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INTERVIEW mit Harry Hürzeler vom SFI: Krise hat Attraktivität des Finanzplatzes aufgewertet

Bei dem Swiss Finance Institute (SFI) handelt es sich um eine private Stiftung, die in 2005 vom Schweizer Bankenverband und mehreren Schweizer Universitäten gegründet wurde. Seine Aufgabe besteht in der Forschung und in der Unterstützung von Doktorarbeiten im Finanz- und Bankensektor. Das SFI versteht sich auch als Schnittstelle zwischen Forschung und Bankensektor. Hier ein Interview von eFinancialCareers.ch mit SFI-Geschäftsführer Dr. Harry Hürzeler.

eFC: Können Sie nach zwei Jahren Krise eine Bilanz der Stärken und Schwächen der heutigen Schweizer Finanzindustrie ziehen?

Harry Hürzeler: In der Schweiz hat das Retailbanking an Anerkennung gewonnen und die Regionalbanken haben definitiv an Bedeutung zugelegt. Bislang haben diese die Krise sehr gut bewältigt und ihr Risikomanagement hat sich als wirksam erwiesen, das gilt nicht für alle Regionalbanken ausserhalb der Schweiz. Und während die internationalen Privatbanken in der Schweiz und anderswo unter Druck geraten sind, hat die Stabilität der Schweiz und der Schweizer Banken die Attraktivität des Finanzplatzes aufgewertet.

Auch die Grossbanken sind viel schneller aus der Krise herausgekommen als viele ihrer ausländischen Mitbewerber. Allerdings ist hier die Frage des “too big to fail” nach wie vor ungelöst. Die Aufsichtsbehörden werden versuchen, dieses Problem in den Griff zu bekommen und die Risiken zu vermindern, obgleich die vorausgegangenen Versuche, die Finanzkrisen zu begrenzen und zu bewältigen, leider nicht die erhofften Wirkungen gezeigt haben.

eFC: Welche Reformen stehen im Finanzsektor an und welche Folgen haben diese Veränderungen auf die Branchengehälter in der Schweiz?

Harry Hürzeler: Ich sehe zwei zentrale Entwicklungen: Das eine ist die Vertrauensfrage, das andere die Frage nach den grenzübergreifenden Privatbanken.

Die Bedeutung des Vertrauensfrage hat zugenommen. Das heisst, die Kunden zahlen nicht für einen Rat, sondern für die Produkte. Wenn eine Bank einem Kunden empfiehlt, ein neues Produkt nicht zu kaufen, dann wird sie für die Beratungsleistung nicht bezahlt. Wir sind weit von der Art und Weise entfernt, wie beispielsweise Ärzte und Rechtsanwälte vergütet werden. Dies stellt eine fundamentale Herausforderung für die Finanzdienstleistungsbranche dar. Dazu brauchen wir, wie ich denke, alternative Geschäftsmodelle, die eine Bezahlung der Beratung erlauben, während die Provisionen für die Produkte verringert werden. Eine derartige Entwicklung wird durch den Fortschritt bei den EU-Direktiven wie der MIFID begünstigt, die die Kostentransparenz erhöhen und in den Produkten versteckte Provisionen erschweren.

Diese Herangehensweise an die Beratungspraxis erfordert viel höhere Kompetenzen von den Kundenbetreuern – insbesondere im Private Banking. Dies verlangt ein besseres Verständnis für Finanzen in dem Sinne, dass die Vorteile und die Risiken verständlicher vermittelt werden, aber auch ein besseres Wissen über die steuerlichen Folgen, insbesondere für die Betreuer ausländischer Kunden im Private Banking. Nicht zuletzt erfordert dies gute Kenntnisse der Kundenpsychologie: Hervorragende Kundenbetreuer verfügen immer über ein wenig Fingerspitzengefühl. Doch ich glaube, dass diese Fähigkeiten in der Zukunft auf eine viel strukturiertere Weise vermittelt werden, um die Kundenzufriedenheit systematisch sicherzustellen. Was die Kenntnisse der Vorschriften und anderer Reglementierungen betrifft, besteht die Notwendigkeit, sich entsprechend der Entwicklung ständig weiterzubilden.

