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Wie viel Schuld tragen die Chefs, wenn sich Angestellte das Leben nehmen?

stress in compliance

Top-Banker Josef Ackermann zeigte sich nach dem offensichtlichen Selbstmord des Zurich-Finanzchefs Pierre Waulthier „zutiefst erschüttert“ und trat unerwartet als Verwaltungsratspräsident des Versicherers zurück. Bedeutet Ackermanns Bemerkung, dass die Familie ihn für den Tod verantwortlich mache, ein Schuldeingeständnis?

„Einige Manager üben bei ihren Berichten viel Druck aus und würdigen die Nebeneffekte nicht oder ignorieren sie einfach. Das bedeutet nicht, dass Vorstände die Rolle des Psychotherapeuten übernehmen sollten, aber viele erwarten ungeteilte Loyalität und absolute Hingabe,“ sagt der Karriere-Coach und Autor des „Wall Street Professional’s Survival Guide“ Roy Cohen.

„Und einige Angestellte erreichen die Grenze der Belastbarkeit,“ fügt Cohen an. „Ein unvernünftiger Manager neigt dazu, sich nicht darum zu kümmern, sollte aber dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Erwartungen extrem oder unangemessen sind. Das ist vergleichbar mit einer toxischen und unsicheren Arbeitsumgebung. Unglücklicherweise ermöglichen die vorherrschende Einstellung und eine Wirtschaft, die fortfährt Arbeiter auszubluten, solches Fehlverhalten.“

Ackermann, der ehemalige Vorstandschef der Deutschen Bank, der einen vielbeachteten Kampf in der Vorstandsetage über seinen Nachfolger durchgestanden hat, ist sich schmerzhaft der Anforderungen in einer stark wettbewerbsorientierten Branche, in der Angestellte oft weit über ihre Grenzen hinaus belastet werden, bewusst.

„Letztendlich ist das ein Führungsproblem, das sich von oben nach unten in Unternehmen durchzieht – angetrieben von der Unfähigkeit der Vorgesetzten zu planen, was die Untergebenen faktisch zu liefern haben, der Unfähigkeit Ziele abzulehnen, die sie offensichtlich nicht erreichen können, der Unfähigkeit ,los zu lassen‘ und zu delegieren oder ihrer Unfähigkeit, die Leute so zu motivieren, dass sie das liefern, was durch ihre eigene Unfähigkeit erforderlich geworden ist,“ sagte der Unternehmensführungs-Prof der Cass Business School Chris Roebuck.

„In der Unternehmenswelt sind über viele Jahre hinweg Leute, die „Ja“ zu unmöglichen Dingen sagen und ihre Chefs, die sich nicht darum scheren Unmögliches zu verlangen, die Ursache von spürbarem, völlig überflüssigem Stress,“ fügt Roebuck, der mehrfach Führungsfunktionen im Bereich HR bei internationalen Banken  innehatte, an. „Nehmen Sie dazu noch den Fakt, dass niemand als „Versager“ gesehen werden möchte, was eigentlich nicht passiert, was die Zunft aber oft so sieht und schon haben sie das Rezept, aus dem sich solche Tragödien zusammensetzen. Es gibt da draußen wahrscheinlich noch viele mehr, über die wir nie etwas hören, da sie lediglich in den unteren Führungsebenen arbeiten.“

Der plötzliche Tod von Wauthier, der seit 1996 bei Zurich gearbeitet hat und seit 2011 Finanzvorstand war, geschah, als der Versicherer einen großen Verlust im zweiten Quartal verkündete. Als Hauptursache werden Naturkatastrophen wie Tornadoschäden in Oklahoma und Flutschäden in Europa gesehen.

„Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag,“ sagte Ackermann in einer Erklärung. „Daher sehe ich eine weitere erfolgreiche Führung des Verwaltungsrates zum Wohle der Zurich in Frage gestellt. Um jegliche Rufschädigung zulasten von Zurich zu vermeiden, habe ich beschlossen, von allen meinen Funktionen im Verwaltungsrat mit sofortiger Wirkung zurückzutreten.“

Geschäftsleiter der Hodak Value Advisors und Professor der Stern School of Business bei der New York University Marc Hodak sagte: „Stress gehört so sehr zum Job einer jeden Führungskraft, dass ein Chef ein Psychologe sein müsste, um zu entscheiden, wann die Belastung eines Angestellten zu viel wird. Das gilt vor allem, wenn viel Stress von außerhalb des Jobs hinzukommt und der Untergebene versucht, dies zu kaschieren.“

Die meisten Chefs können in den Mitarbeitern „lesen“ und Aufgaben umverteilen, wenn sie sehen, dass die Belastung zu groß wird, sagte Hodak.

