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GASTBEITRAG: Wie ich im Investmentbanking ausbrannte

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Christine ist eine ehemalige Traderin, die sich als Sales neu erfunden hat. Sie arbeitet bei einer großen französischen Bank. Die Krise und ein schwieriger Manager machten sie zu einer idealen Kandidatin fürs Burnout. Wir haben mit Christine über ihren Fall gesprochen, wie er so oder ähnlich bei vielen Investmentbanken an der Tagesordnung ist. Keine Frage: Christine trägt im wahren Leben einen anderen Namen:

„Seit dem Anfang der Krise habe ich alles oder beinahe alles ertragen: Vorgesetzte, die mit horrenden Verlusten und mit Krach gegangen sind, einen neuen Vorgesetzten, der mit einer ganz Schar an Jüngern anfing (wozu ich natürlich nicht zählte), die Zusammenlegung von Teams und die Kämpfe um das Ego, die Verlagerung von Teams ins Ausland – vielleicht das Beängstigende überhaupt auf den Märkten, schleppende Handelsvolumen, vervielfachte Regulierung sowie ein Anziehen der Kostenschraube. So bitten wir heute unsere Kunden im Restaurant, nicht für mehr als 50 Euro zu essen.

Doch erst eine Bonusgeschichte stellte den sprichwörtlichen Tropfen dar, der das Fass zum Überlaufen brachte: Erst hat man mir am Telefon eine bestimmte Summe versprochen und am Ende habe ich eine Summe erhalten, die im unteren Bereich des Teams angesiedelt war – ohne mich auch nur zu informieren. Ich habe darum gebeten, in ein anderes Sales-Team versetzt zu werden, was auch erfolgte. Anfangs herrschte ein gutes Einvernehmen. Doch sehr schnell stellte ich – wie andere auch – fest, dass es sich um einen inkompetenten Manager handelte, dessen Credo in „divide et impera“ lautete. So stellte er vollkommen absurde Anforderungen: Ich musste jeden Tag an anderthalbstündigen Telefonkonferenzen teilnehmen – auch während meiner Ferien und bei Meetings zugegen sein, bei denen meine Anwesenheit nicht erforderlich war. Er zwang mich Kundenmeetings in letzter Minute zu canceln, wodurch ich bei Deals nicht zum Zuge kam und teilte mir erst am Vortag mit, dass ich nach London reisen müsse.

Dabei handelt es sich um eine gute Illustration für zwei typisch französische Missstände: die immer und ewige Verfügbarkeit und die mangelhafte Bezahlung. Der einzige Weg Mitarbeiter für ihre Arbeit zu belohnen besteht darin, sie zum Manager zu befördern, wobei es sich eher um eine „Kooptation“ handelt. Diese basiert nicht auf Kompetenzen; vielmehr geht es darum, dass man nicht aus dem Schatten der Nummer 1 heraustritt.

Es dauerte keine sechs Monate, bis der Burnout ohne Vorwarnung eintrat. Zunächst habe ich sechs Kilo Gewicht verloren, litt unter Schlafstörungen und konnte anschließend gar nicht mehr schlafen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, Angststörungen und Erbrechen stellten sich ein…  Nach drei Monaten habe ich die Personalabteilung alarmiert. Bei einem Treffen habe ich darum gebeten, das Team wechseln zu dürfen. Mein Gesprächspartner sank tief in seinen Sessel zurück und nachdem er meine Argumente angehört hatte, sagte er einfach, dass ich Jahre auf eine Versetzung warten und so lange auf meiner Stelle ausharren müsse. Der Arbeitsmediziner, den ich konsultiert hatte, bescheinigte mir, dass sich sehr gestresst sei, und hat eine entsprechende Warnung abgegeben. Doch nichts änderte sich, als ob eine Generalamnestie für schlechte Manager herrsche.

Eines Morgens brach ich auf dem Weg zur Arbeit in Tränen aus und schaute bei meinem Hausarzt vorbei, der mich umgehend für drei Wochen krankschrieb. Ich lehnte es  zunächst ab, denn ich war immer im Büro erschienen, auch wenn ich krank war. Es sagte mir, dass diese Auszeit wahrscheinlich nicht ausreichen werde und überwies mich an einen Psychologen.

Antidepressiva, Tranquilizer und Schlafmittel… Als Ergebnis davon wandelte ich wie ein Zombie durch die Welt. Dennoch kümmerte ich mich immer noch um meine E-Mails, denn mein Chef hatte nie damit aufgehört, mir Meldungen zu senden. Es war mein Ehemann, der schließlich die Batterie auf Bitte meines Psychologen aus meinem Blackberry entfernte. Insgesamt wurde meine Krankschreibung ein ganzes Jahr lang immer wieder erneuert. Es brauchte Zeit, um wieder an die Oberfläche zu gelangen, das Selbstbewusstsein zurückzugewinnen und mich völlig zu erholen.

Die Rückkehr fiel nicht leicht, zumal mich die Personalabteilung während der Krankschreibung kein einziges Mal kontaktierte. Es gab verstohlene Blicke, peinliches Schweigen und unangebrachte Fragen… Burnout zählt in Banken noch immer zu den Tabuthemen. Ich wurde gewissermaßen stigmatisiert. Darüber hinaus habe ich über zwei Jahre keinerlei variable Vergütung erhalten. Ich wurde an mein altes Tradingteam zurückverwiesen und neben meinen Manager gesetzt. Dort erhielt ich nicht viele Aufgaben. Also habe ich versucht mein Netzwerk zu reaktivieren und mir einen neuen Job zu suchen, was keine leichte Aufgabe darstellt, wenn man sich quasi in Quarantäne befindet. Sie sind zwar kompetent, haben aber das Etikett „Spielverderber“ aufgedrückt bekommen – um es höflich zu formulieren.

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Kommentare (1)

Comments
  1. Burnout / Depression geht nach wie vor mit einer Stigmatisierung einher, die letzten Endes aber vor allem eines zeigt: Unsicherheit. Wie gehe ich mit diesem Menschen um, was kann ich ihm zumuten? Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig …

    … die aber kommen wird, da bin ich mir ganz sicher … denn das wird DIE Wachstumsstory der nächsten Jahre in der Finanzindustrie werden: eine gigantische Zuwachsrate an ausgebrannten Mitarbeitern, die “dank” imkompetenten Managern, immer schärferer Regulierung und immer weiter angezogener Kostenbremse aus dem Hamsterrad – und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aus dem Arbeitsmarkt – fliegen.

    Willkommen im Club der zuerst Ausgebrannten und dann Ausgestoßenen!

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