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GASTBEITRAG: Wieso ich die Wall Street der Londoner City vorziehe

new york city aerial view of the downtown

Nach fast zehn Jahren in der Londoner City bin ich vor zwei Jahren nach New York umgezogen. Es handelte sich um den besten Schritt meines Lebens.

Auch die Wall Street könnte vom Brexit profitieren. Die Investmentbanker aus Großbritannien, die an Alkohol zum Mittag, langen Jahresurlaub und an Fortzahlung im Krankheitsfall gewohnt sind, steht bei einem Umzug nach New York City ein wahrer Kulturschock bevor – nicht wahr? Da mag etwas dran sein, aber die Vorteile wiegen die Nachteile doch bei weitem auf.

Zuerst: Sie befinden sich im Zentrum des Trubels. Ein Teil der harten Arbeitskultur geht einfach darauf zurück, dass die meisten großen Deals aus dem US-Markt stammen. Bei Investment Banking-Deals ist Europa im Vergleich zur Wall Street winzig. Dadurch sind die Leute hier unbarmherziger und gewillter, sämtliche Hürden zu überwinden, die ihnen in den Weg gestellt werden.

Das mag sich anhören, als würde man sich hemmungslos an das Unternehmen binden. Doch wieso sollte man das Büro unter solchen Umständen verlassen?

Aus diesen Gründen bietet der Arbeitsmarkt hier viel mehr Chancen und dadurch verfügen die Angestellten in New York über viel mehr Einfluss als in London. Und Sie bekommen mehr gezahlt – selbst falls man den jüngsten Absturz des Pfunds ausklammern sollte. Auch wenn Sie gerne zu Fintech oder auf die Buy-Side wechseln wollen, eröffnen sich hier mehr Möglichkeiten.

Lassen Sie uns ein Wenig über die Fortzahlung im Krankheitsfall sprechen. Das Klischee von den Londoner Managern, die ihre Mitarbeiter beim ersten Anzeichen eines Schnupfens nachhause schicken, entspricht der Wahrheit. Dagegen gibt es in New York so etwas wie ein selbstauferlegtes Exil. Wenn Sie krank und ansteckend sind, dann bleiben Sie zuhause und stellen sicher, dass Sie jederzeit erreichbar sind. So einfach ist das.

Noch kurz zum Thema Urlaubstage. Neben den in London gewohnetn fünf Wochen Jahresurlaub scheinen die in den New York üblichen zehn Tage als geradezu erbärmlich. Doch die Paranoia, die sich in den USA um den Urlaub dreht, geht hauptsächlich auf die Furcht zurück, etwas zu verpassen. Tatsächlich machen sich in den letzten beiden Wochen des Augusts sämtliche Leute auf den Weg in ihren Jahresurlaub und dieser wird um viel mehr Feiertage ergänzt, als es sie in Großbritannien gibt. So gibt es einen Veteranentag, einen Präsidententag, den Unabhängigkeitstag usf. Wenn alle gleichzeitig nicht bei der Arbeit sind, dann sinkt auch die Gefahr, etwas zu verpassen.

Der Wettbewerb fällt in New York härter als in London aus und die Leute agieren unbarmherziger. Doch wer die Schlangenlöcher überlebt hat, wie sie die Analysten-Programme des Londoner Investment Bankings darstellen, und regelmäßig bis in die frühen Morgenstunden arbeitet, für den bedeutet das keine große Umstellung.

Dennoch gibt es ein großes Problem, einen Job in New York zu finden. So ist sehr schwierig, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Während der britische Finanzsektor – bislang – von einem ungezügelten Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte profitierte, bevorzugt die Wall Street amerikanische Bewerber oder solche, die bereits seit ihrem Studienabschluss in den Vereinigten Staaten leben.

Der bei weitem leichteste Weg an die Wall Street besteht in der internen Versetzung. Dann erledigt Ihr Arbeitgeber sämtlichen Papierkram, wieso Sie die beste Person für den Job sind. Andernfalls müssen Sie sich auf das H1-B Visa-System verlassen. Diese sind umkämpft. Doch der Schritt des neuen US-Präsidenten Donald Trump, die Gehaltsschwellen nach oben zu schrauben, dürfte dazu führen, dass die Chancen in den hochbezahlten Finanzdienstleistungen zu Ungunsten anderer Branchen steigen. Doch der Hauptpunkt lautet, dass sich das Machtgleichgewicht im Banking weiter in Richtung USA verschiebt. Hierher zu kommen, bedeutet einfach nur, sich zu verbessern.

Clive Stevens (es handelt sich um ein Pseudonym) ist als Vice President in der Investment Banking Division einer Großbank Anfang 2015 in die USA gewechselt. Bislang verschwendet er keinen Gedanken an eine Rückkehr.

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