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Headhunter-Interview zu London und Zürich: Welchem Finanzplatz gehört die Zukunft?

eFC.ch: Herr Jauch, Sie stammen aus Zürich und sind seit drei Jahren mit einem Zweitstandort in London vertreten, wodurch Sie die beiden unterschiedlichen Finanzzentren und ihre Arbeitsmärkte sehr gut kennen. In der englischen Presse wurde viel über Hedgefondsmanager geschrieben, die aufgrund des hohen Spitzensteuersatzes von 50 Prozent aus der Londoner City in die Schweiz übersiedeln möchten. Wie sehen Sie das?

Reto Jauch: Ich habe dazu ein differenziertes Bild. Es scheint, dass in einer ersten Phase von den Interessenvertretern der Financial Services-Industrie in der englischen Presse Druck auf den Gesetzgeber und die Regulierungsbehörden gemacht wurde. In einer zweiten Phase haben sich die Leute über die konkreten Rahmenbedingungen in der Schweiz informiert. Dabei zeigte sich, dass gerade in der Region Genf, z.B. bei internationalen Schulen und dem Angebot an Wohnraum, ein Kapazitätsengpass besteht.

eFC.ch: Ist denn überhaupt das Personal in der Schweiz vorhanden, das Hedgefonds benötigen – schliesslich ist es nicht damit getan, dass ein Hedgefondsmanager umzieht?

Reto Jauch: Dadurch dass Asset Management und Fondsindustrie in der Schweiz relativ breit aufgestellt sind, ist auch die Banking-Infrastruktur sehr stark und sehr modern. Somit findet man sowohl das richtige Umfeld wie auch die Leute dazu. Am Ende bedeutet dies, dass ein Konkurrenzkampf um die Talente entstehen könnte, doch ich glaube, dass die Bereitschaft für einen Umzug von London in die Schweiz nur beschränkt vorhanden ist.

Bei hohen Einkommen sind die Leute bezüglich Arbeitsort in der Regel flexibler. Bei mittleren Entschädigungen sieht die Situation jedoch anders aus. Da fallen beispielsweise Steuervorteile weniger ins Gewicht.

eFC.ch: Wo sind die meisten Talente verfügbar: In Zürich, Genf oder London?

Reto Jauch: Ganz klar in London, sowohl von der Anzahl als auch von den Ausbildungsvoraussetzungen für Hedgefonds her. Dennoch können wir von unseren Standorten in London und Zürich gut beobachten, dass Zürich und Genf relativ gut abbilden können, was Hedgefonds benötigen. Der Markt legt in Zürich und Genf tendenziell eher zu. Trotzdem bleibt London bei weitem der grösste Talentpool in Europa in den Financial Services und insbesondere im Hedgefondsbereich.

eFC.ch: Mal abgesehen von den Hedgefonds. Wie würden Sie die Vor- und Nachteile der Arbeitsmärkte in Zürich oder auch Genf im Vergleich zu London sehen?

Reto Jauch: Was in London, Zürich und Genf vergleichbar betrieben wird, ist das Asset Management-Geschäft. Aus Schweizer Sicht muss man immer das Asset Management im Zusammenhang mit dem Wealth Management sehen. Für die Schweiz spricht nach wie vor, dass ein sehr hoher Betrag an Assets aus privaten Vermögen stammt. Bleibt dieser Umstand bestehen, wird man diese Gelder auch weiterhin in der Schweiz verwalten. Dabei handelt es sich um einen historisch gewachsenen Vorteil der Schweizer Finanzplätze.

Dagegen hat der wachsende Einfluss des Investmentbankings auf das Asset Management den Finanzplatz London klar gestärkt. Viele neue Ideen und Methoden wurden vom Investmentbanking und den Hedgefonds begünstigt. Beim Investmentbanking ist London die Nummer 1 in Europa.

Die Schweiz hat im Bereich “Alternative Asset Management” eindeutig aufgeholt, es jedoch noch nicht geschafft, diesbezüglich mit London gleichzuziehen. Wenn wir z. B. Hedgefonds betrachten, so stellen wir fest, dass in der Schweiz vor allem viele “Veredler” und Dachfonds ansässig sind. Für unsere Mandate im Bereich der Herstellung dieser Produkte finden wir die kompetentesten Leute eher im angelsächsischen Gebiet.

eFC.ch: Wie sieht das auf dem Arbeitsmarkt in ihrem Spezialgebiet, dem Investment Management aus. Wo passiert mehr, in London oder in Zürich?

Reto Jauch: In den letzten zehn Jahren hat eine interessante Entwicklung stattgefunden, indem viele der grösseren Schweizer Gesellschaften bezüglich ihrer Investment Management-Talente nicht mehr nur auf die Standorte Zürich oder Genf limitiert sind, sondern auch Kapazitäten in London aufgebaut haben. Damit besitzen sie heute eine grössere Flexibilität bei der Rekrutierung und beim Aufbau neuer Aktivitäten über die verschiedenen Standorte hinweg.

Dagegen mussten die Banken vor zehn Jahren, wenn sie das benötigte Personal nicht in der Schweiz gefunden haben, es in die Schweiz holen. Aus Sicht der grossen Institute ist es einfacher geworden zu rekrutieren und kompetitiv auf dem Markt aufzutreten, um diese Ressourcen für sich zu sichern.

eFC.de: Bei den beiden Schweizer Grossbanken ist das sicherlich der Fall, aber gilt das auch für mittlere oder kleine Häuser?

Reto Jauch: Ein interessantes Beispiel ist für mich die Swisscanto, was wirklich ein sehr Schweizerisches, von den Kantonalbanken gehaltenes Unternehmen ist. Die Swisscanto hat hier in London 50 bis 60 Leute im Investmentmanagement. Dies erlaubt dem Institut, am grossen Talentpool zu partizipieren. Das gleiche gilt für die ehemalige Julius Bär Asset Management, jetzt Swiss & Global Asset Management, Lombard Odier, Pictet, die sich alle mit einer Plattform in London einen Zugang zu dem Talentpool gesichert haben.

eFC.ch: Was wird derzeit in beiden Märkten besonders gesucht?

Reto Jauch: An beiden unserer Standorte – also in London und Zürich – stelle ich fest, dass sehr punktuell und spezifisch gesucht wird. Heisse Investment -Themen sind derzeit in den Bereichen Credit Bonds, Emerging Markets und Commodities. Das ist in beiden Märkten ähnlich.

eFC.ch: Und wie sieht die Zukunft aus?

Reto Jauch: Die spannende Frage ist, ob ganze Headquater aus London wegziehen werden. In diesem Zusammenhang wird die Schweiz noch selten als attraktiver Standort genannt, obwohl im Fall von Standard Chartered Zürich auch als Alternative wahrgenommen wird. Meistens denkt man jedoch über einen Umzug nach Asien nach.

London befindet sich meines Erachtens an einem spannenden Entscheidungspunkt. weil die Regierung in den kommenden Wochen noch einmal Flagge zeigen muss, was ihre Steuerpolitik für die Banken anbetrifft. Mittlerweile ist es eine realistische Option, dass gewisse Unternehmen ihr Headquater von London wegbewegen, was den Londoner Markt auf mittlere Sicht eher schwächen als stärken würde. Denn wenn Entscheidungszentren wie bei HSBC wegziehen, dann hat das eine Signalwirkung.

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