„Nachdem ich jahrelang den Lebensstil eines Bankers führte, habe ich erst den Schaden begriffen, den ich verursachte“

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„Nachdem ich jahrelang den Lebensstil eines Bankers führte, habe ich erst den Schaden begriffen, den ich verursachte“

Photo by Fred Moon on Unsplash

Andrew Medhurst ist ein vielbeschäftigter Mann. Nach 17 Jahren im Fixed Income Sales and Trading bei HSBC in Asien und einer Reihe von Jobs im Investmentmanagement ist er Aktivist geworden. Medhurst hat sich als Ex-Banker der „Extinction Rebellion“ angeschlossen, als er von Bloomberg in der vergangenen Woche am Londoner Trafalgar Square interviewt wurde. Nachdem er die Leitung des „XR-Teams“ von Finanzprofis übernommen hat, pflegt er einen neuen Lebensstil. So nimmt er jetzt den Zug, wenn er wie in dieser Woche zu einer Veranstaltung nach Madrid reist.

„Der Lebensstil von Führungskräften im Banking und Fondsmanager führt zu einem hohen Kohlendioxidausstoss“, sagt Medhurst. „Ja, auch ich habe diesen Lebensstil im Alter von 30 bis 50 gepflegt. So habe ich einen schicken Urlaub im Ausland verbracht, um mich von den höllischen 14-Stunden-Tagen bei der Bank zu erholen. Dabei habe ich den Schaden, den ich angerichtet habe, ignoriert. Das mache ich nicht mehr.“

Als Folge dieser Bekehrung hat Medhurst seit 18 Monaten kein Flugzeug mehr bestiegen. Seiner Meinung nach sollten Banker, die zu einem Kundenmeeting oder in den Urlaub fliegen, die Website Shameplane.com besuchen. „Sie müssen wissen, dass ein Hin-und-Rückflug von London nach New York in der Business-Klasse mehr Kohlendioxid ausstösst, als man durch vegetarische Ernährung, den Verzicht auf ein Auto und den Verzehr lokal hergestellter Lebensmittel in einem ganzen Jahr einspart“, meint Medhurst. „Der Preis für häufige Flüge in der Business-Klasse ist eine schlechtere Zukunft für unsere Kinder und Enkel.“

Obgleich laut Medhurst einer seiner ehemaligen Kollegen seinen neuen Lebensstil kritisiert hat, unterstützen ihn die meisten. „Ich habe kürzlich zufällig einen ehemaligen Vorgesetzten aus meiner Zeit bei HSBC in Tokyo von 1993 bis 1995 getroffen. Er hat mich gefragt, wie er für ‚Extinction Rebellion‘ spenden könne“, erzählt er. „Viel zu wenige schliessen sich den Protesten auf der Strasse an.“

Die meisten Banken produzieren mittlerweile dicke Nachhaltigkeitsberichte, in denen sie ihre Anstrengungen zu einem geringeren Kohlendioxidausstoss aufführen. Doch laut Medhurst sei dies nicht ausreichend. Vielmehr sollten die Banken sämtliche Emissionen ausweisen, die ihre Dienstleistungen für die Kunden beinhalten. „Diese ‚Finanzemissionen‘ seien wesentlich höher als die ‚direkten Emissionen‘“, meint er. JP Morgan will beispielsweise bis 2020 ihren gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Energiequellen decken, während sie beschuldigt wird, etwa 75 Mrd. Dollar in Sektoren wie das Fracking und die Öl- und Gasförderung in der Arktis zu stecken.

„Extinction Rebellion“ wird oft als antikapitalistische Bewegung gesehen; sie schere sich um nichts als eine Verringerung des Kohlendioxidausstosses. Der Telegraph hat die Bewegung bereits als „urzeitlichen antikapitalistischen Kult“ bezeichnet. „Wenn die Märkte funktionieren würden, dann würden sie keine fossile Infrastruktur finanzieren, die in ihrem vorhersehbaren Lebenszyklus dafür sorgt, dass die Temperaturen in der Lebenszeit unserer Kinder um drei bis vier Grad steigen“, sagt Medhurst. Dagegen hält Medhurst wenig von einer Kohlendioxidsteuer, da diese die ärmeren Leute überproportional belaste. Vielmehr will er eine Rationierung des Kohlendioxidverbrauchs, die von allen als fair begriffen werde.

Zwischenzeitlich hat Medhurst seinen Fleischkonsum verringert, obgleich er sich nicht vegetarisch ernährt. „Die 10 Prozent der reichsten Leute auf dem Planeten, wozu ich selbst und die meisten Leser dieses Artikels zählen, produzieren die Hälfte des Kohlendioxidausstosses“, sagt Medhurst. „Wenn sie ihren persönlichen Fussabdruck auf den EU-Durchschnitt senken würden, dann würden die globalen Emissionen um 30 Prozent sinken… Die Frage lautet daher, ob sich Banker und Fondsmanager mehr um ihren eigenen Lebensstil als um die Zukunft ihrer Kinder sorgen.“

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