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Gastkommentar: Offen gesagt, ich beabsichtige nicht nach Genf zu ziehen

Treibt uns die wachsende apokalyptische Vision eines bankerfeindlichen Grossbritanniens zu einer inbrünstigen Umarmung der Schweiz?

Von einem unternehmerischen Standpunkt aus – wie ihn kürzlich Goldman Sachs vorgebracht hat – mag dies sinnvoll sein: entkomme (ein wenig) der Bonus-Steuer, zahle weniger Körperschaftssteuern (oder gar keine); beschäftige Arbeitnehmer zu geringeren Einkommenssteuertarifen, Seen, Schifahren und Fondues.

Hört sich doch gut an? Für kundenkontaktarme, weitgehend elektronische Geschäfte stimmt dies wahrscheinlich. Deren Erfolg hängt fast vollständig von der Stärke ihrer Systeme und ihrer Mitarbeiter ab. Für die meisten Geschäftsbereiche ist die Schweiz dennoch ein Tabu. Und zwar weil…

Die Kunden dort nicht sind

Ok, es gibt einige wenige Kunden in der Schweiz. Doch die meisten werden bereits von örtlichen Büros betreut. Falls mehrere Banken einige Teams in die Schweiz verlagern, müssen sich die örtlichen Kunden verstecken und ihre Natel-Nummern wechseln. Wenn Sie ein vertriebsorientiertes Team für Aktienhandel in die Schweiz verlagern, dann werden diese Leute ihre Zeit beim Hin- und Zurückfliegen nach London verschwenden, wo sich alle Kunden tatsächlich aufhalten.

UBS beherrscht den Markt

Wie auch immer Ihr Geschäftsbereich aussieht, Sie können sicher sein, dass die UBS bereits vorne liegt. Von Privat- bis zum Unternehmenskundengeschäft betreiben die das dort mit eben jenen Kunden seit Jahren. Falls die UBS das aus irgendwelchen Gründen nicht abdeckt, dann macht das wahrscheinlich bereits Ihre örtliche Niederlassung (falls nicht Ihre, dann jemandes andere).

Sie sprechen nicht die Sprache

Ja, jeder spricht gut Englisch. Sie werden in der Lage sein, zu kommunizieren. Dennoch werden die Einheimischen mindestens eine, wenn nicht gar zwei andere Sprachen sprechen. Daher werden Sie von jenen Gesprächen ausgeschlossen sein, die oftmals die freundlichen Kleinigkeiten sind, die die Beziehung am Anfang und Ende eines Meetings bestimmen.

Die Einkommensteuer ist nicht so tadellos, wie es den Anschein hat

Die Schweizer Steuern werden vom Bund und den Kantonen erhoben. Sie können Ihr weltweites Einkommen und Vermögen betreffen (Ihr Londoner Eigenheim beispielsweise oder jedwede Mieteinkünfte). In den Kantonen herrscht eine große Verschwiegenheit über die Höhe der Belastungen und die Steuern können von Gegend zu Gegend erheblich variieren. Generell gesagt: je schöner die Gegend ist, in der Sie leben, desto mehr Steuern haben Sie zu zahlen.

In der Vergangenheit fiel es leicht, die Steuerrechnung zur minimieren. Doch die Schweizer Behörden – besonders auf der kantonalen Ebene – sind sich dieser Praktiken voll bewusst und versuchen sie auszumerzen. Die Möglichkeit zur Pauschalbesteuerung, an die häufig die Leute denken, die einen Umzug in Betracht ziehen, ist nur für nichtarbeitende Einwohner verfügbar, worunter Banker nicht fallen dürften.

Ihre Familie

… wird nicht in Genf leben wollen. Es ist nicht New York, nichtmals Hongkong. Ja, es ist recht schön, aber es ist so aufregend wie die Einfahrt der Themse an einem Dienstagabend. Nein danke, Ihre Liebsten werden in London bleiben und Sie werden in einer Mietwohnung mindestens vier Abende in der Woche für sich allein verbringen. Ja, London ist teuer und wird es immer mehr. Doch zumindest können wir uns im Pub treffen und gemeinsam darüber jammern.

Kommentare (4)

Comments
  1. In London machen um 23.30 alle Pubs dicht, da kann man wohl kaum noch von Weltstadt sprechen. Die Deutschen sind ja hierzulande nicht immer beliebt, aber nach 23.30 in Berlin geht man weder schlafen noch jammert man über die hohen Preise…

  2. Wenn mann London und Genf vergleicht, dann sollte mann auch die traurige Mordrate an Jugendlichen in der UK nicht vergessen. Auch das zweiklassen System ist dort viel ausgeprägter als in der Schweiz. Zuletzt sollte man auch bedenken, dass London sowie die UK bekannt sind, einen “leicht” höheren Konsum ihres liebsten Getränks zu haben als Schweizer und ich meine damit nicht Rivella. Ich habe in London, Genf und Zürich gearbeitet und gelebt, sowie auch viel Zeit in Frankfurt und Luxemburg sowie Asien verbracht. Obwohl mir Zürich am besten gefällt, war mir Genf 10mal lieber als die anderen Städte. Die Schweiz, trotz ihres eher kühlen Scharm gegenüber Ausländern ist doch von der Lebensqulität viel besser als die anderen Länder (auser OZ :-)).

  3. “Ja, es ist recht schön, aber es ist so aufregend wie die Einfahrt der Themse an einem Dienstagabend”

    Trotz nun immerhin schon 5 Jahren Leben und Arbeiten in London finde ich diese Aussage doch recht verquer und wenig nachvollziehbar. Genf ist sicherlich nicht so urban wie London, dafür ist das Publikum aber deutlich angenehmer, die Wohungen sind im Durchschnitt qualitativ hochwertiger ( nein, ich habe in London nicht in einem Brennpunkt gewohnt) und man bezahlt nicht für jeden Unsinn das doppelte nur weil mal ein Verkäufer aus London seine Finger dran hatte …. London wird aus meiner Sicht überschätzt …

  4. Who wrote this article? Here are some facts from a native English speaker, who works in the Financial Markets and moved to Switzerland.

    Clients: are also not in London. In the Global world we live in, European coverage e.g. is across Europe and not in London. Switzerland is in the midst of Europe, has one of the most efficient airports, great and working train and transportation network connected to major cities of Europe.
    Language: Switzerland has an international community and speaking only English has never closed me out of discussions. In any case, what better incentive and opportunity can one have to learn foreign languages
    Taxes: absolutely false, some of the most beautiful areas have the lowest taxes (Zollikon, Küsnacht, Herrliberg etc. on Lake of Zurich)
    Family: have many friends who moved their families and would do so all over again.

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