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11. September 2001: Erinnerungen eines Überlebenden

Der frühere US-Korrespondent von eFinancialCareers, Fred Yager, hat den Anschlag vom 11. September 2001 mit eigenen Augen – und nicht vor dem Fernseher – miterlebt. Jetzt berichtet er von seinen Erlebnissen. Der Artikel wurde erstmals vor vier Jahren auf eFinanicalCareers.de veröffentlicht.

Zehn Jahre ist es jetzt her, seit die Flugzeuge einschlugen und das Aussehen von Lower Manhattan für immer veränderten; zehn Jahre sind vergangen, seit zwei kommerzielle Passagierflugzeuge von einer kleinen Terroristenarmee in Massenvernichtungswaffen verwandelt wurden und in den Nord- und Südturm des World Trade Centers flogen. Der Angriff vom 11. September erreichte, was eine Autobombe acht Jahre zuvor verfehlt hatte: die Zerstörung dessen, was manche Leute als das architektonische Symbol der freien Marktwirtschaft betrachteten.

Jeder, der in den Finanzdienstleistungen arbeitet, kann sich wahrscheinlich erinnern, wo er sich an diesem Tag befand. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Auf meinem Weg zur Arbeit lief ich rasch über die World Trade Center Plaza, als ich um 8.45 Uhr eine Explosion über meinem Kopf hörte. Mein erster Gedanke war, dass es sich um eine Bombe handelte.

Ich schaute nach oben und sah einen Feuerball und schwarzen Rauch, der aus einem riesigen Loch gut 80 Stockwerke weiter oben aus dem Nordturm aufstieg. Wie die meisten Morgen lief ich Richtung der Brücke über die West Street, die die Zwillingstürme mit dem World Financial Center verband, wo ich als Vizepräsident von Global Broadcast Services und Präsident von Merrill Lynch Television arbeitete.

An diesem Morgen sollte ich es nicht zur Arbeit schaffen. Und zehn Jahre später sind die Bilder und Gefühle dieses Tages in meine Erinnerung eingebrannt und haben mich seither verfolgt. Erlauben Sie mir, einiges davon mit Ihnen zu teilen.

Ein Mann ordnete seine Krawatte und sprang in den Tod

Als ich hinaufblickte zu dem Feuerball und dem schwarzen Rauch, der aus der Seite des Turms hervorquoll, erkannte ich, dass ich wahrscheinlich weglaufen sollte. Um mich herum regnete es brennende Trümmer. Ich schlug mich zu einer Menge durch, die unter dem Überbau eines der kleineren Trade Center Gebäude stand.

Dort stand ich neben einer Frau mittleren Alters, die in sich hineinschluchzte und nach oben blickte. Bevor ich sie fragen konnte, was los war, folgte ich ihrem Blick zu dem zerklüfteten Loch, das aus dem 86. Stock des Gebäudes herausgerissen worden war.

In der brennenden Öffnung stand ein Mann in einem Anzug. Er ordnete seine Krawatte. Und dann lehnte er sich einfach nach vorn und stürzte aus dem klaffenden Inferno. Er landete unweit entfernt auf dem Boden.

Das Bild des Mannes, der seine Krawatte richtete und seine Optionen abwog und sich dann entschied, dem fatalen Tod durch das Feuer zu entgehen, ist heute genauso klar wie vor zehn Jahren. Was für eine Hölle befand sich in dem zerklüfteten Loch hinter ihm, die ihn zur Entscheidung trieb, dass es sich bei dem Sturz aus dem 86. Stock und dem sicheren Tod um die bessere Alternative handelte? Was kann er gedacht haben? „Dies ist meine letzte Reise, also sollte ich gut aussehen.”?

Ich musste einen Sinn in das hineinbekommen, was ich soeben gesehen hatte; ich musste vernünftig begründen, was ihn dazu motivierte, seine Krawatte zu ordnen, um präsentabel auszusehen, wenn er das Nachleben betrat. Im Grunde erstarrte ich auf meinem Platz, ich war nicht in der Lage, mich zu bewegen, bis ein anderes rauchendes Trümmerstück einige Meter von mir entfernt einschlug und mich in die Realität zurück zwang.

Ich schaute auf meine Uhr und sah, dass es fast 9 Uhr war. Ich war dabei, zu spät zur Arbeit zu kommen, also begann ich wieder, in Richtung West Street und dem World Financial Center zu laufen. Auf dem Weg stoppte ich einen Polizisten und fragte ihn, ob er wüsste, was die Explosion verursacht habe. Er sagte, dass er gehört habe, dass ein kleines Flugzeug versehentlich in den Nordturm gestürzt sei und wies mich an weiterzugehen, weil die Gegend nicht mehr sicher wäre.

Wegen der fallenden Trümmer war der Nordturm geschlossen, so ging ich auf das Straßeniveau hinab, um die Vesey Street zu überqueren. Ich schlug mich in Richtung West Street durch und konnte meinen Blick nicht vom brennenden Turm abwenden. Dabei sorgte ich mich um eine Änderung der Windrichtung und wie ich damit umgehen könne. Überall waren die Leute fassungslos, verstört, schockiert und weinten. Ich fühlte mich, als würde ich mich durch eine Ansammlung von Zombies bewegen, denen gerade das Leben ausgesogen worden war.

