GASTKOMMENTAR: Wie Sie in einem Schweizer Vorstellungsgespräch nicht anecken

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1. Seien Sie nett und unkompliziert und bleiben Sie bescheiden

Vor allem: Seien Sie sich über Ihre Stärken und Schwächen bewusst. Wenn Sie während des Vorstellungsgesprächs eingestehen, dass die Stelle nicht für Sie gemacht ist, dann zögern Sie nicht, dies anzumerken und versuchen Sie besonders keinen Gewaltakt, indem Sie ihre Qualitäten übertreiben. Falls Sie hingegen tatsächlich denken, dass Sie ein guter Kandidat für den Posten sind, dann erklären Sie Ihrem Recruiter wieso.

Treibt die Kultur Ihres Herkunftslandes Sie gelegentlich dazu an, sich für 150 Prozent zu verkaufen und das Doppelte Ihres tatsächlichen Marktwertes im Vorstellungsgespräch anzugeben? Dagegen sollten Sie in der Schweiz bescheiden bleiben, übertreiben Sie nicht Ihre beruflichen Leistungen und verkaufen Sie, was Sie wirklich sind. Dieses Verhalten wird mehr geschätzt, Ihr Verhalten sollte nicht allzu sehr von den Schweizer Standards abweichen. Schliesslich zögern Sie nicht, sich natürlich zu verhalten, spielen Sie keine Rolle und erzählen Sie einfach die Tatsachen - ohne zu viele rhetorische Effekte (das könnte einige heimische Recruiter irritieren).

2. Betonen sie eher Ihre Erfahrung als Ihre Ausbildung

Die Schweizer sind pragmatisch und verfügen über eine praktische Einstellung zur Entwicklung im Berufsleben. Daher müssen Sie Ihre Erfahrungen herausstreichen, Ihr Können zählt mehr als Ihre Abschlüsse. Um nicht zur einer Karikatur zu werden: Manche hochwertige Abschlüsse verhelfen einem in einem Herkunftsland wie Frankreich quasi automatisch zur Glaubwürdigkeit... In der Schweiz können Sie nicht nur Ihre Ausbildung erwähnen, um glaubwürdig zu erscheinen, vielmehr müssen Sie auch erklären, was Sie ganz konkret erreicht haben.

3. Erklären Sie Ihr Studium ganz konkret

Die Schweizer sind nicht immer mit den ausländischen Bildungseinrichtungen vertraut, erzählen Sie daher ganz konkret, was Sie an Ihrer Hochschule gelernt haben. Möglicherweise müssen Sie sich über die Bildungseinrichtungen der Schweiz informieren, um etwas gleichwertiges nennen zu können.

4. Gehen Sie die Gehaltsfrage einfach an

Gehen Sie von dem Grundsatz aus, dass in der Mehrzahl der Fälle Ihr künftiger Arbeitgeber kein Interesse daran hat, Sie unterzubezahlen. Zu einem Ergebnis gelangen Sie schliesslich durch einen Lernprozess, das bringt Ihnen nichts gutes für Ihre zukünftige Beziehung.

In den Grossunternehmen, die für nahezu jede Funktion eine Gehaltstabelle vorhalten, sind die Spekulationen eigentlich begrenzt.

Während eines ersten Vorstellungsgesprächs werden Gehaltsverhandlungen nicht gern gesehen. Es obliegt sicherlich nicht dem Bewerber, dieses Thema anzuschneiden, sondern dem künftigen Arbeitgeber, der Sie nach Ihren Gehaltsvorstellungen fragt. Fragen Sie nicht nach einem Äquivalent in Schweizer Franken, sondern schlagen Sie etwas wie folgt vor: "Gegenwärtig verdiene ich in meinem Land XXX Euro. Ich kenne mich mit dem Gehaltsniveau in der Schweiz nicht genau aus, aber ich wünsche mir ein Gehalt, dass es mir erlaubt, in der Schweiz auf einem ähnlichen Niveau zu leben." Normalerweise stellen die Schweizer Unternehmen Schweizer und beispielsweise französische Mitarbeiter zum gleichen Gehalt ein - ein Gehaltsdumping ist äusserst selten.

5. Sprechen Sie langsam, nutzen Sie einfache Ausdrücke und passen Sie sich an Ihren Gesprächspartner an

Dieser Rat mag Sie vielleicht zum Lachen bringen, aber er ist nützlich. Falls Sie einen zu bedeutungsvollen Redefluss wählen oder allzu häufig komplizierte Ausdrücke in der Diskussion verwenden, dann kann sich das störend auf das Gespräch auswirken. Die Recruiter zeigen sich empfänglicher, wenn Sie einfache Satzkonstruktionen und Ausdrücke verwenden.

Überdies verhalten Sie sich technisch gegenüber einem Ingenieur und eher schlicht gegenüber einer Person aus der Personalabteilung - und versichern Sie sich, dass Ihr Gesprächspartner alles versteht, was Sie erzählen. Dabei handelt es sich gewissermassen um einen Test der Recruiter, die prüfen wollen, ob sich ein Kandidat an einen Diskurs anpassen kann und ob er die Informationen auf effiziente Art vermittelt.

6. Präsentieren Sie Ihre Bewerbungsunterlagen auf landesübliche Weise

In der Schweiz ist es üblich, die vollständigen Bewerbungsunterlagen vorzulegen, diese enthalten:

Anschreiben

Lebenslauf

Fotokopien von Studienabschlüssen und Zertifikaten (Ausbildung, Hochschulabschlüsse etc.). Es ist indes nicht erforderlich, die Dokumente amtlich bestätigen zu lassen. Zögern Sie nicht, Fortbildungen beizufügen. Dabei ist es allerdings sinnlos, für eine Management-Stelle ein Zertifikat über Microsoft-Word vorzulegen.

Das Arbeitszeugnis, das eine Art von Empfehlung enthält. Ein solches Dokument, das in der Schweiz und in Deutschland üblich ist, ist in vielen Ländern schlechterdings unbekannt. Ein Schweizer Arbeitgeber wird jedoch nicht von jedem ausländischen Bewerber erwarten, ihm solche Dokumente vorzulegen. Dennoch legen Bewerber, die über diese Schweizer und deutsche Angewohnheit informiert sind, einige Empfehlungsschreiben bei, was gern gesehen wird. Zögern Sie also nicht, derartige Schreiben von Ihrem ehemaligen Arbeitgeber oder von zufriedenen Kunden zu erbeten. Sie könne aber auch Kopien Ihrer internen Bewertungen und Glückwunschschreiben beilegen, falls Sie über so etwas verfügen.

Der Franzose Michel Abellan arbeitet als Consultant bei EMS (Engineering Management Selection) und lebt seit 30 Jahren in der Schweiz. Bei seinem Gastbeitrag handelt es sich um einen Auszug aus dem Ratgeber von David Talerman: "Travailler et vivre en Suisse".

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