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Whistleblowing: Wieso Verpfeifen in der Schweiz eine Sünde und in Grossbritannien eine Tugend ist

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Wer die Schweiz für ein Land der leisen Töne hält, sollte derzeit keinen Blick in die eidgenössische Presse werfen. Denn dort wird aus allen Rohren geschossen – und zwar auf den Schweizer Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand.

So schreibt die Zürcher Weltwoche in einer lauthals angekündigten Enthüllungsstory: „Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte, belügt die Öffentlichkeit.“ Doch damit lässt es die Wochenzeitung nicht bewenden. „Der vielgerühmte und auffällig geschniegelte Herr Hildebrand selbst entpuppt sich als Gauner, der sich illegal Vorteile verschafft hat“, ereifert sich die Weltwoche weiter.

Hintergrund des Medienzaubers sind Devisengeschäfte Hildebrands. Demnach habe der Nationalbank-Präsident während des Höhenflugs des Schweizer Frankens billig US-Dollar erworben und diese nach der Bindung des Franken an den Euro im September mit einem stattlichen Währungskursgewinn wieder veräußert. Wie das Geschäft genau abgelaufen ist und ob sich Hildebrand tatsächlich unkorrekt verhalten hat, wird derzeit hitzig erörtert.

Whistleblower droht Verurteilung wegen Bankgeheimni-Verrats…

Die Angelegenheit brachte ein IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin ins Rollen. „Die Bank Sarasin teilt mit, dass Bankdaten von einem Mitarbeiter unrechtmäßig an externe Dritte weitergegeben wurden. Es handelt sich dabei um Informationen zu Devisentransaktionen der Familie des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand. Der Mitarbeiter hat heute gegenüber der Bank sein kriminelles Verhalten offengelegt.“

Konkret soll der Mitarbeiter vertrauliche Bankdaten an den Schweizer Rechtspopulisten und Intimfeind Hildebrands Christoph Blocher von der Schweizer Volkspartei (SVP) weitergereicht haben.

„Der Mitarbeiter welcher im IT-Support tätig war, gab an, Unterlagen über Branktransaktionen einem der Schweizerischen Volkspartei (SVP) nahestehenden Anwalt offengelegt zu haben. Dieser habe in der Folge ein Treffen mit Nationalrat Christoph Blocher arrangiert, das am 11. November stattgefunden hat. Der Mitarbeiter hat sich am 1. Januar 2012 der Kantonalspolizei Zürich gestellt“, ergänzt die Bank Sarasin.

Weiter verurteilt die Bank „den Missbrauch vertraulicher Bankdaten zu politischen Zwecken in aller Schärfe“ und hält sich rechtliche Schritte vor. Der betroffene Mitarbeiter muss sich wohl auf einen Prozess wegen Bankgeheimnis-Verrat einstellen.

Doch abgesehen von der konkreten Affäre stellt sich die Frage, wie Schweizer Bankmitarbeiter Missstände bei ihrem Arbeitgeber anprangern können – ohne gleich vor den Kadi gezerrt zu werden. Denn wenn sich die Vorwürfe gegen Hildebrand erhärten sollten, dann besteht ein öffentliches Interesse daran, dass dem nachgegangen wird – Bankgeheimnis hin oder her.

…und in Grossbritannien müssen Banken Ansprechstellen für Whistleblower einrichten

Aus diesem Grund fördert beispielsweise die britische Finanzaufsicht FSA das sogenannte „Whistleblowing“ ausdrücklich. Laut dem Consultation Paper 101 werden die Banken aufgefordert, entsprechende Regelungen und Anlaufstellen fürs Whistelblowing bankintern zu schaffen.

„Internes Whistleblowing bedeutet, dass das Senior Management der erste und nicht der letzte ist, der von einem potenziellen Problem erfährt und er Arbeitgeber erhält damit ein effektives Risikomanagement zu sehr geringen Kosten“, heisst es dort.

Doch auch falls das Whistleblowing in dem Unternehmen verpönt ist, hält die FSA eine Lösung parat: Über eine eigens eingerichtete Telefonhotline und eine Emailadresse können Bankmitarbeiter Missstände in ihrer Bank direkt der Aufsichtsbehörde melden.

Dagegen stossen Mitarbeiter in der Schweiz beim Whistleblowing auf taube Ohren. Laut einem Sprecher der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma wurde eine ähnliche Regelung wie in Grossbritannien bereits in 2006 aufgeworfen und wird seither im Nationalrat diskutiert. „Aber es gibt derzeit keine rechtliche Regelung hierzu in der Schweiz“, ergänzt der Sprecher. Damit sind Bankmitarbeiter in der Schweiz auf ein offenes Ohr bei ihrem Arbeitgeber angewiesen – oder können die Missstände nur der Presse oder dem politischen Gegner wie im Fall Hildebrand stecken.

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