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GASTKOMMENTAR: Die Schweiz? Am Ende doch kein guter Karriereschritt

Ein Abgesang auf die große alpine Debatte. Nach allgemeiner Einschätzung haben sich die Dinnerparties rund um London den Kopf darüber zerbrochen, ob die Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 50 Prozent, die Bonus-Restriktionen, die allgemeine Feindschaft gegenüber den Bankern und die unsicheren Mehrheitsverhältnisse im britischen Parlament bedeuten, dass alle Zauberer der Finanzmärkte in die Schweiz ziehen sollten.

Steht der Londoner City somit ein unaufhaltsamer Niedergang bevor, indem Spitzenbanker die alpine Zuflucht dem Canary Wharf vorziehen? Das können wir sicherlich zu den Akten legen, denn die Antwort heißt: nein.

Eine Untersuchung, die kürzlich von dem Recruitment-Unternehmen Selby Jennings unternommen wurde, zeigt, dass Spitzenverdiener nach Steuern üblicherweise rund das Doppelte in London als ihre Rivalen in Genf verdienen, während die mittleren Gehälter etwa 20 bis 25 Prozent über den Schweizer Pendants liegen. Trotz eines guten Bildes im Private Banking und im Rohstoffhandel gibt es dort keine Jobchancen auf dem gleichen Niveau wie in New York oder London, wo die Mehrzahl der Spitzenposten (und die höchsten Vergütungspakete) zu finden sind.

Die Ängste über einen Exodus aus der Londoner City sind schon seit einiger Zeit dubios. Entgegen von Berichten über ausgebuchte Seminare zum Thema Umzug in die Schweiz und donnernden Schlagzeilen, in denen die Regierung bezichtigt wird, die Zukunft der City durch das Wegtreiben der Leistungsträger zu gefährden, fehlt hierfür jeglicher nennenswerte Beweis. Im Februar hat beispielsweise der britische Fernsehsender Channel 4 von Daten der Eidgenössischen Einwanderungsbehörde berichtet, wonach die Zahl der Briten, die einen Job in den Finanzdienstleistungen aufnehmen, abnimmt. Dennoch ging die Debatte munter weiter.

Arbeitsmärkte verhalten sich wie schlichte Tiere: Nachfrage treibt die Vergütungen nach oben und Angebot drückt sie. Falls alle Unternehmen und Einzelpersonen, die beispielsweise vom Kanton Luzern umworben werden (die Unternehmensbesteuerung liegt irgendwo bei 10 Proeznt), tatsächlich umziehen würden, dann wären die Folgen offenkundig: Mit einem solchen Zufluss an Talenten würden die Gehälter fallen (oder zumindest gleich bleiben). Dagegen würden in London die Gehälter ansteigen und der Abstand zur Schweiz würde noch größer ausfallen.

Der Markt in der Londoner City ist einfach zu groß, um schwer von relativ kleinen Veränderungen getroffen zu werden. Der Spitzensteuersatz von 50 Prozent für Gehälter über 150.000 Pfund, das Einschlagen auf die Banker, aufgeschobene Bonuszahlungen, Citymaut, hohe Mieten und so weiter sind allesamt ägerlich – doch die Einschnitte und Stiche und alles, was sie mit sich bringen, finden in London statt. Die Stadt ist chaotisch, dreckig und gelegentlich brutal, aber wir lieben sie.

Ich erinnere an Harry Lime, den Kultschurken, der im Film noir von 1949 von Orson Wells gepielt wurde: “In Italien hatten sie unter den Borgia 30 Jahre lang Krieg, Terror, Mord und Blutvergießen, doch sie brachten Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervor. In der Schweiz hatten sie brüderliche Liebe, sie hatten 500 Jahre Demokratie und Frieden – und was haben sie geschaffen? Die Kuckucksuhr.”

Abgesehen von der historischen Korrektheit handelt es sich um ein gutes Argument, Harry. Ich denke, wir bleiben an Ort und Stelle.

(Bei dem Gastkommentar handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen, wobei dem Autoren ein gewichtiger Fehler unterlaufen ist: Die Kuckucksuhr wurde selbstverständlich von den Deutschen erfunden.)

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