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„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel“: Wie sich Arbeitgeber gekonnt bei Kandidaten bewerben

So geht's nicht. (Foto: iStock)

So geht's nicht. (Foto: iStock)

Bei so manchem Arbeitgeber scheint der Fachkräftemangel noch nicht bis ins Bewusstsein vorgedrungen zu sein.  „Viele Arbeitgeber haben immer noch nicht verstanden, dass sich nicht nur der Kandidat beim Unternehmen bewirbt, sondern umgekehrt auch das Unternehmen bei dem Kandidaten“, kritisiert Headhunter Roland Lochte von Kimberlite in Frankfurt und plädiert für ein Umdenken: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.“

So würden Bewerber in einem Vorstellungsgespräch teilweise unhöflich behandelt und zu ihrem Lebenslauf mit Fragen gelöchert. Umgekehrt verrate der Arbeitgeber nichts über sich selbst. Lochte hört immer häufiger von Kandidaten: „Dort will ich nicht arbeiten, der war mir einfach zu unhöflich.“ Besonders prekär sei dies bei Mangelprofilen, auf denen ein Arbeitnehmermarkt herrscht wie z.B. im Risikomanagement und der Compliance.

Den richtigen Tonfall treffen

Auch Headhunter Richard Krebs von Robert Walters in Frankfurt beobachtet, dass Arbeitgeber sich in einem Vorstellungsgespräch nicht immer optimal gegenüber den Kandidaten verkaufen. „Das ist aber individuell ganz unterschiedlich und hängt nicht nur von der Firma, der Unternehmenskultur und internen Vorgaben für Vorstellungsgespräche ab, sondern auch vom Ego der jeweiligen Mitarbeiters.“

Dennoch würde nicht allen Arbeitgeber klar sein, dass bei umworbenen Profilen die drei Kandidaten nicht die Auswahl von einer größeren Zahl darstelle, sondern dass es sich um die einzigen drei tatsächlich verfügbaren Kandidaten für die fragliche Stelle handle. „Der eine will vielleicht gar nicht unbedingt wechseln, der zweite hat ein sehr gutes anderes Angebot vorliegen und der dritte will wechseln, ist aber der schwächste Kandidat“, erzählt Krebs. „Daher führen wir auch vor einem Vorstellungsgespräch nicht nur ein Briefing mit dem Kandidaten, sondern auch mit dem Arbeitgeber durch.“

Bei dem Gespräch spielten aber auch Ton und Einstellung beider Seiten eine Rolle. „Wenn beide souveräne Gesprächspartner sind und es passt, dann stellt das kein Problem dar“, sagt Krebs. Es handle sich aber generell um ein schlechtes Vorzeichen, wenn beide Partner nicht von Gleich zu Gleich sprechen würden. „Schon ein paar Einleitungssätze können einen Unterschied ausmachen“, betont Krebs.

Noch nie haben Kandidaten so viele Angebote abgelehnt wie heute

Headhunter Gunnar Belden von der Maturias Personalberatung in Frankfurt beobachtet: „Noch nie haben so viele Kandidaten ein Angebot abgelehnt wie heute. Waren es vor zwei Jahren noch 25 Prozent, sind es mittlerweile 50:50 Prozent.“ Belden will sich aber nicht auf die Gründe für diesen Trend festlegen. Es könne an dem Risiko eines Jobwechsels liegen, an der Überheblichkeit des Kandidaten oder am Markt. „Wenn man nach den Gründen fragt, dann wird meist angeführt, dass das Angebot nicht attraktiv genug war“, erzählt Belden. „Aber man kann nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen.“ Dennoch vermutet er, dass das Risiko eines Unternehmenswechsels das vorherrschende Motiv sei.

Arbeitgeber könnten jedoch einiges unternehmen, um die Chancen zu erhöhen, dass ein Kandidat schließlich anbeißt. „Wenn ein Arbeitgeber 100 Prozent Verbindlichkeit von einem Kandidaten verlangt und selbst weniger als 100 Prozent Verbindlichkeit liefert, dann handelt es sich um schlechte Voraussetzungen.“

Der Hauptrisikofaktor liege aber in den langen Entscheidungsprozessen der Arbeitgeber. Die Entscheidung, ob man den Kandidaten anheuern wolle oder nicht, falle nicht leichter, wenn man sie erst einmal für ein paar Tage in der Schublade verschwinden lasse. Zwar handle es sich um eine Entscheidung mit beträchtlichen Auswirkungen auf das Geschäft, sie sei aber nicht übermäßig komplex. Mit jedem Tag, den man die Entscheidung aufschiebe, steige die Wahrscheinlichkeit, dass der Kandidat abspringe.  „Man sollte bloß nicht die Rotweinregel bei der Kandidatenauswahl anwenden“, betont Belden. „Die Entscheidung wird nicht besser, desto länger sie dauert.“

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