Im grenzübergreifenden Private Banking sorgen sich die Kunden Schweizer Banken zunehmend um die Vereinbarkeit mit den Steuergesetzen. Das bedeutet, dass die Betreuer der internationalen Kundschaft auch mit den steuerlichen Gegebenheiten ihrer ausländischen Kunden vertraut sein müssen und weiter auf dem Laufenden bleiben. Ausserdem wird dies zu einer wachsenden direkten Konkurrenz mit den Banken aus den Herkunftsländern der Kunden führen. Wieso sollte man sich ein Risiko mit einer Institution aufladen, die so weit entfernt ist wie die Schweizer Banken und nicht die Banken bei sich zuhause nutzen, falls die Schweizer Banken keine bessere Leistung bieten? Professionelle Expertise und Dienstleistungen gewinnen in dieser Branche an Bedeutung.

eFC: Welches sind die Bedürfnisse der Schweizer Arbeitgeber, welche sind es heute und welche in der Zukunft?

Harry Hürzeler: Heute arbeiten die Schweizer Banken im Private Banking brennend an der Verbesserung des Knowhows ihrer Berater. Das ist nicht immer ganz einfach, denn der Wandel bei den Regeln erfordert eine gute Dosis Interpretation. Der zweite Punkt, an dem die Arbeitgeber hart arbeiten, ist die Verbesserung des Finanz-Knowhows ihrer Berater, jenseits der einfachen Produktkenntnisse. Damit wird eine zweifache Zielsetzung verfolgt: eine Verbesserung der Beratungsqualität und die Sicherstellung eines Minimal-Knowhows innerhalb des Unternehmens.

eFC: Welches sind die Herausforderungen, die in den kommenden Jahren bewältigt werden müssen?

Harry Hürzeler: Die wichtigste Herausforderung besteht im Aufrechterhalten der Gewinne: Die wachsenden Regulierungs-Anforderungen erhöhen die Kosten und begrenzen die Beratungsaktivitäten. Die Erträge bleiben unter Druck wegen der Preistransparenz, des internationalen Wettbewerbs und des schwachen Geschäfts.

Auch das Private Banking bleibt eine Herausforderung, solange die Schweizer Banken vom Standort Schweiz keinen freien Zugang zum EU-Markt haben. Sie versuchen, dieses Hindernis zu umschiffen, indem sie Mittel wie eine erhöhte Onshore-Präsenz einsetzen, die kostenträchtig sind und hohe Ansprüche an die Ressourcen stellen. Daher sind neue Geschäftsmodelle erforderlich, doch auch die traditionellen Ertragsquellen müssen so lange wie möglich aufrechterhalten werden, bis die neuen Ansätze Früchte zu tragen beginnen. Und neben diesem Übergang müssen die Banken das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. All dies stellt ausserordentliche Anforderungen an die Managementkapazitäten.

eFC: Die Berufsfortbildungen, die durch das SFI organisiert wurden, haben in 2009 weniger Teilnehmer angezogen. Was sind die Gründe hierfür? Wie viele Teilnehmer zählen Sie heute? Welches sind die beliebtesten Fortbildungen und wieso?

Harry Hürzeler: Während der Krise mussten sich Unternehmen und einzelne Personen Prioritäten setzen und manche haben sich dazu entschieden, die Fortbildung zu opfern. Aber hierbei handelt es sich lediglich um eine kurzfristige Reaktion, auf die üblicherweise eine Gegenbewegung erfolgt, denn sie wissen um die Bedeutung einer soliden Ausbildung im Finanzdienstleistungssektor.

Wir beobachten bereits wieder einen Anstieg der Teilnehmerzahlen besonders in unserem internationalen Senior Management-Programm und unserem eidgenössischen Advanced Executive-Programm, das sich an Führungskräfte richtet.

Allerdings stellen die Mitarbeiter in den Finanzdienstleistungen die Richtigkeit der Geschäftsmodelle aus der Zeit vor der Krise in Frage. Gleichzeitig beobachten wir ein grosses Interesse an unserem neuen Executive MBA in Asset & Wealth Management, den wir in Zusammenarbeit mit der University Carnegie Mellon und der HEC Lausanne anbieten. Diese beiden globalen Uniprogramme richten sich ebenso an die Talente der institutionellen wie der privaten Investoren und sie entwickeln eben jene Kompetenzen, von denen wir bereits gesprochen haben.

eFC: Das Institut, das sie leiten, wird finanziell von den Schweizer Banken, der Schweizer Börse, den Universitäten und dem Bund unterstützt. Hat die Krise diese finanzielle Unterstützung in Frage gestellt? Auf welche Summe belaufen sie sich? Reichen sie aus, um Ihre Aufgaben zu erfüllen?

Harry Hürzeler: Was das betrifft, befindet sich das SFI in einer privilegierten Situation: Alle Beiträge wurden bei seiner Gründung vertraglich fest vereinbart und wir haben bereits 75 Mio. Franken erhalten. Daher sind unsere Aktivitäten finanziell garantiert, wie es auch ursprünglich vorgesehen war.

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