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GASTKOMMENTAR: Das Dilemma mit der Schweizer Diskretion oder wieso mühsame Handarbeit aus eidgenössischen Banken nicht wegzudenken ist

Die Diskretion im Bankgeschäft gehört so selbstverständlich zur Schweiz wie Berge, Rösti und Emmentaler. Denn in Geldgeschäften ist Diskretion wichtig und ein wichtiger Standortvorteil gegenüber EU-Ländern, wo oftmals der gläserne Bürger längst zur Realität geworden ist.

Doch dieser USP des Schweizer Finanzplatzes hat auch negative Seiten an sich, wie ich in meiner Karriere bei verschiedenen Schweizer Häusern am eigenen Leib erfahren musste.

Dabei stehen auf der einen Seite die Mitarbeiter im operativen Geschäft, die alle Vorgänge zügig abarbeiten wollen. Doch dies stösst oftmals bereits zu Arbeitsbeginn auf so manche Hürde. So muss sich ein Mitarbeiter in Compliance-, Handels-, Kunden- und Reporting-Systeme einloggen, wo jeweils unterschiedliche Passwörter gefragt sind.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn diese zentral verwaltet würden. Doch leider ist dies nur bei den fortschrittlichsten Banken der Fall, die sich dem internationalen Wettbewerb stellen. Bei den anderen Instituten müssen Buchstaben, Zahlen, Sonderzeichen, Gross- und Kleinschreibung je System in unterschiedlicher Reihenfolge bunt gemischt eingegeben werden.

Ähnliches gilt für die IT-Systeme. Einige Banken benutzen Top-Eigenlösungen, andere Top-Schweizer-Lösungen oder Top-internationale Lösungen – nur wird die Performance aus Diskretions- und Sicherheitsgründen oftmals kräftig heruntergedrosselt. Das wäre etwa so, als ob man sich einen Ferrari kauft und die Höchstgeschwindigkeit auf 100 Stundenkilometer limitiert.

So wird bei allen Banken das Kopieren von Daten verunmöglicht, um den Datenklau und Verkauf an die umliegenden Hochsteuerländer zu verhindern. Aus Compliance-Sicht ist das verständlich – allerdings bedeutet dies auch, dass viele Banker in der Schweiz Datensätze mühsam per Hand abtippen und in andere Dokumente und Reports übertragen müssen – eine Rückkehr in die IT-Steinzeit.

Diese Kosten dürften sich bei vielen Banken in der Schweiz auf stolze Summen belaufen, denn bei der Schweizer Diskretion hat betriebswirtschaftliche Effizienz teilweise das Nachsehen.

Im Grunde handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Mitarbeitern aus dem operativen Geschäft und den Risk und Compliance-Verantwortlichen. Ein Streit, der oft genug bis in die Geschäftsleitung reicht – ohne dass bisher eine überzeugende Lösung ersichtlich ist. So lange das Dilemma nicht gelöst ist, dürfen sich die Mitarbeiter allmorgendlich am Passwort-Quiz und dem mühsamen Basteln von Dokumenten und Reports erfreuen – eine wahre Sisyphusarbeit.

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