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GASTKOMMENTAR: Wieso ich mich mit 35 Jahren von meiner Finanzkarriere verabschiedet habe

Die Sache ist in diesem Jahr entschieden, ich höre auf. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen folgenlosen Vorsatz für das neue Jahr. Vielmehr wurde die Entscheidung schriftlich fixiert. Nein, ich habe mich nicht etwa in den Ruhestand verabschiedet (obgleich das finanziell gesehen durchaus ein wenig zutrifft). Nach zehnjähriger Berufserfahrung im Corporate Banking und Asset Management habe ich das Handtuch geworfen. Ich ziehe auf einen sonnenverwöhnten Kontinent und baue mein eigenes Geschäft auf, tausende Kilometer entfernt vom nächsten Finanzplatz.

Bevor ich Ihnen erzähle, was mich zu diesem Schritt veranlasst hat, ist ein kurzer Rückblick angebracht: In die Szene stieg ich im Jahr 2000 ein, nachdem ich ein Diplom in Mathematik und Finanzen erworben hatte. Und während den fünf Jahren, in denen ich Juniorfunktionen ausgeübt habe, die schon per Definition nicht prestigeträchtig sind, hatte ich den Drang hinzuzulernen. Meine Entschlossenheit zahlte sich schließlich in 2005 aus, als ich einen Job nach meinem Geschmack erhielt: Quantitativer Analyst bei einem angesehenen Hedgefonds.

Bis dahin lief alles prächtig. Vor allem aus zwei Gründen wollte ich schon immer in den Finanzdienstleistungen arbeiten. Der erste Grund bestand darin, einer stimulierenden Tätigkeit nachzugehen, die solide technische Kenntnisse erfordert und die Fähigkeit, ständig neue Lösungen zu finden. Der zweite Grund bestand naheliegenderweise in einer attraktiven Vergütung, die eine hochwertige Tätigkeit mit sich bringt, wie sie der Umgang mit alternativen Anlagen darstellt – mit einem mehr als ordentlichem Gehalt und einem Bonus, der an die Performance gebunden ist, damit sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruht!

Zu dieser Zeit glaubte ich wie die Mehrzahl meiner Kollegen und meiner ehemaligen Studienfreunde daran. Ich empfand sogar Freude dabei, meinen Freunden meine Arbeit zu erklären und die Rolle der Banken und der Finanzdienstleistungen für das “wahre Leben”.

Doch dann kam der Einbruch des Septembers 2008. Damals fiel ich jäh aus meiner Wolke. Sehr schnell fand ich mich ohne Beschäftigung wieder. Zwar befand ich mich immer noch in Festanstellung, aber ich hatte nichts anderes zu tun, als ohnmächtig dem Zusammenbruch der Welt beizuwohnen – meiner Welt. Ohne neuen Eifer. mich fortzubilden und deprimiert von den Finanznachrichten, habe ich mich zurückgezogen und die Klatschnachrichten verfolgt.

Nachdem ich jegliches intellektuelles Interesse an meinem Job verloren hatte – denn das Verfolgen der Klatschnachrichten stellt keine nennenswerte geistige Leistung dar, musste ich mich auch noch von meinem Bonus verabschieden. Im Vorjahr hatte ich einen komfortablen Bonus und eine zweistellige Gehaltserhöhung erhalten. In 2009 hatte ich zumindest eine Aufmunterungsprämie erwartet. Dabei habe ich die Hoffnung nicht verloren, dass sie mich brauchten, um die Maschine wieder anzuwerfen. Doch offenkundig haben meine Vorgesetzten selbst nicht mehr daran geglaubt.

Ich habe die Kommandobrücke auf dem Schiff namens “Finanzen” verlassen, um bessere Tage an Deck zu verbringen. Ich habe mich auf die Beratung verlegt, in dem ich den Rettungsteams half, die an den zahlreichen Restrukturierungen arbeiteten, die durch die Krise erforderlich geworden waren. Damit befand ich mich in einer Warteposition, die es mir erlaubte, einen Fuß in der Tür des Handelssaals zu behalten.

Während dieser Zeit blieben meine ehemaligen Kollegen und Freunde im Auge des Wirbelsturms, die mir ihre Frustration und Verdrossenheit mitteilten: Ein Risikomanager empfand Schuldgefühle, an der Entwicklung von Allround-Risikoindikatoren mitgewirkt zu haben, die in Wirklichkeit zu komplex waren, um verstanden zu werden; ein Versicherungsmathematiker, der sich nach dem Sinn fragte, Stunden über einer Rechenformel mit drei oder vier Dezimalstellen zu verbringen, die jedoch auf immer fragwürdigeren Hypothesen beruhten…. Viele haben jeglichen Antrieb verloren, als sie bei der Arbeit erschienen, auch weil die Arbeit nicht mehr so interessant und stimulierend war wie in der Vergangenheit.

Mit der Zeit machte ich die gleiche Feststellung. Ich bemerkte, dass auch ich nicht mehr daran glaubte. Mein Interesse an Finanzdingen war abgestumpft, weil ich wusste, dass wir zweifelsohne eine Grenze bei der Komplexität der Strukturierung erreicht hatten. Auch falls die neuen europäischen Regulierungen tatsächlich angewandt werden und wenn sie nicht zu beengend ausfallen, dann ist der Wurm bereits in der Frucht und der Argwohn bleibt. Denn ich möchte mich nicht dafür entschuldigen, viel Geld verdient zu haben, wenn ich weiß, dass das Unternehmen noch mehr verdient hat.

Und schließlich gibt es auch das populäre Vorurteil, das von den Medien geschürt wird, wonach Trader und Banker die Gewinner des Systems sind – und damit gewissermaßen Diebe. Ich habe auch heute noch große Schwierigkeiten stichhaltige Antworten auf die Fragen zu finden, die mir abverlangt werden.

Aber die Sache hat sich jetzt erledigt. Bei derartigen Kreuzverhören verbiege ich mich künftig nicht mehr.

Kommentare (4)

Comments
  1. und was macht er jetzt auf seinem sonnenkontinent?

  2. Den Artikel hätte man auch in 5 Sätzen schreiben können ohne Verlust an Informationen.

  3. Mir ist es ähnlich ergangen, wenn auch mit anderen Hintergründen und weniger finanziellem Polster. Man darf sich nicht verbiegen!
    Gerne würde ich mich über das Thema mit Ihnen weiter austauschen. Bitte schreiben Sie mir sinnsuche@valuti.de

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