Banken-Praktika sind nirgendwo so brutal wie in Paris

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Banken-Praktika sind nirgendwo so brutal wie in Paris

Wer 2020 ein Praktikum bei einer Bank machen will, tut dies hoffentlich in Paris. Als jemand, der auf beiden Seiten des Atlantiks Erfahrung bei Banken sammeln konnte, kann ich sagen, dass Praktika in Paris definitiv am schlimmsten sind.

Was ich erlebt habe, mag nicht bei allen Banken in Paris so sein, und vielleicht ist es mittlerweile auch besser geworden. Ich habe 2014 Praktikum im Bereich M&A bei einer führenden französischen Bank gemacht. Mag sein, dass es seitdem anders ist – wirklich glauben tue ich es nicht, denn ein Freund von mir war dort letztes Jahr Praktikant und hat ähnliches erlebt wie ich. Die besagte Bank in Paris ist die härteste von allen, bei denen ich bisher gearbeitet habe. Man wird dort so geschunden, dass man entweder zu Asche oder zum Diamanten wird, wobei die meisten eher im Aschenbecher enden.

Praktika in Paris sind anders als in London oder New York: Sie dauern im Normalfall nicht 12 Wochen, sondern sechs Monate. Und sie sind stark von der französischen Kultur beeinflusst. Das Bankwesen in Frankreich gleicht einer hierarchischen Monarchie: Als Praktikant steht man ganz unten und hat quasi den härtesten Job der Welt – in Frankreich MD zu sein, ist hingegen das Beste, was man sich vorstellen kann.

Wie man in Frankreich mit Praktikanten umgeht, erkennt man schon an den räumlichen Gegebenheiten. In der französischen Bank, bei der ich war, waren die MDs im vierten Stock. Rangniedrigere Kollegen sassen auf den Etagen darunter. Praktikanten wurden in ein eigenes Stockwerk verbannt und waren dort komplett für sich. Daraus folgte, dass es fast gar keine Interaktion zwischen Praktikanten und MDs gab. Während meines sechsmonatigen Praktikums hatte ich nur ein einziges Mal mit einem MD zu tun, und zwar, weil ich ein Buch zurückbringen musste und er zufällig gerade da war. Hinzukam, dass wir in kleinen Büros waren, wo Gespräche nicht mitgehört werden konnten, wodurch sich ein so rauer Ton eingebürgert hatte, wie er in Grossraumbüros niemals vorkommen würde.

Der undankbare Analyst

In der Praxis sah das Ganze wie folgt aus: Der Analyst, für den ich arbeitete, bat mich ein Memorandum zu erstellen, in dem Investoren ein Unternehmen vorgestellt wurde, das wir verkaufen wollten. Zu Beginn hatten wir uns auf französische Investoren konzentriert, doch dann ergab sich die Gelegenheit für ein Treffen mit einer britischen Investmentfirma und das Memorandum musste ins Englische übersetzt werden. Ich freute mich und machte mich an die Arbeit.

Zum Hintergrund: Mein GMAT liegt bei 740. Ich hatte seit einem Jahr eine amerikanische Freundin und traute mir die Übersetzung durchaus zu. Wie viele Folien es genau waren, weiss ich nicht mehr – wahrscheinlich 40 bis 60. Ich übersetzte die gesamte Präsentation, von mittags bis 6 Uhr morgens. Dann ging ich für drei Stunden nach Hause und kam um 9 Uhr wieder ins Büro. Dort wurde ich von meinem Analysten empfangen, der mich auf übelste beschimpfte, weil er 40 Minuten damit zubringen musste, Übersetzungsfehler zu korrigieren und ich eine Folie komplett übersehen hatte.

Er gab mir das Gefühl, nichts wert zu sein und gab die gesamte Arbeit als seine Eigene aus. Als junger Student konnte ich mit der Situation überhaupt nicht umgehen.

Friss oder stirb

Überraschend war dies allerdings mitnichten. Schon an meinem ersten Arbeitstag hatte der Analyst, der mein sechsmonatiges Praktikum betreuen sollte, mir nicht einmal hallo gesagt. Er zeigte mir auch nichts.

Als ich ihn einmal bat, mir etwas zu erklären, sagte er: „Denkst du, ich hätte für sowas Zeit? Hast du keine Freunde, die du fragen kannst? Das hier ist nicht BNP Paribas. Das hier ist X, und hier kämpft jeder gegen jeden. Sieh zu, dass Du es allein hinkriegst.“

Ich dachte mir nichts dabei, denn ich war darauf eingestellt. Im Vorstellungsgespräch war mir gesagt worden: „Dir muss bewusst sein, dass das hier Bank X ist. Hier herrscht ein rauer Wind. Es kommt vor, dass Leute in Tränen ausbrechen.“

Ich war wild entschlossen, nicht in Tränen auszubrechen. Was auch immer an Demütigungen kam, ich schluckte sie.

Heute arbeite ich nicht bei einer Bank, sondern bei einem Start-Up. Wenn ich mich an die Praktikumszeit zurückerinnere, habe ich Mitleid mit dem Analysten, der mich betreut hat. Zu seiner Verteidigung muss ich anmerken, dass ich meine Probleme mit ihm während meiner Zeit dort nie angesprochen habe – dies hatte ich mir fest vorgenommen. Er stand unter immensem Stress und er wollte mich nicht absichtlich ausnutzen, sondern war berechtigterweise verärgert über meine Fehler und tatsächlich überzeugt davon, dass ich nicht gut genug sei.

Es ist schwer, mit einer solche Erfahrung abzuschliessen und nach vorn zu blicken, aber es ist mir gelungen. Nachdem ich gegangen war und Erfahrung bei anderen Unternehmen sammeln konnte, wurde mir klar, dass es im Bankwesen auch anders zugehen kann: Es kann wirklich bereichernd sein und es gibt tolle Leute. Praktika in Paris sind einfach besonders qualvoll.

Aubin Pierlot ist ein Pseudonym

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