GASTBEITRAG: Ich bin über 50 und finde keinen Job mit mehr als 100.000 Dollar Jahresgehalt

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GASTBEITRAG: Ich bin über 50 und finde keinen Job mit mehr als 100.000 Dollar Jahresgehalt

Ich bin 52 Jahre alt und habe sowohl bei Investmentbanken als auch bei unabhängigen Unternehmen im Research gearbeitet. Auch bringe ich Berufserfahrung in Kundendienst, Vertrieb und Marketing mit. Obwohl ich gut bin, will mich niemand einstellen – jedenfalls nicht für gutes Geld.

Zwar herrschte in den Finanzdienstleistungen schon immer Altersdiskriminierung, aber es ist schlimmer geworden. Ich kann mich noch erinnern, als Erfahrung noch etwas zählte. Vor 30 Jahren wollten Unternehmen nur Leute zwischen 45 bis 55 aufgrund ihrer Expertise einstellen. Doch heute wollen Sie nur noch Millennials im Alter von 22 bis 32 Jahren, weil sie verzweifelt nach Mitarbeitern suchen, die sich mit Programmieren und Bitcoin auskennen. Dass diese auch von IT-Unternehmen umgarnt werden, macht sie für Banken nur noch attraktiver.

Dagegen ignorieren sie ältere Wall Street-Banker, die das Geschäft verstehen und noch 10 bis 20 Arbeitsjahre vor sich haben, weil wir erstens im Kundengespräch nicht alle zehn Sekunden auf unsere Smartphones starren und zweitens wissen, wie man Investmentideen für Kunden über einen ganzen Geschäftszyklus hinweg generiert und drittens wissen, wie man Kundenkontakte über lange Zeit pflegt.

Sicherlich kann man immer noch Consultant werden und ich habe auch das versucht. Doch als Consultant arbeitet man oft allein. Anfangs hatte ich zwar noch gehofft, über Direktbewerbungen oder Personalvermittler einen Job zu finden, doch mittlerweile haben sie aufgehört, meine Anfragen zu beantworten. „Wir haben Ihren Lebenslauf erhalten“, ist das einzige, was ich noch erhalte.

Von den Unternehmen hören Sie lediglich, wenn Sie vorgeben ein „Financial Planning Professional“ zu sein. Dies stellt das Codewort dafür dar, dass Sie Kundenvermögen hereinholen können. Dabei geht es weniger darum, Kundenbeziehungen zu pflegen, sondern möglichst viel Geld aus jedem Zweig eines Familienstamms herauszuholen. Doch für keinen dieser Jobs wird mehr als 100.000 Dollar gezahlt und es bedeutet nichts anderes, als wie ein Absolvent noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Falls Banken also von einem Talentmangel sprechen, dann sollten sie ihnen das nicht glauben. Es gib sie sehr wohl und wir alle warten an der Seitenlinie. Ich persönlich werde noch bis Jahresende versuchen, einen neuen Job in den Finanzdienstleistungen zu finden. Falls mir das bis dahin nicht gelingt, werde ich in eine andere Branche wechseln. Ein Neustart wird mir nicht leicht fallen, aber wenigstens ist er erfrischend.

Jay Francis hat 25 Jahre lang in Vertrieb und Marketing bei grossen Investmentfirmen an der Wall Street gearbeitet und hofft immer noch auf eine Rückkehr.

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