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Interview mit dem Vizepräsidenten der Frankfurt School of Finance: “Um Gottes Willen nicht zu früh die Spezialisierung vorantreiben”

Die Frankfurt School of Finance & Management zählt zu den wichtigsten Aus- und Fortbildungseinrichtungen für die Bankwirtschaft in Deutschland. An der privaten Hochschule studieren derzeit rund 1200 Studenten aus aller Welt. In einem Interview mit eFinancialCareers äußerst sich Vizepräsident Ingolf Jungmann zu der Frage, welche Qualifizierung junge Menschen für den Arbeitsmarkt in der Bankwirtschaft fit macht.

eFC: Wie viel Akademiker braucht die Finanzwirtschaft?

Jungmann: Die Finanzwirtschaft benötigt auf jeden Fall mehr Akademiker als in der Vergangenheit. Wir können für Deutschland sagen, dass die Akademikerquote in der Kreditwirtschaft zurzeit bei etwa 10 Prozent liegt. Das ist schon ein Wachstum. Denn vor fünf oder sechs Jahren lagen wir bei 8 Prozent. Wenn Sie dann aber weiter schauen, wo sind diese Akademiker, dann sind sie in der ganz überwiegenden Anzahl im privaten Kreditgewerbe oder in den Landesbanken. Und sie sind dort in den großen Konzernen, in den Headquartern und nicht in den Filialen. Da wir aber davon ausgehen, dass die Komplexität des Finanzsektors eher steigt und die zentralen Aufgaben zulegen, wird auch der Anteil der Akademiker zunehmen.

eFC: Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge ist mittlerweile weit fortgeschritten. Doch reicht ein Bachelor gerade in der Kreditwirtschaft aus und in welchen Bereichen würden Sie einen Bachelor am ehesten sehen?

Jungmann: Vom Grundsatz her reicht ein Bachelor. Das gilt nicht für alle Bereiche, doch es gilt für einen großen Teil der Bereiche. In der Praxis ist jedoch in 2009/10 etwas anderes passiert: Über 50 Prozent der Bachelor-Absolventen machen weiter. Das geht aber nicht so sehr auf die Arbeitgeber zurück, sondern auf das Marktumfeld. Wenn keine attraktiven Jobs für Bachelor in der Finanzwirtschaft vorhanden sind, weicht ein Teil der Studenten aus und qualifiziert sich weiter – zumal das auch finanzielle Implikationen hat. Die Grundidee des Bachelors wird durchaus von einigen Arbeitgebern getragen. Die Realität sieht jedoch anders aus.

eFC: Da möchte ich noch einmal nachhaken: Genügt den Arbeitgebern ein Bachelor wirklich? Desto höher der Anteil von Masterabsolventen wird, umso weniger Chancen gibt es für Bachelor, weil einfach die Konkurrenz zu stark ist.

Jungmann: Es gibt sicherlich Bereiche, da geht es gar nicht ohne Master. Wenn Sie im quantitativen Sektor einer Großbank arbeiten wollen, dann werden Sie ohne den Master nicht hinkommen.

eFC: Ganz konkret: Wo genügt ein Bachelor und wo ist ein Master erforderlich?

Jungmann: Für alle vertriebsorientierten Einheiten – und damit meine ich die zentralen vertriebssteuernden Einheiten wie das Marketing – da reicht ein Bachelor. Je analytischer, je stärker Sie sich in Nischen aufhalten, desto häufiger wird der Master verlangt. Im Kapitalmarkt oder im Prozessmanagement, da werden Sie immer noch einen Master oben drauf setzen müssen.

eFC: Mittlerweile gibt es ja ein breites Angebot an Masterabschlüssen. Welche Abschlüsse werden am ehesten nachgefragt?

Jungmann: Wenn Sie sich als junger Mensch klar positionieren in der Finanzwirtschaft, dann ist ein Master of Finance die richtige Wahl. Innerhalb eines solchen Programms werden Sie sich einfach entscheiden müssen. Wenn der Arbeitsmarkt sich wieder etwas entspannen wird, werden sich viele junge Menschen wieder für eine kapitalmarktnahe Spezialisierung entscheiden, weil es da immer noch gut bezahlte Jobs gibt, weil sie die höchste Internationalität aufweisen und die meisten Mobilitätsmöglichkeiten anbieten. Der Arbeitsmarkt ist aber momentan nicht so. Es stellt sich die Frage: Mit welchem Masterprogramm und welcher Spezialisierung können Sie sich am Ende der Tage bei unterschiedlichen Arbeitgebern und auf unterschiedlichen Jobs bewerben?

eFC: Damit bleibt die Wahl zwischen einer Spezialisierung oder einer breiteren Ausbildung, die eine höhere Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt bietet.

Jungmann: Das ist das Risiko der frühen Spezialisierung. Natürlich bedeutet der Master immer eine Form der Spezialisierung. Grundsätzlich tendiert der Arbeitsmarkt derzeit dazu, eine relativ frühe Spezialisierung zu verlangen, da die jungen Menschen dann sehr schnell einen relevanten Output für das Unternehmen bringen.

eFC: Das ist dann aber nur die Unternehmenssicht. Aber aus Absolventensicht birgt das vielleicht auch Risiken.

Jungmann: Auch wir als Business School halten das nicht für gut. Denn wir halten eine generalistische Qualifikation – egal auf welchem Level – am Anfang für besser. Wir wissen doch alle, was in den letzten Jahren passiert ist: Wie oft mussten junge Leute ihr berufliches Umfeld ändern, wie schnell kann es Ihnen passieren, dass Sie in ganz anderen Kontexten beruflich wieder tätigt sind. Je breiter, je universalistischer Sie universitär qualifiziert sind, desto mehr Möglichkeiten haben Sie doch, sich auf unterschiedliche Jobprofile zu bewerben. Um Gottes Willen nicht zu früh die Spezialisierung vorantreiben, damit Sie sich nicht in Nischen begeben, aus denen Sie gegebenenfalls nicht herauskommen – Nischen, die es vielleicht in zehn Jahren gar nicht mehr gibt.

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