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Außer Spesen nix gewesen: Was Arbeitgeber in Bewerbungsprozessen vermasseln und was Kandidaten daraus lernen können

Gunnar Belden von DIS Consulting in Frankfurt.

Gunnar Belden von DIS Consulting in Frankfurt.

Auf Karriereseiten wie eFinancialCareers wird üblicherweise darüber berichtet, was Kandidaten anstellen sollten, um einen attraktiven Job zu bekommen. Doch es gibt auch eine andere, weniger beachtete Seite: Wie müssen Arbeitgeber einen Bewerbungsprozess gestalten, um gute Kandidaten anzuheuern und diese nicht schon frühzeitig in die Flucht zu schlagen? Denn dies kommt leider allzu häufig vor.

Für Jobsuchende ermöglicht dieser Perspektivwechsel einen Blick hinter die Kulissen des Arbeitgebers. Wieso dauern die Prozesse so lange und was geht in Vorstellungsgesprächen in den Köpfen der Arbeitgeber-Vertreter vor? Hier einige Antworten:

Falls die Prozesse ineffizient sind, springen die besten Kandidaten ab

„Der Bewerbungsprozess ist bei vielen Arbeitgebern ineffizient gestaltet“, behauptet etwa Headhunter Gunnar Belden von DIS Consulting in Frankfurt. „Wenn es keine validen Prozesse gibt, dann kann es schon einmal vier Wochen dauern, bis ein Kandidat nach einem Vorstellungsgespräch ein Feedback erhält“, beobachtet Belden.

Gerade für Spitzenkandidaten ist das entschieden zu lang und sie springen ab. „Damit ist die ganze Vorarbeit zunichte“, ergänzt Belden, denn jedes Vorstellungsgespräch will gut vorbereitet sein. Für den Arbeitgeber kann dies empfindliche finanzielle Einbußen bedeuten. Denn Headhunter werden oft nach der sogenannten Drittelregelung bezahlt: ein Drittel erhalten Recruiter bei der Auftragsvergabe, ein Drittel bei der Präsentation eines Kandidaten und das letzte Drittel bei einem Vertragsabschluss. Wenn ein passender Kandidat nach einem Vorstellungsgespräch aufgrund überlanger Prozesse abspringt, dann sind für den Arbeitgeber ggf. zwei Drittel der Vermittlungsgebühr futsch.

Falls Arbeitgeber Mühe haben, den richtigen Kandidaten zu finden, dann sind dafür also nicht immer Demografie oder Arbeitsmarkt verantwortlich. „Es liegt nicht immer am Führungskräftemangel, sondern an den falschen Abläufen, wenn Arbeitgeber nicht das passende Personal finden“, ergänzt Belden.

So hat kürzlich ein guter Kunde den Headhunter um Rat gebeten, wie er seinen Bewerbungsprozess optimieren könne. Nachdem Belden mit den Verantwortlichen im Unternehmen gesprochen hatte, war ihm klar: „Es gab nicht einmal eine ansatzweise strukturierte Vorgehensweise und damit meine ich keinen überbürokratisierten Prozess.“ Belden rät somit zu folgender Vorgehensweise:

Wen brauche ich überhaupt?

Viele Personalentscheidungen sind von strategischer Bedeutung. Arbeitgeber sollten sich fragen: Wo will ich mit meinem Unternehmen hin, wen brauche ich dafür und welche Anforderungen muss diese Fach- oder Führungskraft mitbringen? Doch Belden beobachtet, dass schon bei der Analyse des eigenen Bedarfs bei vielen Arbeitgebern reichlich Unklarheit herrscht. Dann fällt es natürlich schwer, den passenden Mitarbeiter zu finden. „Für einen Kapitän, der sein Ziel nicht kennt, ist jeder Wind der falsche“, betont Belden.

Wie sichte ich einen Lebenslauf?

Um einen Lebenslauf korrekt zu verstehen, rät Belden auf folgende Punkte zu achten:

Plausibilität

Lücken und Ungereimtheiten

Ausbildungsdauer

zu kurze Stationen im Lebenslauf

Nachvollziehbarkeit der Entwicklungsschritte

Sorgfalt bei Gestaltung, Foto und Stil

und die Arbeits-Zeugnisse.

Dabei sollte geprüft werden, ob die Jobtitel und Daten in den Zeugnissen mit den Angaben im Lebenslauf übereinstimmen. Interessant ist auch, wer das Zeugnis unterzeichnet hat. Denn normalerweise werde es von einem Vorgesetzten unterschrieben. Die Unterschrift eines HR-Mitarbeiters kann hingegen einen Hinweis auf einen Aufhebungsvertrag darstellen. Informativ sei weiterhin die Ausscheidungsformel: Hat der Kandidat das Unternehmen auf eigenen Wunsch oder in beiderseitigem Einvernehmen verlassen und hat der Kandidat die Anforderungen zur „Zufriedenheit“, „voller Zufriedenheit“ oder „vollsten Zufriedenheit“ erfüllt.

„Und dann sollte man heutzutage noch einen Social Media-Check durchführen“, empfiehlt Belden. So wie man sich auf Xing oder Linkedin zeige, so wolle man wahrgenommen werden. Dagegen lässt der Headhunter bei Facebook Nachsicht walten. „Auf Facebook hat jeder das Recht, sich anders als im Berufsleben zu zeigen“, sagt Belden.

Wie strukturiere ich ein Vorstellungsgespräch?

Wie jeder Kandidat sollten sich auch die Arbeitgebervertreter auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Die eingehende Lebenslauf-Analyse stellt hierbei nur ein Element dar. So sollten sich die Teilnehmer über die eigene Interviewkultur im Klaren sein: Wie soll die Stimmung und die Interview-Balance aussehen? Dazu sagt Belden: „Wir sind weg von der Verhöratmosphäre und sind beim Dialog angelangt.“

Darüber hinaus rät der Personalexperte zu einem strukturierten Vorstellungsgespräch. „Damit wird sichergestellt, dass sämtliche wichtigen Punkte angesprochen werden und dennoch genügend Flexibilität herrscht. So verliert man den roten Faden nicht, auch wenn man mal auf Nebenschauplätze abgeschweift ist“, erläutert Belden.

Verantwortlichkeiten und Feedback müssen festgelegt werden

Laut Belden sollten bei den Unternehmen die Verantwortlichkeiten sowie die Zeiten für ein Feedback festgelegt werden, um die Prozesse nicht in die Länge zu ziehen und damit ein Abspringen des Kandidaten zu riskieren. Belden rät: „Es darf nur Zusage oder Absage geben. Ein Vielleicht hält nur auf.“

Kommentare (1)

Comments
  1. Schön zu lesen, dass es nicht immer am Kandidaten liegen kann. In den letzten 2 Jahren habe ich nicht selten Interviews geführt, wo die “wichtigen” Personen nicht vorbereitet waren, geschweige denn das CV überhaupt gelesen hatten. Ab und zu wurde ich auch von Junioren interviewt, die gar nicht die Kapazität hatten, meinen Track Record zu beurteilen. Und ein Manager erlaubte sich rassistische Bemerkungen zu machen. Die Diskretion hat auch sehr nachgelassen. In 2 Fällen wurde meine Bewerbung publik. Nach vorwärts schauen, irgend einmal wird man auch ein positives Erlebnis haben.

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