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GASTKOMMENTAR: Ich habe für die Deutsche Bank und Goldman Sachs gearbeitet und führe jetzt eine Bar – ich bedauere nichts

Colin Tay aus Singapur hat Banking gegen Bierzapfen ausgetauscht, als er der Finanzdienstleistungsindustrie nach neun Jahren den Rücken kehrte. Als ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Bank betreibt Tay jetzt zwei Geschäfte: Den Gastropub Old Empire und den Beer- und Weingroßhandel TSA Wines. Tay hat mit eFinancialCareers über seinen Karriereschwenk gesprochen.

Mein früheres Leben als Banker…

Ich habe Wirtschaftswissenschaften und Finance an der Universität Sydney studiert. Nachdem ich in 2002 nach Singapur zurückgekehrt war, habe ich mich nach einem Bankingjob umgeschaut. Ich betrachtete das Banking als lukrative Chance und einen sicheren Weg, insbesondere weil der Sektor in Singapur gerade boomte. Als ich anfing, hegte ich keine Präferenz für irgendeinen Geschäftsbereich – ich wollte nur einsteigen. Ich bin jedoch jemand, der gerne mit Menschen umgeht. Daher dachte ich, dass zur mir ein Job passen würde, bei dem ich direkt mit Kunden umgehen könne.

Mein erster Job war bei OCBC. Dort arbeitete ich im Retailbanking, in der Qualitätssicherung und schließlich avancierte ich zum Assistenten eines Private Bankers. Drei Jahre später wechselte ich zu Goldman Sachs, wo ich in Operations im Unternehmenskundengeschäft arbeitete. Dabei war es keine leichte Entscheidung, eine Frontoffice-Position aufzugeben, insbesondere weil ich bei OCBC dazu bestimmt war, ein Private Banker zu werden. Schließlich rang ich mich zu dem Wechsel durch, weil ich Erfahrungen bei einer glolbal aufgestellten Bank sammeln wollte.

Goldman Sachs stellte eine großartige Erfahrung dar. Dabei hatte ich mit Kunden aus verschiedenen Märkten wie Hongkong, Korea, Taiwan, Australien, Malaysia, Japan und Singapur zu tun, die Futures auf der ganzen Welt handelten. Allerdings arbeitete ich meistens 14 bis 15 Stunden am Tag – ich hatte so gut wie gar kein Privatleben. Dort hielt ich es drei weitere Jahre aus, bis es einfach nicht mehr weiterging.

Ich wechselte zur Deutschen Bank als Assistant Vice President im Kundenservice für den asiatisch-pazifischen Raum. Dabei handelte es sich um eine bessere Position mit besserer Bezahlung und kürzeren Arbeitszeiten. Meine Aufgabe war dort stärker auf Kunden ausgerichtet und es ging weniger um Operations. Um Kunden zu treffen, reiste ich nach Hongkong, Australien und Japan, was mir sehr gefiel.

… wie ein Geschäft entstand

In 2008, als ich noch bei der Deutschen Bank arbeitete, kam mir die Idee, einen Weinhandel aufzumachen, als ich mit einem langjährigen Freund ausgegangen bin. Wir beide hatten uns schon lange für Wein begeistert und wir entschieden, Geschäftspartner zu werden.

In unserer gemeinsamen Firma arbeitete er Vollzeit, während ich an den Abenden und an Wochenenden aushalf, weshalb es nicht allzu schwierig wurde. Doch wir planten auch unsere eigene Gastrobar nach einigen Jahren aufzumachen. Dabei war mir klar, dass wir viel schneller wachsen könnten, wenn auch ich Vollzeit in das Geschäft einsteigen würde. Als wir also ein geeignetes Lokal zu Jahresbeginn gefunden hatten, ging alles ganz schnell. Die Bar wurde schließlich im Februar eröffnet und ich verließ die Bank im April.

Wieso ich das Banking aufgegeben habe

Ich war unverheiratet und hatte keine Kinder, weshalb ich lange arbeiten konnte. Es galt: jetzt oder nie. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Obgleich ich des Bankings überdrüssig war, hasste ich es nicht. Als ich das Bankgeschäft verließ, fragte ich mich selbst, ob ich das Richtige machen würde.

Hier ein kleiner Vergleich: In einer Bank sind Sie eine kleine Schraube in einer großen Maschine. Wenn Sie indes Ihr eigenes Geschäft aufziehen, dann ähneln Sie eher einem Rad. Denn wenn eine Schraube herunterfällt, dann läuft die Maschine weiter. Dagegen kann sich kein Vehikel bewegen, sobald ein Rad abfällt. Umso schneller sich das Rad dreht, umso schneller kommen sie auch voran. Also habe ich das Banking aufgegeben und ich bedauere nichts. Allerdings bedauere ich auch nicht meine Zeit im Banking. Neun Jahre Berufserfahrung in Unternehmen stellt ein wichtiges Kapital dar, um mein heutiges Geschäft zu führen.

Falls auch Sie das Banking verlassen wollen, hier mein Rat:

Sie sollten sorgfältig darüber nachdenken, was Sie wirklich machen wollen. Sie benötigen etwas, auf das Sie zurückgreifen können, falls die Sache nicht wie erwartet läuft. Obgleich ich natürlich Geld in mein eigenes Geschäft investierte, hielt ich doch Geld für schlechte Zeiten zurück. Brechen Sie die Brücken hinter sich nicht ab. In einer Bank zu arbeiten, stellt niemals eine aussichtslose Sache dar. Das Leben ist unvorhersehbar. Wer kann also mit Sicherheit sagen, dass er niemals ins Banking zurückkehren wird?

Falls Sie Ihr eigenes Geschäft aufmachen wollen, dann sollten Sie sich darauf einstellen, dass dies rund um die Uhr läuft. Sie arbeiten möglicherweise länger als in einer Bank. In einigen Nächten kann ich nicht schlafen, weil ich darüber nachdenke, wie unser Geschäfts wachsen kann. Das können Sie nicht einfach abschalten. Doch zu sehen, wie sich Ihre Ideen und Anstrengungen auszahlen, ist es wert.

Kommentare (1)

Comments
  1. Ein wunderbarer Artikel und mir so vollkommen aus dem Herzen gegriffen! Nur bin ich wohl eher dieses ganzen Bankings höchst überdrüssig!! Es ödet mich zusehends an, den Kunden immer im Nachhinein zu erklären, warum die eine Aktie eingebrochen ist und die andere explodiert, beides selbstverständlich einfach so und ohne eine entsprechende Meinung irgend eines Analysten!! Zunehmend vermisse ich so etwas wie den wirklichen Sinn des Lebens, und der kann in meinen Augen einfach nicht darin liegen, für irgend Jemanden Performance der Performance willen zu produzieren!!!!
    Hilfe!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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