GASTBEITRAG: Wie ich im Aktienresearch kostenlos arbeiten sollte

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Wird hier mehr Geld als im Aktienresearch verdient?

Wenn Ihr Job in den Finanzdienstleistungen ausser Mode kommt, dann verschwinden um Sie herum langsam die Leute, Sie erhalten weniger Geld und der Abteilungsleiter hört auf laut vor Ihnen zu lachen und betrachtet Sie nur noch als grosse Kostenstelle. Doch so schlimm die Sache auch war, irgendwie wurden Sie bisher immer bezahlt. Im Aktienresearch ist das jetzt nicht mehr der Fall.

Als Aktienanalyst habe ich an einem Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmen teilgenommen, wo sie mir überhaupt nichts zahlen wollten.

Das Gespräch fand jedoch nicht bei einer der grossen Banken statt. Obgleich die Research-Teams der Banken ebenfalls durch die Einführung von MiFID II ausgequetscht werden, zahlen sie doch immer noch. Vorsicht ist allerdings bei so mancher Research-Boutique geboten.

Mein Vorstellungsgespräch fand bei einer dieser Boutiquen statt. Sie wurde von einigen altgedienten Aktienanalysten einer mittelgrossen Bank gegründet, die abgesägt worden waren und ihr Research nun zu Geld machen wollten, in dem sie es direkt an Kunden verkaufen. Tolle Idee – nur verfügten sie nicht über den Cash Flow, um mein Gehalt zu bezahlen. Daher haben Sie mich gefragt, gratis für sie zu arbeiten.

Die Idee lautete: Ich sollte zunächst sechs Monate ohne Bezahlung arbeiten. Die restlichen Analysten wurden durch einen Anteil an den Gebühren bezahlt, die durch den Verkauf des Researchs erzielt wurden. Nach ihren Ausführungen würde ich drei bis sechs Monate benötigen, um auf Touren zu kommen. Zunächst sollte ich etwas produzieren und dann sollte ich es verkaufen und anschliessend würde jemand dafür zahlen. Nach sechs Monaten, so meinten sie, wäre ich ein vollwertiges Teammitglied.

Das Schlimmste war nicht einmal das Angebot, kostenlos arbeiten zu müssen, sondern dass ich akzeptierte und schliesslich doch noch abgelehnt wurde, nachdem sie die Angelegenheit noch einmal überdacht hatten. Denn ich gehörte nicht zu den zehn besten im Extel-Ranking. Sie wollten mir also nicht einmal einen Job geben, wenn ich kostenlos für sie arbeiten würde.

Ich kann mir nicht helfen und denke: Es handelt sich um eine Warnung an alle Aktienanalysten, ganz gleich woher sie kommen. Ok, ich befinde mich nicht unter den Top-Aktienanalysten, aber ebenso wenig bin ich ein schlechter Aktienanalyst. Ich habe einige gute Empfehlungen abgegeben und dass ich über kein Top-Ranking verfüge, liegt auch am Markt und der Schwierigkeit, einen guten Analystenjob zu finden. Aktienanalyse entwickelt sich zu einem der schlimmsten Jobs in den Finanzdienstleistungen: Auf dem Bau könnte ich mehr Geld verdienen. Die Situation ist bereits schlecht und kann unter den Bedingungen von MiFID II nur noch schlechter werden. Ich persönlich möchte das Aktienresearch hinter mir lassen und in die Fintech-Branche umsteigen. Auch wenn das ebenfalls viel unbezahlte Arbeit bedeutet…

Bei Owen Morgan handelt es sich um ein Pseudonym eines Londoner Aktienanalysten.

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