Eine niedrig fliegende Maschine

Ich zwang mich weiterzulaufen und hoffte, es zu meinem Büro und in Sicherheit zu schaffen, als ich eine 747 dabei beobachtete, wie sie den Hudson River entlangflog. Es sah aus, als flöge die Maschine ziemlich niedrig und das erschien sonderbar. Das Flugzeug kam vom New Yorker Hafen, flog Richtung Freiheitsstatue, drehte dann nach links ab und flog heran…

Das war der Moment, als das Undenkbare geschah: Die Maschine neigte sich herab und flog direkt in den Südturm des World Trade Centers, riss die Seite des Gebäudes wie eine Kettensäge auf, indem es große Brocken an Glas und Mauerwerk herausriss und diese auf eine Reise durch den Himmel schickte.

Dabei handelte es sich um keinen Unfall. Die beiden Flugzeuge bedeuteten nichts anders, als dass wir angegriffen wurden. Ich sah mich nach einem Unterschlupf um, um mich vor weiteren Flugzeugen zu schützen.

Zunächst habe ich es nicht bemerkt, doch eine Trümmerwolke, die aus dem Südturm herausgeschlagen worden war, kam direkt auf mich zu. Ich schrie: „Achtung! Achtung!” Die verblüfften Leute neben mir schauten auf mich, als ob ich verrückt wäre, als ich sie dazu drängte, sich zu bewegen und Schutz zu suchen. Es handelte sich nicht länger um einen sicheren Ort, um sich aufzuhalten. Ich rannte so lange, bis ich außer Atem war und sah mich dann um. Jetzt hatten beide Türme klaffende Wunden in ihren Seiten und Feuerbälle und schwarzer Rauch quollen hervor.

Ich fühlte mich, als wäre ich zurück in Vietnam, in einem Feuergefecht, und fragte mich, aus welcher Richtung der Feind demnächst angreifen würde. Ich hatte schon ähnliche Albträume – doch dies war kein Traum, sondern Realität. Während meiner ganzen Zeit in Vietnam habe ich nichts Schlimmeres erlebt. Dies war schlimmer als Krieg. Vielmehr war es die Hölle und die Welt stand in Brand.

Ich versuchte, mein Büro anzurufen, doch niemand nahm das Telefon ab. Daraus schloss ich, dass das Gebäude evakuiert worden war. Es gab keine Möglichkeit mehr, zum World Financial Center durchzukommen. Die Polizei trieb die Leute aus der Gegend fort. Ich versuchte, zuhause anzurufen, doch es war keine Verbindung mit dem Handy mehr zu erlangen. Ich konnte niemanden mitteilen, dass ich noch am Leben war.

Schließlich schlug ich mich in Richtung Broadway und 66. Straße durch, wo Merrill Lynch Television eine Niederlassung unterhielt. Ein Fernseher lief und alle verfolgten die Liveberichterstattung von dem Angriff auf die Zwillingstürme. Ich gesellte mich zu ihnen und wir sahen zu, wie der Südturm einstürzte, dem wenige Minuten später der Nordturm folgte.

Einige Stunden später erreichte ich meine Frau, die außer sich war, per Telefon und ich teilte ihr mit, dass ich mich wohlauf befände.

In den folgenden Tagen musste ich feststellen, dass das nicht wirklich zutraf. Emotional und psychisch wurde ich von Schuldgefühlen und schrecklichen Bildern geplagt, die nicht verschwinden wollten. Ich empfand Schuld, dass ich überlebt hatte, während so viele Menschen um mich herum gestorben waren.

Auch Kollegen kamen uns Leben

Auch unser Unternehmen hat an diesem Tag drei Mitarbeiter verloren. Einen davon kannte ich und ging zu seinem Begräbnis. Es handelte sich um einen jungen Mann, in seinen Mitzwanzigern, der in unserer Abteilung arbeitete. Er war verlobt, dabei zu heiraten und hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Er war ein Neuling in unserem Team.

In Vietnam war es immer der Neuankömmling, den es erwischte, denn der Neuling wusste noch nicht, wie gefährlich das Terrain war. An diesem Tag war es der Neuling, der nicht wusste, dass er sterben würde, nur weil er im falschen Restaurant im 100. Stock über Manhattan frühstückte.

Rückkehr in eine Geisterstadt

Noch Monate nach der Attacke konnte ich den Feuerball über meinem Kopf und den Geschäftsmann sehen, der seine Krawatte ordnete und hinabstürzte, sobald ich meine Augen schloss.

Zwei Monate nach dem 11. September ließ uns Merrill Lynch in die Büros im World Financial Center zurückkehren. Das war zu früh: Die Feuer in den Türmen glommen noch. In der Luft wog noch der Geruch von Tod und Verwesung. Unsere Schreibtische waren von Staub bedeckt und es befanden sich Partikel in der Luft. Als ich in meinem Stuhl saß, hatte ich das Gefühl, von Geistern umgeben zu sein.

Jetzt sind zehn Jahre vergangen, als ich das letzte Mal über die Trade Center Plaza lief vorbei an dem gigantischen Metallglobus, der inmitten der Wasserfontäne funkelte, wo einst Kinder spielten und Touristen hielten, um Fotos zu machen. Die Plaza gibt es dort nicht mehr. Während vieler Jahre gab es dort nur noch ein riesiges Loch, das uns an die unschuldigen und anständigen Leben erinnerte, die an diesem Tag ausgelöscht worden waren. Es war wie eine offene Wunde, die nicht heilen wollte; ein Loch im Herzen einer Stadt in Trauer.

Heute wird an dieser Stelle ein neuer Wolkenkratzer errichtet, um an die fast 2700 Seelen zu erinnern, die dort wohnen und um der Welt zu zeigen, dass das Leben und das Geschäft in einer freien Marktwirtschaft weitergehen, auch wenn diese Welt vor wirtschaftlichen Herausforderungen steht.

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