„Wenn es wirklich offensichtlich wäre, würden sie den Mitarbeitern in der Regel empfehlen, sich professionelle Hilfe zu suchen. (Und sie daran erinnern, dass das eine bezahlte Leistung ist.) Ich habe das gesehen und auch erfahren, doch bin ich sicher, dass Vorfälle übersehen werden,“ sagte er. „Die meisten der nicht beachteten Fälle enden damit, dass einer kündigt. Wenn sie es aus irgendwelchen Gründen nicht können, wäre das ein echtes Problem. Die Resignation einer Führungskraft ist sowohl ein Problem des Unternehmens als auch ein persönliches.“

David B. Kellerman wurde sieben Monate, bevor er sich im April 2009 in seinem Keller erhängte, in eine Spitzenposition beim Hypothekenriesen Freddy Mac befördert. Seinen Chef und andere Spitzenkräfte ließ man gehen, als der US-Finanzminister Freddie Mac und Fannie Mae inmitten einer massenhaften Abwanderung der Angestellten übernahm. Kellerman begann rund um die Uhr zu arbeiten. Als sich der Kollaps der Wirtschaft und des Häusermarktes fortsetzte, nahm er als Lohn für 16 Monate 850.000 US-Dollar mit nach Hause, was ihn zum Ziel der öffentlichen Aufmerksamkeit und Proteste machte.

„Kellerman versuchte zurückzutreten, doch sein Rücktritt wurde nicht akzeptiert,“ sagte Hodak. „Etwas in der Art könnte hier am Werk gewesen sein.“

Chefs haben eine „moralische und gesetzliche Verpflichtung“ sicherzustellen, dass Angestellte nicht überfordert werden, sagte Roebuck nach dem Tod vom 21jährigen Praktikanten der Bank of America Merill Lynch Moritz Erhardt .

Jedoch werden nur wenige jemals für die extremen Handlungen der Angestellten, die überarbeitet, überbelastet und unfähig sind, mit dem Druck in einem mörderischen Arbeitsplatz umzugehen, zur Rechenschaft gezogen.

Der Sprecher der Züricher Versicherung Björn Emde sagte, dass es kein Anzeichen gab, wonach Wauthier unter extremen Druck litt.

Der Tod von Wauthier folgt auf den Selbstmord eines anderen bekannten Schweizer Managers, des Swisscom-Chefs Carsten Schloter.

Selbstmord ist unter den leistungsorientierten Jobs, die von ökonomischen Rahmenbedingungen, Marktvolatilität oder Naturkatastrophen abhängen, nichts Neues.

Während die Zahlen von Leuten, die sich beim großen Wall Street Crash 1929 von Brücken stürzten, hoffnungslos übertrieben wurden, können die Tragödien, die mit derartigen Ereignissen verbunden sind, nicht in Zweifel gezogen werden. Es existieren Geschichten, die Jahrhunderte zurückreichen. Am 24. Mai 1881 vergiftete sich der Händler Attilio Guinio als er 200 US-Dollar mit Aktien von der Delaware und Lackawanna Eisenbahn verlor.

In der Vergangenheit gab es mehrfach weltweite Beunruhigung über vielbeachtete Selbstmorde. Während keiner eindeutig mit dem aktuellen Problem zusammenhängt, können viele auf dieselben Belastungen zurückgeführt werden.

Der deutsche Multimilliardär Adolf Merckle, der ein Vermögen mit Volkswagenoptionen verlor, warf sich am 5. Januar 2009 vor einen Zug. Zwei Wochen zuvor schnitt sich Rene-Thierry Magon de la Lillehuchet die Handgelenke mit einem Teppichmesser auf. Der Erbe französischer Aristokraten und Mitgründer eines Investmentfonds, der sein Vermögen mit Bernie Madoffs Schneeballsystem verlor, schickte noch die Bediensteten aus seinen Büro in der Madison Avenue, bevor er das Messer ansetzte. Fünf Tage zuvor fand man die Leiche von Christian Schnor, dem Chef der Versicherungsabteilung der HSBC, an einem Gürtel in einer 750-Dollar-Suite im London Jumeirah Carlton Tower aufgehängt.

Bear Stearns Research Supervisor Barry Fox nahm am 22. Mai 2008, nachdem er erfuhr, dass er nicht von J.P.Morgan Chase eingestellt würde, eine Überdosis Drogen und sprang aus dem 29. Stockwerk seines Appartments in Fort Lee, New Jersey, in die Tiefe. Seinen Selbstmord hatte er wahrscheinlich lange vor dem Kollaps der Bank und der Finanzkrise geplant. Sein langjähriger Partner Fred Philippi sagte das zumindest nach einigen persönlichen Rückschlägen: „Diese Sache mit Bear Stearns war sozusagen nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und seinen Geist brach.“

Foxs Tod war kein Fingerzeig, dennoch stellt sich die Frage, wie viel Vorgesetzte unternehmen müssen, um Anzeichen von derartigen Problemen bei Angestellten zu identifizieren und ob sie eingreifen sollten.

Der Tod von Erhardt hat große Debatten entfacht, da der vielversprechende Jungbanker darauf aus war, seine Vorgesetzten zu beeindrucken.

Ben Lyons ist Co-Gründer der Stiftung Intern Awere, die versucht die Behandlung von Praktikanten zu verbessern. Er ruft zu einer „Veränderung der Kultur und der Verfahren in HR auf, wonach die Angestellten nicht mehr nur danach beurteilt werden, wie viele Stunden sie in der Lage sind sich aufzureiben, sondern vielmehr nach der Qualität ihrer Arbeit.“

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