Gehälter deutlich höher als im restlichen Land. Aber auch sie werden wieder von den höheren Lebenshaltungskosten in Paris aufgefressen. In Deutschland ist der Gegensatz zwischen dem Einkommen in einer Großstadt und dem in den ländlicheren Gebieten dagegen nicht so groß.

Wie weiß ich dann, ob mein Gehalt im Ausland angemessen ist?

Ich würde das Gehalt nicht mit meinem hiesigen Gehalt vergleichen, sondern mich im Markt selber umsehen. Schauen Sie vor Ort, was die Person links und rechts von Ihnen verdient. Aber schauen Sie auch, was diese Person für ihre Krankenversicherung, die Wohnung und den restlichen Lebensunterhalt benötigt. Erst dann wissen Sie, wie viel Ihr Gehalt wirklich wert ist.

Zu guter Letzt: Wo gehen die Gehälter der deutschen Finanzexperten in Zukunft hin?

Ich denke, der Trend in Richtung ansteigender variabler Gehaltsanteile und stagnierender Grundgehälter wird sich fortsetzen. Bei den Prämienzahlungen werden die Unternehmen in Zukunft wahrscheinlich verstärkt auf die Mischung von short-term-incentives und langfristigen Zielvereinbarungen und Bonusaussichten setzen. Das sorgt bei den entsprechenden Anreizen darüber hinaus auch noch für längerfristige Mitarbeiterbindung.

Herr Rothe, wir danken Ihnen für das Gespräch.

*Wolfgang R. Rothe ist Consultant bei Mercer Human Resource Consulting in Frankfurt und leitet die deutschsprachige europäische Division der Mercer-Gehaltsstudien.

Mercer Human Resource Consulting ist mit über 13.000 Mitarbeitern weltweit ein führender Anbieter für HR-Beratung und HR-Dienstleistungen. Mercer Human Resource Consulting gehört zu Mercer Inc., einer Gruppe von Beratungsunternehmen, die in mehr als 40 Ländern aktiv ist.

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