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INTERVIEW mit einem Quant von Goldman Sachs: Wieso Sie es sich gründlich überlegen sollten, bevor Sie ins Banking gehen

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Ein ehemaliger Mitarbeiter von Goldman Sachs erzählt, wie das Arbeitsleben bei der Bank aussieht und gibt wertvolle Tipps für Bewerbungen.

Wie sind Sie zu Goldman Sachs gekommen?

Als ich noch in Moskau lebte, habe ich mich nach meiner ersten richtigen Stelle umgesehen, wozu ich ein spezielles Online-Forum für Quants genutzt habe, auf dem auch offene Stellen zu finden waren. Sobald ich mir über die Art der Stellen, die mich interessierten, im Klaren war, habe ich Headhunter angeschrieben, die derartige Stellen vermitteln.  Dabei habe ich ihnen meine Präferenzen erklärt und nach ihrer Hilfe gefragt.  Für mich stellte es keinen Unterschied dar, ob ich in Moskau oder in Westeuropa arbeitete. Nachdem ich meine Promotion in Mathematik abgeschlossen hatte, wurde ich zu Vorstellungsgesprächen bei mehreren erstrangigen Banken – inklusive Goldman Sachs – eingeladen. Dabei ging es immer um Stellen in Moskau.

Wie schwierig waren die Vorstellungsgespräche?

Ich hatte ein Telefoninterview mit Goldman Sachs und während sie darüber nachdachten, wie sie mit mir weiter verfahren sollten, habe ich ein Angebot von einer anderen internationalen Bank erhalten. Daher wurde ich schließlich auch zu persönlichen Vorstellungsgesprächen von Goldman Sachs eingeladen. Ich trat recht selbstbewusst auf und nutzte die Gespräche vor allem dazu herauszubekommen, ob das Unternehmen zu mir passen würde und ob die Jobperspektiven dort aureichend attraktiv ausfielen. Die Gespräche fanden in London statt und dauerten von 9 bis 18 Uhr. Ich hatte 15 Vorstellungsgespräche in anderthalb Tagen.

Welche Fragen wurden Ihnen dabei gestellt?

Es gab eine Menge technischer Fragen. Ich kann mich an eine großartige mathematische Denkaufgabe erinnern, die eher amüsant als schwierig ausfiel: „Sie haben eine hundert Meter lange Brücke und einen Betrunkenen, der 17 Meter weit entfernt von ihrem linken Ende steht.  Zur gleichen Zeit macht er einen Meter lange Schritte zu seiner Rechten und Linken.  Dabei besteht jedes Mal die Chance von 0,5, in welche Richtung er sich bewegen wird – in welche Richtung wird er sich bewegen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das linke Ende der Brücke erreicht?  Ich wurde für die Niederlassung in Moskau eingestellt und einige Jahre später nach London versetzt. Dies machte durchaus Sinn, da mein Chef in London saß und ich von Anfang an für das britische Team eingestellt worden war.

Wie unterscheidet sich der Arbeitsstil bei Goldman Sachs in London von dem in Moskau?

Offensichtlich ist die Niederlassung in London größer. In London arbeitete ich härter und länger. Bei Moskau handelt es sich eher um einen Insider-Markt. Denn es gibt weitaus weniger Marktteilnehmer und einen viel  vertraulicheren Umgang. Es dauerte nicht lang und man kennt alle Key Player.

Die Geschäfts- und Kommunikationskultur unterscheidet sich ebenfalls. Briten sind weniger offen als Russen und die kulturellen Unterschiede sind beträchtlich. In Russland werden Sie direkt darauf angesprochen, wenn etwas schief läuft – das würde in Großbritannien so niemals passieren. Sie bezeichnen etwas als „sehr interessant“ und meinen, dass Sie absoluten Unsinn reden. Übrigens ist die Einstellung auch in den USA verschieden, wo die Leute ebenfalls dazu tendieren, direkt zu sein. Während es in Moskau freie Verpflegung gab, gab es in London lediglich Cafés, wo man zahlen musste.

Welche Rat würden Sie Leuten erteilen, die von Moskau nach London oder anderswohin versetzt werden möchten?

