Jobzerstörer Brexit entpuppt sich als zahnloser Tiger

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Jobzerstörer Brexit entpuppt sich als zahnloser Tiger

Noch viereinhalb Monate, dann endet die Übergangsperiode und Grossbritannien verlässt die EU. Für Finanzdienstleistungen bedeutet das, dass das „Passporting” endet und allem Anschein nach auch nicht durch ein neues Abkommen ersetzt wird. Erst diese Woche erklärte Valdis Dombrovskis, geschäftsführender Vize-Präsident der EU-Kommission, dass man in Brüssel noch nicht bereit wäre, ein Äquivalenz für Grossbritannien zu prüfen – und deutete an, dass es Banken in London nach Ablauf der Übergangsperiode am 31. Dezember mit Kunden aus der EU schwer haben dürften.

Unter diesen Umständen könnte man annehmen, dass Banken alles daran setzen würden, ihre verbleibenden Londoner Mitarbeiter mit Kundenkontakt in die EU so schnell wie möglich nach Paris oder Frankfurt zu versetzen. Denn: Ohne Passporting, ohne eine klare Ersatzregelungen und ohne „Mikro-Abkommen“ mit den individuellen Nationalstaaten werden Banker in London schlichtweg keine Geschäfte innerhalb der EU machen können.

Aber: Die Banken selbst scheinen das Ganze gelassen zu sehen.

Dies liegt zum Teil daran, dass die meisten Arbeitsplätze, die London verlassen mussten, schon weg sind. So hat beispielsweise Bank of America im vergangenen Jahr die Verlegung der betreffenden Mitarbeiter von London nach Paris abgeschlossen und konzentriert sich jetzt darauf, das Geschäft in der EU weiter aufzubauen. Insider bei JPMorgan geben an, dass 95 Prozent der Mitarbeiter, die von London nach Paris und Frankfurt wechseln, bereits dort sind – die letzten sind im Juli umgezogen. Barclays sagte letzten Monat, dass das Unternehmen nun neben London auch in Irland, Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und den Niederlanden über Niederlassungen verfüge. Und BNP Paribas gab an, dass man als Reaktion auf den Brexit 400 neue Stellen in Kontinentaleuropa geschaffen habe – davon 160 im Front Office, die restlichen in Bereichen wie Technologie.

Nichtsdestotrotz ist die Zahl der Arbeitsplätze, die von London in die EU-Finanzzentren abwandern, niedriger als erwartet – vor allem wenn man an die ersten Prognosen zurückdenkt, in denen das Verschwinden von Zehntausenden von Arbeitsplätzen prophezeit wurde. Zwar sind einige Sales-Jobs mit EU-Bezug abgewandert, aber vor allem Trading-Jobs sind in Kontinentaleuropa dünn gesät: Es gibt einige Hinweise darauf, dass in Frankfurt Banken wie Morgan Stanley entsprechende Stellen neu geschaffen haben – die meisten Trader scheinen aber an Ort und Stelle geblieben zu sein.

Für Headhunter dort ist dies natürlich enttäuschend – die hatten gedacht, dass es anders kommen würde. „Es sind weit weniger Arbeitsplätze umgezogen, als gehofft“, so Andreas Günther, ein ehemaliger Derivatehändler, der mittlerweile als Senior Consultant bei Fred Executive Search in Frankfurt tätig ist. „Die Banken scheinen noch immer abzuwarten – vielleicht sind einige Stellen auch nach Paris und in andere europäische Städte verlegt worden. In Frankfurt ist es auf dem Stellenmarkt für Trader im Moment ziemlich ruhig, aber wir denken trotzdem, dass mit der Zeit weitere Arbeitsplätze hierher kommen.“

Peter Bevan, Global Practice Head der Linklaters Financial Regulation Group in London, erklärt dass die nominale Verlagerung von Arbeitsplätzen im Trading nach Paris und Frankfurt widerspiegelt, dass Banken das Risiko so lange wie möglich von London aus steuern wollen. „Viele Banken planen, einen Grossteil des Risikohandlings zurück nach London zu holen und es ist daher sinnvoll, dass Trader in London bleiben“, sagt Bevan. „Mit der Zeit kann sich das ändern – der Grad an Risikotransfer, der im Januar 2021 akzeptabel ist, ist möglicherweise nicht derselbe wie der, der im Januar 2026 akzeptabel ist.“

In der Theorie haben die EU-Regulierungsbehörden angedeutet, diese Art des „back to back“-Tradings nicht zulassen zu wollen. Tatsächlich ist dies allerdings übliche Praxis. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Banken Risiken intern zwischen Handelsplätzen transferieren. Risiken, die von US-Banken in Asien eingegangen werden, könnten zum Beispiel zurück in die USA transferiert werden. Dies ist eine allgemein gängige Art, Geschäfte zu machen“, so Bevan.

Dass man in Paris und Frankfurt bislang vergeblich darauf wartet, dass durch den Brexit massenweise neue Jobs entstehen, könnte auch andere Gründe haben. Ein leitender Händler in Frankfurt sagt, dass man bei ihnen (in einer grossen deutschen Bank) auf dem Trading Floor extra Platz gemacht habe für Leute, die aus London herüberkommen sollten – gekommen seien diese dann aber doch nicht. „Die haben es eher in Kauf genommen, gekündigt zu werden oder haben sich einen anderen Job in London gesucht. Ein paar Expat-Deutsche sind nach Frankfurt gezogen – aber das war’s dann auch“, erklärt er.

Statt der grossangelegten Verlagerung von Jobs berichtet der Trader, dass lediglich ein paar „Rockstars“ aus dem Front Office umgezogen seien und sich dies auch entsprechend vergolden lassen haben. Im Middle- und Backoffice, so sagt er, wäre es viel zu teuer gewesen, Mitarbeiter zu versetzen. „Bei allen grossen Banken waren Positionen aufgrund der verschiedenen Standorte doppelt und manchmal sogar dreifach besetzt – da wurde schnell klar, dass es in Frankfurt, Paris oder Amsterdam bereits jemanden gab, der genau das tut, was gesucht wird.“

Er deutet ausserdem an, dass Banken aus Kostengründen einfach dazu übergegangen seien, die Arbeit auf Mitarbeiter im Middle- und Backoffice umzuverteilen – ein weiterer Grund dafür, dass Headhunter in die Röhre schauen. Die bestehenden EU-Mitarbeiter haben mehr Arbeit, die meisten Trader harren weiter in London aus. Umgezogen sind nur eine Handvoll Sales-Leute und Banker mit Kundenkontakt.

Soweit die Situation Ende 2020 aus. Etwas ändern dürfte sich frühestens mit dem Eintritt des Brexit im Januar 2021.

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