EXPERTENGESPRÄCH: Wo in der Schweiz noch angeheuert wird

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Selten kam der Wandel so rasch: Das Sommer-Gewitter an den Finanzmärkten hat auch in der Schweiz die Ängste vor einer Rückkehr der Finanzkrise wiederbelebt. Dennoch erweist sich der Arbeitsmarkt für Finanzprofis hierzulande als vergleichsweise robust. eFinancialCareers.ch hat in einem Gespräch mit den Executive Search-Expertinnen Audrey Dresen und Emma Gilbert von Oliver James Associates über die aktuellen Trends gesprochen:

1. Nachfrage nach Risk und Compliance ungebrochen

Die Finanzkrise scheint womöglich in eine neue Runde zu gehen. Damit dürfte Risk- und Compliance-Experten so schnell nicht die Arbeit ausgehen. Seit der Finanzkrise hat sich die Nachfrage nach diesen Spezialisten massiv verstärkt, beobachtet Dresen, die für Oliver James Risk- und Compliace-Personal aufstöbert.

Durch geänderte Regulierungen seien im Private Banking besonders Kandidaten mit Erfahrung in Anti-Geldwäsche-Initiativen sowie im Cross Border-Banking gesucht. Laut Dresen hätten in Genf Compliance-Spezialisten mit einem Hintergrund im Asset Management sowie mit guten Produktkenntnissen besten Chancen. Dabei hätten Kandidaten mit einer juristischen Ausbildung die Nase vorn.

2. Ausländische Versicherer stellen ein

London und die Bermuda-Inseln stellen wichtige Versicherungsmärkte dar. Von dort zieht es immer mehr Versicherungsunternehmen in die Schweiz und vor allem nach Zürich. "Wir beraten Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen dabei, wie sie eine Niederlassung in der Schweiz aufbauen", sagt Emma Gilbert, die bei Oliver James auf Versicherungen spezialisiert ist.

Dabei würden die Unternehmen aus London und den Bermuda-Inseln zunächst meist nur kleinere Einheiten, oft in Zürich, ansiedeln. Für die Zuwanderung sprächen relativ niedrige Steuern sowie die Bedeutung Zürichs als Zentrum der Versicherungswirtschaft.

In der Zuwanderung sieht Gilbert einen Grund für die stabile Nachfrage nach Versicherungsspezialisten in der Schweiz. "Besonders gesucht wird von Rückversicherungen, Sach- und Schadensversicherungen und etwas weniger von Lebensversicherungs-Anbietern", ergänzt Gilbert. Generell seien Underwriter und Aktuare begehrt.

3. Bei Aktuaren steht das Telefon nie still

Aktuare stellen gewissermassen die Elite der Versicherungsmathematiker dar. Nur wenige Leute fühlen sich berufen, diesen anspruchsvollen Beruf zu erlernen. Da so schon seit langem ein Defizit an Aktuaren in der Schweiz - und auch in anderen europäischen Ländern - herrscht, sind Aktuare bei Arbeitgebern heiss begehrt. Gilbert berichtet von Fällen, wo Aktuare Anrufe von zehn verschiedenen Headhuntern erhielten - pro Tag selbstverständlich.

4. Deutsch und Französisch als Karrierevorteil

"Deutsch- bzw. Französischkenntnisse sind für Schweizer Arbeitgeber immer ein wichtiger Pluspunkt", beobachtet Dresen. So werde in vielen Teams Deutsch oder Französisch gesprochen und viele Kunden würden gern in ihrer jeweiligen Sprache angesprochen werden.

Auch wenn die betreffende Stelle wie beispielsweise in Compliance eine Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden wie der Finma erfordere, führe kaum ein Weg an Deutsch vorbei. Und ausländische Unternehmen würden in der Schweiz gerne mit lokalem Personal auftreten.

5. Luxemburg als Talentpool für die Schweiz

"Die Schweiz hat bei der Kandidatensuche immer Priorität", betont Dresen. Allerdings sei der hiesige Arbeitsmarkt eng, weshalb qualifizierte Kandidaten oft nicht leicht aufzutreiben seien. Dann würde sich Oliver James auch anderweitig umsehen. Abgesehen von London stelle Luxemburg aufgrund des ganz ähnlichen Umfelds - was z.B. Sprachkenntnisse betrifft - einen wichtigen Talentpool dar.

Für Kandidaten sei der Wechsel vom Grossherzogtum in die Schweiz oftmals ein Karriereschritt. "Ich habe schon Fälle gesehen, da konnten Leute mit einem Wechsel von Luxemburg in die Schweiz ihr Gehalt verdoppeln", sagt Dresen. Das höhere Gehaltsniveau in der Schweiz gehe jedoch zum Teil auf die höheren Lebenshaltungskosten zurück.

6. Kandidaten ziehen Zürich immer öfter Genf vor

Kandidaten aus dem angelsächsischen Raum denken bei der Schweiz zunächst meist an Genf. Laut Dresen ändere sich dies rasch, sobald die Bewerber mit den Realitäten konfrontiert würden. So ist es in Genf wesentlich schwieriger, eine Wohnung und Schulplätze für die Kindern zu erhalten als in Zürich.

Ausserdem habe Genf auch nicht so viel zu bieten wie Zürich. "Zürich ist grösser und internationaler", sagt Dresen. Einen wichtigen Vorzug habe Zürich auch gegenüber London: Senior Banker mit Familie würden Zürich der City vorziehen, da hier ein familienfreundlicheres Umfeld herrsche als in der Megastadt an der Themse.

7. Aussereuropäische Kandidaten in die Schweiz zu vermitteln, gleicht einer Mission impossible

"Wir sind durch Visa-Anforderungen begrenzt", sagt Dresen. Für Kandidaten, die nicht aus der EU oder anderen westeuropäischen Staaten stammen, sei es immer noch sehr schwierig, eine Arbeitserlaubnis bei Schweizer Kantonen zu erhalten. Abgesehen von sehr speziellen und sehr senioren Positionen würden Schweizer Arbeitgeber den Aufwand und die Kosten für derartige Visa scheuen.

Dabei gebe es laut Gilbert beispielsweise in Südafrika, Indien, Pakistan, Australien und den USA sehr gute Aktuare, die den akuten Mangel an derartigen Spezialisten in der Schweiz lindern könnten. Doch ein Visa zu erhalten, stelle eine Mission impossible dar.

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