Nehmen Sie niemals ein Gegenangebot an – besonders nicht als Frau

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Sie wollen Ihren gegenwärtigen Job für etwas Besseres eintauschen? Dann stehen Ihre Chancen gut, dass Ihnen von Ihrem alten Arbeitgeber ein Gegenangebot unterbreitet wird. Doch das sollten Sie ausschlagen – besonders wenn Sie eine Frau sind.

Als Recruiter im Banking bin ich ständig mit Gegenangeboten konfrontiert. Dabei beobachte ich, wie hinterlistig besonders mit weiblichen Kandidaten umgesprungen wird – und dass Frauen besonders empfänglich dafür sind.

Die Gegenangebote von Banken funktionieren nach dem immer gleichen Schema: Erstens werden Sie zum Senior Management gerufen. Ein ganzer Tag wird mit Meetings mit immer höherstehenden Gesprächspartnern verbracht. Damit sollen Sie von ihrer Wertschätzung überzeugt werden, dass die Führungskräfte Sie tatsächlich kennen und nicht übersehen. Besonders Frauen fallen darauf gerne herein. Sie stehen meist ohnehin loyaler zum Unternehmen.

Zweitens wird Ihnen irgendeine Form von Beförderung angeboten. Ihnen wird erzählt, dass das ohnehin geplant war und welche Chancen Sie in dem Unternehmen haben. Auf diese Weise sollen Ihre Gründe für den Wechsel entkräftet werden. Doch das stimmt meist nicht: Sie wissen, dass Sie bereits seit einiger Zeit frustriert sind, aber erst jetzt den Schritt wagen, der sie zum Handeln zwingt.

Drittens wird ihnen eine schöne Gehaltserhöhung angeboten. Auch das wirkt auf Frauen meist besser als auf Männer: Viele von ihnen sind im Vergleich zum Rest des Teams unterbezahlt. Angesichts der Tatsache, dass Sie über Jahre unterhalb des Marktniveaus bezahlt wurden, erwartet Sie eine anständige Gehaltserhöhung. Ausserdem würde es ein Vermögen kosten, einen Ersatz für Sie zu finden.

Schliesslich wird Ihnen eine bessere Work-Life-Balance versprochen: flexible Arbeitszeiten, ein neuer Arbeitsort, andere Arbeitszeiten. Vielleicht haben Sie danach bereits früher gefragt, wurden aber niemals gehört. Auch diese Argumente verfehlen ihre Wirkung auf Frauen nicht, denn meist obliegt ihnen der Hauptteil der Kinderbetreuung.

Wieso sollten Sie aber auf alle diese Vorteile verzichten? Hauptsächlich weil sie nur von kurzer Dauer sind. An der Beförderung können Sie sich nur so lange erfreuen, bis sie einen Ersatz für Sie gefunden haben. Selbst wenn Sie das Gegenangebot annehmen, wird sich das Unternehmen nach jemanden anderes umschauen. Oft beauftragen uns Unternehmen einen Ersatz für jemanden zu finden, dem ein „Fluchtrisiko“ unterstellt wird. Die meisten dieser Personen haben bereits ein Gegenangebot angenommen. Die kräftige Gehaltserhöhung führt lediglich dazu, dass Sie bei späteren Anhebungsrunden bestraft werden. Ihr Gehalt wird langsamer steigen als das Ihrer Kollegen. Die flexiblen Arbeitszeiten verringern wiederum Ihre Beförderungschancen, vor allen Dingen weil sie nur in einer Notlage zu Stande gekommen ist. Mit dem Job bei einem neuen Arbeitgeber ist Ihnen besser gedient. Dort werden Ihre flexiblen Arbeitszeiten von Anfang an akzeptiert und sie sind von Ihnen überzeugt.

Für Frauen stellen Gegenangebote ein besonderes Karriererisiko dar. Im Banking fällt die Vergütung von Frauen oft geringer als die von Männern aus, weil sie seltener den Arbeitgeber wechseln. Nach unserer Erfahrung bleiben Frauen bei ihren Arbeitgebern normalerweise doppelt so lang wie ihre männlichen Kollegen. Für ihre Loyalität werden sie mit Nachteilen bestraft. Daher werden sie bei Beförderungsrunden auch oft übersehen. Wenn eine Frau ein Gegenangebot annimmt, ist das oft gleichbedeutend mit Unterbezahlung und Karrierestillstand beim alten Arbeitgeber.

Die Situation wird durch den Umstand verschlimmert, dass die Banken wissen: Frauen nehmen eher ein Gegenangebot an. Daher nutzen sie sie auch öfters ein, um ihre Top-Frauen zu halten – und zahlen ihnen dann einfach das Gleiche wie ihren männlichen Kollegen. Wenn Ihnen also das nächste Mal ein Gegenangebot vorgelegt wird, dann sollten Sie sich an meine Worte erinnern und es ausschlagen. Sie werden das nicht bereuen.

Remi Rogers ist ein Pseudonym. Es handelt sich um einen Recruiter aus London.

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