Um ehrlich zu sein, war ich nicht besonders darauf aus, versetzt zu werden. Da es in Russland nur eine Einkommensteuerrate von 13 Prozent gibt, waren die meisten Leute der gleichen Meinung. Doch wenn ich nach einer Versetzung suchen würde, dann würde ich zuerst herausfinden wollen – möglicherweise mit der Hilfe von Leuten, die auch wechseln wollen – ob dort eingestellt wird und ob dort Leute mit Ihrer Erfahrung benötigt werden. Sie sollten auch versuchen, mit Ihrem Vorgesetzten zu sprechen. Ich kenne ein paar Fälle, als Leute Ihre Vorgesetzten angesprochen haben und gesagt haben, dass sie unzufrieden sind und anderswo arbeiten wollen. Oftmals wurden Sie dabei von ihren Vorgesetzten unterstützt.  Dennoch wird Ihr Chef kaum aktiv nach einem neuen Job für Sie suchen. Sie müssen also selbst herausfinden, ob Ihr Profil irgendwo gesucht wird. Wenn Sie also nach einer Veränderung suchen, dann macht es mehr Sinn, sich nach einer Position mit ähnlichen Anforderungen umzuschauen, als etwas völlig anderes anfangen zu wollen. Denn wieso sollte Sie jemand einstellen, wenn jemand anderers mit einschlägiger Berufserfahrung verfügbar ist.

Wie würden Sie Ihre Arbeitserfahrung bei Goldman Sachs zusammenfassen? Was ist an den Gerüchten einer „ verkommenen“ Unternehmenskultur dran? Haben Sie sich über Ihre Kunden lustig gemacht, wie kürzlich behauptet wurde?

Wir hatten ein gutes, kollegiales Arbeitsklima. Es herrschte einige Bürokratie wie bei jedem anderen großen Unternehmen, aber es gab keine Hinerhältigkeit.  Wie haben auch außerhalb der Arbeit etwas zusammen gemacht, sind zu Barbecues gegangen, haben Brettspiele gespielt und sind gemeinsam zum Schifahren gefahren.

Aus Gesprächen mit Kollegen, die bei anderen Banken gearbeitet haben, habe ich tatsächlich entnommen, dass es bei Goldman Sachs besser als anderswo ist. Falls ich von jemanden Hilfe benötigte, der für Goldman Sachs in Tokio arbeitet, dann konnte ich einfach zum Telefonhörer greifen und sie einfach um Hilfe fragen und es war sehr wahrscheinlich, dass sie halfen, auch wenn wir zuvor niemals miteinander gesprochen hatten und wahrscheinlich auch niemals mehr in Zukunft miteinander sprechen würden.

Wir haben niemals Witze über Kunden gerissen. Vielmehr haben wir sie immer darauf hingewiesen, wenn wir dachten, dass sie dabei waren, Geld zu verlieren.

Was würden Sie Leuten raten, die bei Goldman Sachs arbeiten wollen und sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten?

Ich denke, dass es sich bei dem Einstellungsprozess um ein Standardverfahren bei allen Banken handelt und dass es nichts besonderes bei Goldman Sachs gibt. Ich habe selbst in 50 bis 80 Vorstellungsgesprächen mit anderen Leuten gesessen, während ich hier gearbeitet habe. Dabei habe ich am meisten auf die Lebensläufe der Kandidaten geachtet. Es macht überhaupt keinen Sinn, Kandidaten über etwas zu befragen, das sie oder er nicht wissen. Daher habe ich mich auf das konzentriert, was im Lebenslauf stand.  Falls der Kandidat einen Doktortitel haben sollte, dann habe ich ihn gebeten, davon zu erzählen. Falls sie sich als erfahrene Programmierer präsentierten,  habe ich ihnen Fragen übers Programmieren gestellt. Einer der Kandidaten verfügte über profunde Kenntnisse in Chemie, und da ich keine relevante Frage hierzu stellen konnte, bat ich einen Kollegen mit entsprechenden Kenntnissen, an dem Gespräch teilzunehmen.

Können Sie einige Tipps zu Vorstellungsgesprächen geben?

Sicher.

1. Mein erster Rat besteht darin, nicht zu lügen oder zu übertreiben. Ein typischer Fehler von Kandidaten besteht darin, etwas in den Lebenslauf zu schreiben, das sie entweder nicht können oder sich nicht daran erinnern. Falls Sie in Ihrem Lebenslauf 20 starke Punkte auflisten, aber unfähig sind, die ersten beiden klar zu artikulieren,  weil Sie darüber irgendwann einmal eine Seminararbeit verfasst haben und es anschließend vergessen haben, wieso sollten Sie es dann an erster Stelle erwähnen. Es ist besser drei Punkte zu nennen, über die Sie so sprechen können, dass Sie mich begeistern.

