Der Leidensweg junger Consultants

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Der Leidensweg junger Consultants

Foto: Getty Images

Falls Sie darüber nachdenken, das Banking für eine Karriere im Consulting aufzugeben, dann sollten Sie vorsichtig sein. Denn das Leben als Berater fällt nicht unbedingt leichter als das von Bankern aus. Sie arbeiten härter, verdienen aber weniger.

Eine neue Untersuchung der Amsterdam School of Business and Economy im International Journal of Environmental Research and Public Health widmet sich dem harten Leben junger Consultants. Die Forscher befragten zwölf Manager und die ihnen untergebenen jüngeren Consultants zu ihrem Arbeitsleben. Dabei kam heraus: Die Manager setzen ihre jüngeren Mitarbeiter unter grossen Druck und diese brennen durch den hohen Stress rasch aus. Die Kommentare der jungen Berater und Manager dazu fallen erhellend aus.

Lange Arbeitszeiten und hohe Arbeitsbelastung

Wer glaubt, er müsse bei einem Consulting-Unternehmen weniger arbeiten als im Banking, der dürfte wohl eine Überraschung erleben. „Die Arbeit im Consulting hangelt sich von Deadline zu Deadline“, erzählt ein junger Berater den Wissenschaftlern. „Und wenn die Deadlines eng ausfallen, kommt man rasch auf 80 Stunden [die Woche].“ Ein andere verglich die Arbeit im Consulting mit einem „Druckkochtopf… Es handelt sich einfach um harte Arbeit und Sie haben Deadlines“.

Junge Berater erhalten nur wenig Unterstützung und trauen sich nicht ihre Vorgesetzten zu fragen

Die Banken versuchen das Leben ihrer jüngeren Mitarbeiter akzeptabler zu gestalten und ihnen die Möglichkeit einzuräumen, Nacht- oder Wochenendarbeit abzulehnen. Dagegen scheinen sich die jungen Consultants zu scheuen, mit Problemen zu ihrem Chef zu gehen. „Ich kenne mich. Sicherlich habe ich hier meine Probleme, aber ich würde damit niemals zu meinem Vorgesetzten gehen… Eine solche Offenbarung könnte mit einem Gesichtsverlust enden“, erzählt einer.

Ein Manager wiederum erzählte den Wissenschaftlern, dass überlastete junge Berater sich häufig schämen und gar nicht mit ihren Vorgesetzten über ihre Probleme sprechen wollen. Daher „laufe es auch nicht gut“, wenn die Probleme einmal aufgedeckt würden.

Im Consulting dreht sich alles darum, seine Kunden bei Laune zu halten

Wer aus dem Investmentbanking weiss, wie wichtig die Kunden sind, meint sich vielleicht im Consulting eher zurücklehnen zu können. Doch damit liegt er oft falsch.

„Die Grundregel lautet: Der Kunde muss bei Laune gehalten werden“, erzählte ein junger Berater. „Und das kann schon ein wirklich gefährliches Kriterium sein, bei dem Sie einfach zu weit gehen.“

Falls die jungen Consultants Kunden und Vorgesetzte nicht bei Laune halten, sind ihre Tage rasch gezählt. „Das Consulting stellt schon ein schwieriges Umfeld dar. Als junger Berater müssen Sie ihre Projektleiter zufriedenstellen“, erzählt ein Manager. „Seinen Manager zu enttäuschen, darf lediglich ein oder zweimal vorkommen. Dann schauen sie sich nach jemand anderem um.“

Berater arbeiten so lange, bis sie krank oder erschöpft sind

Erinnern Sie sich noch an Alexandra Michel, die erst Associate bei Goldman Sachs war, bevor sie Assistenz-Professorin für Management und Organisation an der University of California wurde? Michel hat herausgefunden, dass junge Investmentbanker so lange Zyklen von körperlicher Belastung durchmachen, bis sie entweder die Branche verlassen oder die Kontrolle zurückgewinnen. Bei Consultants scheint es ganz ähnlich zu laufen.

