INTERVIEW mit PwC-Partner Gerald Gonsior: Was der Brexit für die Asset Management Branche bedeutet

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Gerald Gonsior

Gerald Gonsior ist Partner im Bereich Financial Services Advisory, Asset & Wealth Management bei PwC in Frankfurt am Main. In einem Interview erläutert er, welche Auswirkungen der Brexit auf das Asset Management hat und welche Karriereperspektiven PwC im Bereich Financial Services Advisory bietet.

Über den Brexit wurde schon viel Tinte vergossen, besonders zum Thema Investment Banking. Doch welche Auswirkungen wird der EU-Austritt Grossbritanniens auf die Asset Management-Branche haben?

Es geht in mehrere Richtungen. Asset Manager sind einerseits als Markteilnehmer eng mit den übrigen Finanzdienstleistern verbunden. Von daher gibt es zahlreiche sekundäre oder auch „derivative“ Auswirkungen. Bei Wertpapierhandel oder rechtlichen Fragen bspw. ist das Asset Management ähnlich betroffen wie die übrigen Markteilnehmer. Allerdings gibt es auch einige fürs Asset Management spezifische Punkte. Dazu gehören beispielsweise Regulierungen, die Fonds und deren Vertrieb betreffen.

Ein zweiter Aspekt ist, dass die Asset Management-Branche schon heute einen hohen Grad von grenzübergreifender Zusammenarbeit bzw. Integration aufweist. Für uns ist es daher wichtig, aus beiden Richtungen auf das Thema Brexit zu blicken. Die eine Blickrichtung haben die deutschen bzw. Asset Manager aus anderen EU-Ländern, die z.B. den Vertrieb ihrer Produkte in Grossbritannien neu regeln müssen. Die umgekehrte haben die britischen Asset Manager, deren Geschäft mit der EU betroffen ist.

Wie müssen wir uns das konkret vorstellen? Nehmen wir einen angelsächsischen Fonds, dessen Portfoliomanagement in London sitzt und der seine Produkte auch weiterhin in der EU vertreiben möchte.

Wenn ich ein Finanzprodukt in der EU vertreiben möchte, dann muss es hier für den Vertrieb zugelassen sein. Heute ist dies kein grosses Thema für einen britischen Fonds-Anbieter, da er ja selbst in der EU sitzt und entsprechenden Regularien unterliegt. In Zukunft stellt er allerdings einen Anbieter aus einem „Drittland“ dar. Dann kommen wir bspw. zum Thema „Passporting“ und der Einhaltung entsprechender Vorgaben durch den EU-Regulator.

Wie sieht das konkret aus, müssen diese Asset Manager Teile ihres Portfoliomanagements, ihrer Fondsadministration oder ihres Vertriebs in die restliche EU verlagern?

Schon heute sind britische oder auch sonstige internationale Fondsmanager oft irgendwo in EU-Ländern vertreten. Die Operations-Einheiten oder Back-Office Provider sitzen bspw. häufig in Dublin oder Luxemburg. Das funktioniert wunderbar, weil diese grenzübergreifenden Leistungs- bzw. Vertragsbeziehungen innerhalb eines europäischen Rechtsraumes stattfinden. Künftig wird das nicht mehr so einfach sein. Es handelt sich dann um grenzüberschreitende Leistungs- und Vertragsbeziehungen zwischen Entitäten in EU- und Nicht-EU-Ländern, die aufsichtsrechtlich gesondert zu untersuchen und zu genehmigen sind.

Und umgekehrt: Was bedeutet der Brexit für z.B. deutsche Asset Manager?