2. Verfassen Sie keine langen Lebensläufe. Der Lebenslauf sollte nicht mehr als zwei Seiten umfassen. Ein langer Lebenslauf hinterlässt besonders dann einen schlechten Eindruck, wenn der Kandidat lediglich einen Bachelor-Abschluss nach vier Jahren mitbringt – aber einen fünfseitigen Lebenslauf einsendet. Offensichtlich ist es unwahrscheinlich, dass jemand zu diesem Zeitpunkt so viele Leistungen vorweisen kann, dass er sie derart detailliert auflistet.

Stellen Sie sich vor: Ich erhalte eine Stapel Lebensläufe und verbringe tatsächlich 10 bis 20 Arbeitsstunden damit, sie zu lesen. Falls Sie einen langen Lebenslauf haben, dann können die wirklich wichtigen Punkte in den unwichtigen untergehen. Daher ist es besser, Ihre entscheidenden Leistungen zu beschreiben und den Rest nur kurz zu erwähnen. Dann ist sofort klar, worin Ihre Kernkompetenzen bestehen und was Sie gemacht haben.

3. Drücken Sie sich schlicht und deutlich aus. Falls ich keinen Sinn aus den Details einer Promotion herauslesen kann, dann möchte ich, dass Sie mir die Grundlagen zunächst in einfachen Begriffen erklären, bevor Sie in die Details gehen – und nicht das Gegenteil machen.

4. Kleiden Sie sich angemessen, auch wenn Sie ein Quant sind. Sie können Ihre Unabhängigkeit und Ihren individuellen Stil später zeigen. Solange ich keinen Kundenkontakt bei Goldman Sachs hatte, brauchte ich mich nicht an den Dresscode zu halten. Doch wenn ich an einem Vorstellungsgespräch mit Kandidaten teilgenommen habe, die in Jeans, Sportschuhen und ungewaschenen Haaren angekommen sind, dann habe ich ihn gefragt, wieso er entschieden hat, so zu erscheinen. Denn eigentlich sollten ihm die Spielregeln bei Vorstellungsgesprächen bekannt sein. Wollen Sie eine solche Frage wirklich während Ihres eigenen Vorstellungsgesprächs beantworten?

5. Überlegen Sie sich, wieso Sie gerade diesen Job haben wollen. Wollen Sie den Job zwölf Stunden am Tag machen? Zwölf Stunden stellen immerhin die Hälfte Ihres ganzen Tages dar – und das ist sehr viel. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob Sie sich bei Goldman Sachs oder anderswo bewerben. Ihnen wird schnell langweilig werden und Sie werden lediglich Geld gegen Zeit eintauschen. Und Sie werden sich wirklich elend fühlen, wenn Sie nicht machen, was Sie wirklich wollen.

Sagen wir einmal, Ihr Team konzentriert sich auf Mathematik und Sie bringen dafür kein Interesse auf.  Doch weil Sie keine gute Antwort auf die Frage wissen, sagen Sie einfach, dass Sie sich für Mathematik interessieren.  Falls Sie dann tatsächlich eingestellt werden und damit enden, dass Sie hassen, was Sie jeden Tag machen, dann wird Ihre Karriere nicht vorankommen, da Sie nicht Ihr bestes geben.

Überlegen Sie sich genau, wie Ihr Arbeitstag aussehen wird. Sprechen Sie mit Angestellten und potenziellen Kollegen. Es gibt Sales-Leute, die glauben, dass Sie einen glamourösen Job machen, in dem Sie mit Kunden zum Essen gehen und durch die Welt jetten. Doch wenn es dazu führt, dass sie in der Woche drei Geschäftsreisen haben, niemals ihre Familie sehen und Kunden haben, die sie um 7 Uhr morgens anrufen und sagen, dass sie einige Analysen sehen wollen, die Ihre Empfehlungen stützen, dann stellt sich die Realität ein. In der Regel denken die Leute, die sich bei Banken bewerben, nicht über die Nachteile ihrer Karrierewahl nach. Sie sollten bedenken, dass Sie sehr lange arbeiten und einen großen Teil Ihres Lebens dort verbringen werden.

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