Karriereturbo versus Rohrkrepierer: Sind Praktika in London besser als in Frankfurt?

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Praktikum in London

Foto: Getty Images

Studenten mit Ambitionen im Investment Banking sind ohne einschlägige Praktika chancenlos - so viel ist klar. Doch sollten deutschsprachige Studenten ihre Praktika in London oder Frankfurt absolvieren? Zählt ein Praktikum an der Themse mehr als am Main? Danach haben wir Banker und Headhunter gefragt. Die Antworten fallen keinesfalls eindeutig aus.

Sommerpraktika versus Off-Cycle-Praktika

Die grossen Investmentbanken – auch die Deutsche Bank – bieten in London hauptsächlich „Summer Internships“ an. Dabei handelt es sich um ein straff organisiertes acht- bis zehnwöchiges Praktikum, für das sich Interessenten bis zu ein Jahr im Voraus bewerben müssen. „Frankfurt nimmt bei uns eine Sonderstellung ein. Wir bieten keine Sommerpraktika, sondern unterjährige Praktika an“, erzählt ein leitender Manager einer US-Investmentbank in Frankfurt. Üblicherweise laufen die Praktika drei Monate und besitzen die Möglichkeit einer Verlängerung auf sechs Monate, sofern sich beide Parteien einig sind.

Aus den Sommerpraktikanten werden in London ein Grossteil der Investment Banking-Einsteiger rekrutiert, was in Frankfurt gar nicht so unähnlich ist. „Auch viele unserer Analysten haben vorher ein Praktikum bei uns gemacht“, erzählt der Manager der US-Bank.

Name wichtiger als Standort

Bei der Karriere handelt es sich auch um ein Spiel der grossen Namen. London schlägt dabei Frankfurt, eine US-Investmentbank ein deutsches Institut aus der zweiten Reihe. „Im Zweifelsfall zählt die Adresse mehr als der Standort“, meint Headhunter Thore Behrens von Banking Consult in Frankfurt, der selbst Wirtschaftswissenschaften in Grossbritannien studiert hat. „Absolvieren Sie also lieber ein Praktikum bei einer erstklassigen Adresse in Frankfurt als bei einer drittklassigen in London.“

In London gibt’s mehr Geld

„London hat mir besser gefallen. Man wird wie ein Analyst behandelt, man bekommt das gleiche Gehalt wie ein First Year Analyst bei den grossen Banken und ein Blackberry“, erinnert sich Alex Bergen, der heute bei Lincoln International in Frankfurt arbeitet und Praktika in London und Frankfurt hinter sich hat. Darüber hinaus könne man dort in den Sektorteams der Investmentbanken arbeiten, die es in Frankfurt selten gibt.

„In London gehen Sie nach einem Sommerpraktikum bei einer Tier 1-Adresse mit 10.000 Euro nachhause. Damit haben Sie schon Teile Ihres Studienjahres finanziert. Das macht es sehr attraktiv“, kommentiert Behrens.

Ein Praktikum in London zeugt von Englischkenntnissen und Internationalität

„In London lernen Sie natürlich die Arbeit in grossen internationalen Teams kennen. Das stellt schon eine interessante Erfahrung dar“, meint Behrens.

Einen unschlagbaren Vorteil Londons stellen die Sprachkenntnisse dar. „Wer ein Praktikum in London absolviert hat, hat zumindest schon einmal bewiesen, dass er mit Englisch zurechtkommt“, betont Headhunterin Sabrina Tamm von Financial Talents in Frankfurt, die früher selbst im Londoner Investment Banking gearbeitet hat. „Ausserdem ist es wesentlich schwieriger ein Praktikum im Ausland zu organisieren. So müssen Sie beispielsweise in London ein Zimmer suchen. All das spricht für eine gewisse Tüchtigkeit.“

„Es bringt schon die Persönlichkeit voran, wenn man einmal einen so komplexen Bewerbungsprozess durchgemacht hat, wie er bei einem Summer Internship in London üblich ist. Das ist schon wesentlich aufwendiger als hier in Frankfurt“, meint auch Behrens. „Das bringt einen sogar weiter, wenn man keinen Erfolg hat. Deshalb sollte es jeder zumindest versuchen.“

In Frankfurt kann man womöglich mehr lernen

„Die Praktika in Frankfurt sind meist länger, die Teams kleiner und die Praktikanten studieren in der Regel Wirtschaftswissenschaften. Dadurch können sie oft schneller an Projekten mitarbeiten als das in London der Fall ist“, gibt Tamm zu bedenken.

„Interessanterweise sind die Interviewfragen in London meist weniger technisch als in Deutschland“, erinnert sich Bergen. „In Deutschland haben die meisten Investmentbanker Wirtschaftswissenschaften studiert, während in London auch viele Oxbridge-Absolventen mit anderen Abschlüssen wie in Englischer Literatur, Geschichte und Biologie arbeiten. Daher begnügen sich die Interviewer oft mit den technischen Basics.“

Für Deutsche im Auslandsstudium kann ein Praktikum in Frankfurt sogar von Vorteil sein

All dies gilt für Studenten aus den deutschsprachigen Ländern, nicht aber für Deutschsprachige, die von Anfang an in Grossbritannien studieren. „Wenn Sie an einer britischen Universität studieren, verfügen sie natürlich nicht über so viele Kontakte in Frankfurt als wenn Sie dort studieren“, kommentiert Behrens. „Um einige Kontakte in Frankfurt aufzubauen, kann es daher für Auslandsdeutsche sehr sinnvoll sein, hierzulande ein Investment Banking-Praktikum zu absolvieren.“

Londoner Boutiquen nicht vergessen

Für Studenten, die bei keiner grossen Investmentbank unterkommen, hat Bergen noch einen speziellen Tipp parat: „In London gibt es etwa 200 Boutiquen, bei denen Ihr Euch ebenfalls bewerben könnt. Dort könnt ihr Euch einfach über die Kontakt-Email-Adresse mit einem einseitigen Lebenslauf sowie mit einem kurzen Motivationsschreiben im E-Mail-Text bewerben.“

Falls Sie eine vertrauliche Nachricht, einen Aufreger oder einen Kommentar loswerden wollen, zögern Sie nicht! Schreiben Sie einfach an Florian Hamann. fhamann@efinancialcareers.com.

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