Teilweise ist das Portfoliomanagement für in Deutschland aufgelegte Fonds in London angesiedelt. Dieses Modell ist bspw. im institutionellen Bereich gar nicht so unüblich, weil sich in der britischen Hauptstadt viel Investment Management-Kompetenz befindet. Damit besteht künftig eine grenzüberschreitende Vertragsbeziehung in ein Nicht-EU-Land. Falls die Asset Manager das dabei belassen wollen, dann müssen sie sicherstellen, dass dies aufsichtsrechtlich irgendwie funktioniert. Falls das nicht der Fall sein sollte, kann das Portfoliomanagement entweder nicht länger von London aus erfolgen oder sie müssen auf ein anderes vertragliches Konstrukt umstellen. Dabei könnte es sich beispielsweise um ein Advisory-Mandat handeln, wonach das Portfoliomanagement formal nicht mehr in London angesiedelt ist. Rechtlich werden dann lediglich Anlageempfehlungen aus Grossbritannien heraus erteilt. Dies resultiert jedoch in zahlreichen operativen Herausforderungen und stellt sicherlich keine dauerhaft präferierte Lösung dar.

Das hört sich für mich so an, als ob auf Rechtsanwaltskanzleien viel Arbeit wartet, aber letztlich gar keine Jobs verlagert werden?

Das Thema Jobs wird noch spannend werden. Zum einen dreht es sich tatsächlich um Regulatorik und Vertragsbeziehungen, zum anderen aber auch um operative Themen. So läuft bspw. ein ganz relevanter Anteil des Tradings aktuell über britische Broker. Wenn der Handelspartner eines deutschen Asset Managers damit aber zukünftig in einem Nicht-EU-Land sitzt, dann muss dies irgendwie gesondert geregelt und aufgesetzt werden. Wie, das weiss heute noch keiner genau, aber wir erwarten durchaus, dass die Asset Manager angesichts dessen versuchen werden, aussereuropäische Trading-Aktivitäten zu vermeiden. Ähnliches haben wir bereits bei der Einführung des US-Gesetzes Dodd-Frank gesehen. Damit werden sich die Trading-Aktivitäten voraussichtlich stärker zu EU-ansässigen, kontinentaleuropäischen Kontrahenten verschieben.

Darauf scheinen sich die Investmentbanken – Goldman Sachs, JP Morgan, Citi oder Morgan Stanley – mit der schon angekündigten Verlagerung von Teilen ihres Tradings nach Frankfurt und andernorts vorzubereiten. Von den Asset Managern hört man da wenig.

Richtig. Die Verlagerungen auf der Sell-Side (Investmentbanken) werden jedoch auch Auswirkungen auf die Buy-Side (Asset Management) haben. Wir rechnen damit, dass in dem ganzen auf Capital Markets bezogenen Geschäft, d.h. alles um das Investment in und den Handel mit Wertpapieren, auch bei den Asset Managern signifikant Ressourcen aufgebaut werden z.B. an den Trading-Desks aber auch in den sonstigen Front- und Middle-Office Bereichen. Das sind Profile, von denen wir dann signifikant zu wenige in Frankfurt haben werden - denn wir haben zwar aktuell viele Banker, aber deutlich weniger Capital Markets-Experten hier am Standort.

Die Finanzdienstleister arbeiten reihum an ihren Brexit-Plänen. Wie kann PwC dabei helfen?

Wir schauen uns die Asset Management-Gesellschaften über die gesamte Wertschöpfungskette an: das Front-, Middle- und Back-Office. Anschliessend überlegen wir uns, ob die einzelnen Bereiche vom Brexit stark, mittel oder schwach betroffen sein werden. Im Front Office geht es wie gesagt z.B. um Portfoliomanagement und Handel, aber auch darum, wie ein Asset Manager seinen Vertrieb aufbaut. Neben Produkten und Prozessen geht es aber häufig auch um IT- und Datenschutz-Fragen. Das sind aber nur einzelne Beispiele - unser Ansatz ist es, dass wir uns die Business und Operating Modelle unserer Mandanten gesamthaft anschauen und dann gemeinsam mit unseren Mandanten Ideen und Lösungen entwickeln.

Wie entwickelt sich die Nachfrage nach Ihren Dienstleistungen?

