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Kahlschlag bei Commerzbank und HVB erst der Anfang: Im deutschen Retailbanking gibt es 100.000 Mitarbeiter zu viel

Das Lieblingswerkzeug von Bankchefs: die Axt.

Das Lieblingswerkzeug von Bankchefs: die Axt.

Jetzt ist es offiziell: Von der Commerzbank heißt es: „Insgesamt geht die Bank derzeit im Konzern von einem Stellenabbau in Größenordnung von 4000 bis 6000 Vollzeitkapazitäten bis zum Jahr 2016 aus. Die genaue Höhe des Abbaus wird in den Verhandlungen mit den Arbeitnehmergremien vereinbart.“ Der Betriebsrat sei erst gestern von den Maßnahmen unterrichtet worden; die Verhandlungen werden voraussichtlich im Februar starten.

Zum geplanten Kahlschlag hat Verdi jetzt konkretere Infos veröffentlicht. Demnach plant Commerzbank-Chef Martin Blessing 4600 Stellen in Deutschland zu streichen – was immerhin 15 Prozent der Belegschaft bedeutet. Weitere 1400 Arbeitsplätze fallen im Ausland weg und zusätzlich sollen 600 Vollzeitstellen outgesourct werden. „Durch die Einbeziehung von Teilzeitkräften würden durch den Stellenabbau weitaus mehr als 6000 Stellen betroffen“, heißt es von Verdi.

Analyst: Abbau eher bescheiden

Allerding kursierten Gerüchte über den Abbau bereits seit Monaten. Guido Hoymann, Head of Equity Research beim Bankhaus Metzler zeigte sich denn auch wenig überrascht: „Das ist kein sonderlich ambitioniertes Ziel. Die Aktie ist im Minus, weil man die Streichungen schneller erwartet hätte. Bis 2016 ist eine relativ lange Zeit.“ Die alljährliche Fluktuation beliefe sich bei der Bank bereits auf 3 Prozent.

Schon gestern hatte die Nachrichtenagentur Reuters gemeldet, dass die Hypo Vereinsbank in laufenden Jahr 600 und im kommenden Jahr noch einmal 400 Stellen streichen wolle. So sollen 45 ihrer noch 939 Filialen dichtgemacht werden. Im Fokus steht hier das Filialgeschäft. Überdies wurde heute bekannt, dass auch die Allianz-Bank mit 450 Stellen dichtgemacht wird.

Laut Verdi will die Commerzbank vor allem im Retailgeschäft den Rotstift ansetzen: „Besondere Einschnitte drohen im Privatkundenbereich. Nach Aussagen des Commerzbank-Vorstands bestehe dort die Überkapazität von 30 Prozent, das entspräche rund 3400 Vollzeitstellen. Davon sollen 1800 kurzfristig abgebaut werden, der Rest wird vom geplanten Wachstum abhängig gemacht.“

Personalüberhang von etwa 30 Prozent

Dabei dürften die Streichkonzerte bei Commerzbank und HVB lediglich einen Anfang darstellen, denn die gesamte Branche hat auf dem hartumkämpften deutschen Retailbanking-Markt mit der Profitabilität zu kämpfen. Dabei scheint der vom Commerzbank-Vorstand genannte Personalüberhang von 30 Prozent tatsächlich eine magische Zahl darzustellen – und zwar branchenweit.

Denn zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie von Confidum Financial Services Consultants. „Nach unseren Hochrechnungen wird es auf lange Sicht 40 Prozent weniger Standorte in Deutschland geben. Wir rechnen mit einem Personalabbau von 30 bis 35 Prozent“, erläutert Hans-Joachim Schettler, Managing Director von Confidum. In der Studie heißt es wörtlich: „In absoluten Zahlen bedeutet das ca. 12.000 Standorte und 100.000 Mitarbeiter weniger.“

Ungleiche Einkommensverteilung und Niedrigzinsen stellen Probleme dar

Schettler rechnet vor, dass rund 50 Prozent der Bevölkerung ein Asset under Management von unter 5000 Euro besitzen. Lediglich 20 Prozent der deutschen Bevölkerung verfüge über eine wirklich reale Sparkraft. Nur diese Minderheit sei für eine individuelle Ansprache aus wirtschaftlicher Sicht interessant. „Für was brauche ich dann die ganzen Standorte und Mitarbeiter“, ergänzt Schettler. Dabei seien die Probleme bereits seit langem bekannt.

Verstärkt werde der Druck durch die aktuelle Zinsstrukturkurve. Durch das Niedrigzinsumfeld würde der Zinsüberschuss derzeit gering ausfallen. Viele Retailbanken würden überdies ihr Filialgeschäft durch die sogenannte Fristentransformation quersubventionieren. Sie würden also kurzfristig Geld zu niedrigen Zinsen aufnehmen und langfristig zu höheren Zinsen verleihen. „Wenn die Zinsen wieder anziehen sollten, dann bekommen diese Banken ein Problem“, meint Schettler.

Auch Professor Michael H. Grote von der Frankfurt School of Finance and Management sieht die Beschäftigung im Retailbanking unter Druck. „Wenn wir die vergangenen 15 Jahre betrachten, dann beobachten wir, dass die Beschäftigung in der Fläche im Kreditgewerbe kontinuierlich zurückgeht.“

Dennoch wird es weiterhin Chancen im Retailbanking geben

Dagegen wollte sich Grote nicht festlegen, wie hoch der branchenweite Abbau ausfallen werde. „Es ist nicht klar, wann dieser Trend enden wird. Das hängt sehr stark von der technologischen Entwicklung ab“, betont der Bankenexperte. Durch die Einführung des Geldautomaten seien diverse Stellen weggefallen – ähnliches gelte für das Onlinebanking.

Dennoch sieht Grote für die Zukunft des Filialgeschäfts nicht völlig schwarz. So würden auch künftig Mitarbeiter benötigt, die Kunden bei der Altersvorsorge oder bei Immobilienkrediten beraten. „Überall dort, wo Beratungsbedarf herrscht und die Informationen auf der Website nicht ausreichen, brauchen Sie Personal“, betont Professor Grote. Darüber hinaus schafft die Verschlankung des deutschen Retailbankings sogar bestimmte Jobs. „Leute, die sich mit Prozessen auskennen und diese effizienter gestalten können, für die gibt es viel zu tun im Retailbanking“, sagt Grote.

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