☰ Menu eFinancialCareers

GASTBEITRAG: Wieso Sie Ihren Bankingjob nicht für einen Job bei einem Fintech-Einhorn eintauschen sollten

Auch Einhörner haben schlechte Tage.

Auch Einhörner haben schlechte Tage.

Mitte 2015 wurde ich von einem Einhorn eingestellt. Natürlich handelt es sich um kein Einhorn aus Fleisch und Blut. Vielmehr wird so ein Fintech-Startup bezeichnet, das auf dem Papier mehr als 1 Mrd. US-Dollar wert ist. Einige Monate später habe ich das Licht ausgeschaltet und mein Team und mich selbst in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ich habe länger im Bewerbungsprozess für den Job als im Job selbst verbracht.

Die Mitarbeiter der Finanzdienstleistungen scheinen Schlange zu stehen, um Anzug und Krawatte gegen einen Kapuzenpulli einzutauschen und ihr sechsstelliges Gehalt aufzugeben, nur um bei einem „heißen“ Start-up anzufangen. Sicherlich bringt die Arbeit für ein Start-up einige Vorteile mit sich, allerdings musste ich selbst auch feststellen, dass es mehr als nur ein paar Nachteile gibt.

Spielen Sie mit PowerPoint und lächeln Sie

In den zurückliegenden Jahren konnten Investoren gar nicht schnell genug riesige Summen an jeden vergeben, der mit einer PowerPoint-Präsentation und einem Lächeln aufwartete. Der Kapitalzufluss hat dazu geführt, dass es nach ein paar Jahren mittlerweile mehr als 200 Einhörner gibt. Die Dinge liefen zunächst auch recht gut, bis die chinesische Konjunktur Ende 2015 ins Stottern geriet. Plötzlich schauten sich die in Angstschweiß gebadeten Investoren genau an, was sie so alles finanzierten und das Bild viel ganz und gar nicht schön aus.

Das Unternehmen, bei dem ich eingestiegen war, stellt hierfür ein geradezu klassisches Beispiel dar: Mit dem neuen Job übernahm ich auch ein bereits existierendes 30köpfiges Team. Das Geschäftsmodell war mindestens zwei Jahre von schwarzen Zahlen entfernt. Es gab kein Budget, keinen Genehmigungsprozess von Geschäften und Kosten und – was am beunruhigendsten war – niemand verfolgte, wie viel Kapital verbrannt wurde.

Nach wenigen Wochen im Job änderte sich alles, als plötzlich der Kapitalzufluss austrocknete. Es dauerte beängstigende zwei Monate, bis das Unternehmen alles durchgerechnet hatte und feststellen musste, dass es nur noch vier Monate hatte, bis das Kapital beim aktuellen Verbrauch aufgezehrt sein würde. Einige der entdeckten Missstände trieben einem die Tränen in die Augen. So wurden jeden Monat allein 100.000 Dollar (89.000 Euro) für die Dienste von Personalberatern ausgegeben.

Der brutale Turnaround

Das Unternehmen musste seine Kosten drastisch senken, um auch in Zukunft Investitionen einwerben zu können. Das war schon brutal. Mehr als 10 Prozent des Personals wurde quasi von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt, wovon viele gerade einmal ein oder zwei Monate zuvor eingestellt worden waren. Überdies wurden eine Vielzahl an anderen Kostensenkungsmaßnahmen und Veränderungen vorgenommen. Welches Ausmaß Panik und Chaos annahmen, zeigt allein schon der Versuch Mitarbeiter davon zu überzeugen, im Gegenzug für Aktienoptionen auf einen bedeutenden Teil ihrer Gehälter zu verzichten. In der gleichen Woche investierte der Unternehmensgründer 500.000 Dollar (446.000 Euro) in ein ganz anderes Geschäft.

Nach einem weiteren Monat hat die Geschäftsführung plötzlich das Vertrauen in den britischen Markt verloren und an mein Team wurde die Axt angelegt. Selbst dies lief sinnlos ab. So sollte ich aus Leuten Leistung herauskitzeln, die bereits ihre Kündigung erhalten hatten. Das kann nicht gutgehen.

Die Leute, die das Unternehmen führten, waren unerfahren und hochgradig gestresst. Nach den ersten Kapitalzuflüssen waren sie von ihrer Oberschlauheit überzeugt, woraus Beratungsresistenz folgte. Sie bevorzugten es, alles ganz neu zu erfinden, was zu einer Vielzahl von sinnlosen und vermeidbaren Fehlern führte, was maßgeblich zu den aktuellen Problemen beitrug. Sie ließen sich von den Sonnenseiten ablenken, den Events, den Edelkarossen und der Öffentlichkeit, während sie nicht genügend Zeit für das eigentliche Geschäfts aufwandten.

Von ganz vorne anfangen

Ein Start-up setzte eine großartige Geschäftsidee, exzellente Führungskräfte und die Konzentration auf ständige Verbesserung voraus. Sie müssen zunächst Ihre Hausaufgaben erledigen und benötigen überdies eine große Portion Glück. Die Mehrzahl der Start-ups wird scheitern und bei vielen von ihnen, einschließlich einiger Einhörner, geschieht das gerade jetzt. Noch vor kurzem wurde z.B. das britische Zahlungsabwicklungs Start-up Power Technologies mit 1,8 Mrd. Pfund (2,3 Mrd. Euro) bewertet; schon im März ist es zusammengebrochen. Wer nicht zusammenbricht, muss zumindest sein Geschäftsmodell mehrfach von Grund auf ändern, bevor der Erfolg eintritt. Dabei werden immer wieder Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Hier einen Job anzunehmen, gleicht einer Lotterie. Die Chancen dabei einen Gewinn zu ziehen, fallen verschwindend aus.

Auch Banken zögern nicht lange vom Personalabbau zurück, wenn es einmal schlecht läuft. Allerdings lassen sie regelmäßig hohe Abfindungen springen und Betroffene haben zumindest eine Chance, in überschaubarer Zeit einen gleichwertigen Job zu finden. In einem Start-up gleicht Ihre Arbeitsplatzsicherheit der eines schlecht performenden Fußballmanagers. Und glauben Sie mir: Derzeit bieten sich nicht viele Chancen.

Bei James Brittain handelt es sich um ein Pseudonym. Der Autor war bis vor kurzem der UK-Geschäftsführer einen geschlossenen Fintech-Start-ups. Derzeit sucht er nach einem neuen Job.

Foto: Christian Heilmann  (CC BY 2.0).

Kommentare (0)

Comments

Ihr Kommentar wird gerade geprüft. Nach erfolgreicher Prüfung wird es live gestellt.

Antworten

Pseudonym

E-Mail

Alle Informationen zu unseren Community-Richtlinien finden Sie hier