Unser Asset Management Consulting Team zählt auf der Beratungsseite zu den am schnellsten wachsenden bei PwC. Wir legen seit vielen Jahren nachhaltig im zweistelligen Prozentbereich zu und das Wachstum wird unvermindert weitergehen. Dabei spielt die sehr gute Entwicklung der Asset Management-Branche natürlich auch eine Rolle. Sie hat seit der Finanzkrise vieles richtig gemacht und die Assets under Management vieler Gesellschaften eilen von einem Rekord zum nächsten. Hinzu kommen Themen wie anhaltendes Niedrigzins-Umfeld, zunehmende Bedeutung der Altersvorsorge, Regulierung und Digitalisierung. Als auf diese Branche spezialisierte Berater profitieren wir natürlich von diesen Entwicklungen und die Nachfrage von Kundenseite ist enorm.

Von wie vielen Leuten sprechen wir?

Allein in Deutschland beschäftigt PwC mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Consulting und prüfungsnahen Beratungsgeschäft im Asset Management (Wertpapier- und Immobilienbereich). Damit sind wir hierzulande der klare Marktführer. Hinzu kommen Asset Management Experten aus der Wirtschaftsprüfung und den Bereichen Tax & Legal sowie aus unserem internationalen Netzwerk. Das ist wichtig, denn eine Thematik wie den Brexit schauen wir uns aus allen erdenklichen Blickwinkeln an.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit den grössten Spass? Worin bestehen Ihre Herausforderungen z.B. beim Brexit?

Am meisten Spass macht mir die tägliche Zusammenarbeit mit dem Team, wenn es darum geht, in einem sich schnell verändernden und internationalen Umfeld gemeinsam mit unseren Mandanten innovative Lösungen für komplexe Herausforderungen – wie bspw. den Brexit – zu entwickeln und umzusetzen. Die Zusammenarbeit mit Experten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten und Ländern ist unheimlich spannend und bringt uns alle und auch unsere Mandanten wirklich weiter.

Welche berufserfahrenen Profile stellen Sie ein?

Die zunehmende Internationalisierung und das starke Wachstum des Sektors prägen nicht nur das Team und die Zusammenarbeit sondern sie bieten insbesondere auch spannende Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Wir stellen dementsprechend über alle Level und Erfahrungsstufen hinweg ein. Zu uns wechseln Leute von anderen Beratungen aber auch Mitarbeiter von Asset Managern. Das gilt übrigens nicht nur für den Sektor Asset Management: Auch unser Team auf der Banking Capital Markets Seite wächst sehr dynamisch und bietet tolle Karriereperspektiven.

Was müssen Hochschulabsolventen mitbringen, um in der Asset Management Advisory von PwC eine Chance zu bekommen?

Wir legen Wert auf entsprechende Studienleistungen. Es gibt aber keine Ausschlusskriterien, was Universitäten oder Studienschwerpunkte betrifft. Eine Affinität zu den Finanzmärkten sollte auf jeden Fall vorhanden sein. So etwas kann durch Studienschwerpunkte, Praktika, aber auch mit ausseruniversitären Tätigkeiten erreicht werden wie z.B. Mitarbeit in Investmentclubs. Auch Internationalität ist für uns wichtig, die z.B. durch Auslandspraktika oder Auslandssemester erworben wurde.

Muss es immer ein wirtschaftswissenschaftliches Studium sein?

Wir beschäftigten viele Wirtschaftswissenschaftler. Der Anteil von Absolventen anderer Fachrichtungen legt jedoch sukzessive zu. Dazu gehören z.B. die MINT-Richtungen. So haben wir Physiker, Mathematiker, Wirtschaftsinformatiker und -ingenieure im Team. Auch Kompetenzen in IT bzw. Data & Analytics sind für uns interessant. Derartige Themen gewinnen ständig an Bedeutung.

Welche Praktika sind für Sie wichtig?

Schön sind natürlich Praktika direkt im Asset Management oder Investment Banking. Eine Pflicht stellt das aber nicht dar. Es müssen keine Detailkenntnisse im Asset Management vorhanden sein. Wir haben ein sehr gutes und intensives Ausbildungscurriculum für alle entwickelt, die neu bei uns einsteigen.

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