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Elf Punkte, in denen sich Schweizer und angelsächsische Bewerbungen unterscheiden

Zürich in der Abenddämmerung

Mit vielfältigen Kulturen zurechtzukommen, stellt eine wachsende Herausforderung in der globalisierten Arbeitswelt dar. Doch dazu zählen nicht nur unterschiedliche Ernährungs- und Arbeitsgewohnheiten oder Umgangsformen. Vielmehr schlagen die kulturellen Unterschiede bereits bei der Bewerbung zu. Diese können gerade auch gegenüber dem englischsprachigen Raum empfindlich ausfallen:

1. In der Schweiz bewirbt man sich gezielter

Kandidaten aus der Schweiz bewerben sich zumeist auf Stellen, für die Sie auch geeignet sind, betont Lars Brändle von kessler.vogler human capital management. „Bewerber gehen den Prozess sehr viel realistischer an. Kandidaten aus dem Ausland tendieren oftmals dazu, sich besser zu verkaufen, als sie tatsächlich sind. Das ist ein sehr markanter Unterschied”, ergänzt der Headhunter. Dies mag auch auf mangelnde Kenntnisse der Schweizer Gegebenheiten zurückgehen.

2. Kurze CVs und lange Lebensläufe

In den Vereinigten Staaten und Grossbritannien muss alles ganz schnell gehen: Ein Anschreiben ist unüblich und ein Lebenslauf („CV’“ in Grossbritannien und „Resume“ in den USA) sollte lediglich eine Seite umfassen. Somit kommt der Kunst zu kürzen, grosse Bedeutung zu.

Anders zwischen Boden- und Genfer See. „Ein Lebenslauf sollte in der Schweiz detaillierter sein. Es muss nicht alles auf einer Seite zusammengedrängt sein. Zwei oder drei Seiten sind vollkommen O.K.“, weiss Personalberaterin Audrey Dresen von Oliver James Associates.

3. Berufserfahrung muss minutiös erläutert werden

In diesem erweiterten Raum sollten Bewerber in der Schweiz ihre Berufserfahrungen detailliert ausführen. Arbeitgeber, Position und Anstellungsdaten würden vielen Arbeitgebern in der Schweiz nicht genügen. „Vielmehr müssen Sie auch die Tätigkeiten, Verantwortlichkeiten und Leistungen kurz erläutern und die Highlights herausstreichen“, rät Dresen.

4. Jobhopping unerwünscht

In Grossbritannien ist es ganz normal, wenn Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nach einem Jahr wechseln, beobachtet Dresen. Doch in der Schweiz zähle die längerfristige Bindung an ein Unternehmen noch etwas. „In der Schweiz wird grosser Wert auf Kontinuität gelegt. Wenn Sie alle zwei oder drei Jahre wechseln, dann hat das einen negativen Beigeschmack“, sagt auch Headhunter Stephan Surber von Michael Page. Wechsel müssen überdies plausibel begründet werden.

Laut Surber führt die längerfristige Perspektive auch dazu, dass in der Schweiz überqualifizierte Mitarbeiter nicht gern eingestellt werden, da sich diese voraussichtlich in ein oder zwei Jahren neu orientieren oder unglücklich würden.

5. Persönliche Daten: Muss und „must not“

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen angelsächsischen – und übrigens auch französischen – Bewerbungen besteht im Umgang mit persönlichen Daten. So werden in Grossbritannien und den USA die Antidiskriminierungsgesetze sehr ernst genommen. „Daher sind Angaben zu Adresse, Alter, Familienstand oder Nationalität tabu“, ergänzt Dresen.

Dagegen legen Schweizer einen grossen Wert darauf, schon aus dem Lebenslauf etwas über die Persönlichkeit des Kandidaten zu erfahren – was im angelsächsischen Raum den Vorstellungsgesprächen (neudeutsch „Interviews“) vorbehalten bleibt. Mithin gehören aus Schweizer Sicht Alter, Adresse und Familienstand in jeden Lebenslauf. Falls die persönlichen Angaben – nach angelsächsischer Sitte – nicht im Lebenslauf enthalten sind, dann wird spätestens im Vorstellungsgespräch danach gefragt.

6. Nationalität kann erforderlich sein

Darüber hinaus sollte auch die Nationalität erwähnt werden. Denn hieraus lassen sich für Schweizer Arbeitgeber wichtige Informationen ablesen: So können Bürger aus den EU und der EFTA (Norwegen und Island) in der Schweiz relativ unproblematisch beschäftigt werden. Dagegen besteht die restriktive Arbeitsmarktpolitik für andere Nationalitäten fort. Falls Sie also beispielsweise aus Russland oder Asien stammen, dann sollten Sie angeben, ob Sie über eine Schweizer Arbeitserlaubnis verfügen. Andernfalls hat Ihre Bewerbung nur in Ausnahmefällen eine Chance.

7. Bewerbungsfoto: Tabu und integraler Bestandteil

Da sich Alter und vor allem die Hautfarbe aus einem Bewerbungsfoto ablesen lassen, gehört dies ebenfalls in keine englische, amerikanische oder französische Bewerbung. Dagegen stellt in der Schweiz ein Bewerbungsfoto wiederum einen integralen Bestandteil jeder Bewerbung dar. Damit präsentiert sich der Kandidat schon persönlich dem Arbeitgeber – entsprechend wichtig ist ein Porträtfoto.

8. Vollständige Bewerbungsunterlagen sind gefragt

In Grossbritannien und den USA wird ein Lebenslauf „nackt” verschickt. Zeugnisse und Zertifikate werden grundsätzlich nicht mitgesandt – auch Referenzen werden erst nach Aufforderung vorgelegt. Laut Brändle werden in der Schweiz hingegen „vollständige Bewerbungsunterlagen” gefordert. Die einschlägigen Zeugnisse gehören also zu einer Bewerbung dazu.

9. In der Schweiz geht es vertraulicher zu

„In der Schweiz geht alles sehr viel vertraulicher zu”, ergänzt Brändle. Befürchtungen, dass die Zeugnisse oder persönlichen Informationen in der Schweiz in die falschen Hände geraten, seien unbegründet. „Man weiss, dass alles sehr diskret behandelt wird”, betont Brändle.

10. Es geht nicht wie auf einem Basar zu

Bei den Gehaltsverhandlungen geht es in der Schweiz nicht wie auf einem Basar zu. „Wenn eine Offerte steht, dann wird nicht noch gross nachverhandelt. Das wird in der Schweiz ganz und gar nicht geschätzt“, betont Executive Search-Experte Stefan Bächer von Guggenbühl & Bächer in Zürich. Der Verhandlungsspielraum sei in der Schweiz geringer als z.B. in London.

11. Flexibilität ist gefragt

Auch die Schweiz verändert sich. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Finanzprofis hat sich in den zurückliegenden Jahren deutlich eingetrübt. Die Bewerber müssen sich daher auch hierzulande mit geringeren Gehaltssteigerungen abfinden und flexibler sein.  „In den Gesprächen mit Kandidaten stelle ich fest, dass das veränderte Marktumfeld und die ausgesprochen schwierige Situation noch nicht in den Köpfen der Leute drinnen ist“, sagt Bächer.

Kommentare (1)

Comments
  1. Das ist haargenauso wie in Deutschland.

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