„Was mir auffällt ist das Alter der Leute mit langen Krankheiten, die sich rasch verschlimmern. Ich kenne eine wachsende Zahl junger Leute unter 30, die mit solchen Symptomen zu mir kommen“, erzählt ein Manager. Ein junger Consultant wiederum erzählt. „Wenn Sie an Ihre Grenzen gelangen und alles perfekt machen wollen, dann ist das nicht nachhaltig. Das ist auch mir passiert. Ich habe mich selbst krank gemacht.“

Consultants mustern ab, weil sie es nicht länger aushalten

Ähnlich wie viele Investmentbanker die Branche verlassen, weil sie einfach nicht mehr mit der Arbeit und dem dazugehörigen Lebensstil zurechtkommen, mustern auch Consultants ab.

„In einem Moment denken Sie: ‚OK, das schaffen wir schon.‘ Aber Sie wissen, dass wird nicht lange anhalten. Sie können junge Consultants einfach nicht über Wochen so lange an verschiedenen Projekten arbeiten lassen. Denn Sie wissen, dass Sie dann nach einem Jahr oder so gehen werden. Das ist nicht nachhaltig“, sagt ein anderer Manager aus dem Consulting. „Wenn die Leute wirklich mit ihren Projekten unglücklich sind, beginnen sie sich zu fragen, ob dies der richtige Job für sie ist und dann gehen sie“, sagt ein Junior.

Doch nicht alles im Consulting ist schlecht…

Es gibt aber auch positive Nachrichten. Der Beruf scheint im Karriereverlauf leichter zu werden. Die Arbeitszeiten würden eher bei 55 als bei 80 Stunden liegen. „Ich arbeite z. B. von 8 bis 19 Uhr“, sagt einer. Ein Junior vertrat sogar die Meinung, die Leute würden aus eigenem Antrieb so lange arbeiten. „Es gibt hier Leute, die nicht Nein sagen können; sie können einfach nicht aufhören. Aber sie lieben das und leisten gute Arbeit. Sie suchen aktiv nach solchem Druck.“

Doch auch bei den Beratungsfirmen gibt es Tendenzen, die Arbeitsbelastung jüngerer Mitarbeiter zu begrenzen. „Ich arbeite jetzt um die 60 Stunden [pro Woche]“, sagt ein Junior. „Sie achten darauf, dass man nicht zu lange arbeitet… Man hört auch Äusserungen wie: ‚Sie verlassen das Projekt immer zu spät‘.“ Ein anderer berichtet, dass er schon zu einem Seminar zur Work-Life-Balance geschickt worden sei. „Uns wurde beigebracht, wie wir Nein zu unserem Managern sagen.“

Einige Unternehmen gehen auch ungewöhnliche Wege, um ihren jüngeren Mitarbeitern Wertschätzung zu vermitteln. „Wenn wir von unseren Consultants erwarten, die Wochenenden zu arbeiten, dann bezahlen wir sie auch dafür“, sagt eine Führungskraft. „Wir senden der Familie einen Geschenkgutschein oder Blumen, vor allem wenn es häufiger vorkommt. Und wenn wir von Angestellten verlangen, über eine längere Zeit hart zu arbeiten, dann senden wir sie samt ihrer Familie auf einen Wochenendtrip.“

Noch wichtiger dürfte sein, dass Consultants von der Gesellschaft eine grössere Wertschätzung als Banker erfahren. „Ich mag das Consulting wirklich“, sagt ein Manager. „Ich liebe es anderen zu helfen und Dinge zu erläutern. Ich betrachte Consulting als Hilfe für andere. Es gibt keinen Grund, weshalb ich mich dafür schämen müsste.“

Laut einem anderen Manager würden Banker mittlerweile ein schlechteres Ansehen als Berater geniessen. „Ich denke das Reputationsproblem hat im Verlauf der vergangenen Jahre nachgelassen. Banker haben da ein grösseres Problem… Wieso verdienen letztere so viel?“

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