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GASTKOMMENTAR: Gelegentlich ist es hilfreich, seine Karriere realistisch zu sehen

Einen Job als Investmentbanker zu ergattern, gleicht einen Job als Schauspieler zu erhalten. Ein älterer Schauspieler sagte mir einmal, dass es in der guten alten Zeit die Hälfte der Bewerber und das Doppelte an Jobs gegeben habe. Heutzutage sei das umgekehrt, sagte er.

Wenn Sie es in der Schauspielerei schaffen wollen, dann bleibt Ihnen vielleicht ein Zeitfenster von sechs Jahren nach dem Verlassen der Schauspielschule. Jenseits davon wird es immer schwieriger. Sie können es auch weiterhin versuchen, doch Sie sollten realistisch bleiben. Worin besteht Ihr Reserveplan? Wie lange jagen Sie Ihrem Schauspieltraum nach und schließen Alternativen aus?

Im Investmentbanking verhält es sich ganz ähnlich. Sie müssen realistisch sein. Falls Sie zu den Glücklosen zählen, die in 2007 oder 2008 in einer Bank begonnen haben und ihren Job in 2008 oder 2009 wieder verloren haben, dann kann es Ihnen schwerfallen, wieder einzusteigen. Es wird schwierig werden: Denn Sie verfügen möglicherweise über keine ausreichende Arbeitserfahrung und sind mit einer Anzahl an Uniabsolventen konfrontiert, die von Arbeitslosigkeit “unbefleckt” sind.

Falls Sie sich in eben jener Situation befinden, dann sollten Sie sich weder selbst noch Ihre Fähigkeiten verdammen. Schließlich sind Sie nicht persönlich für die westlichen Konjunkturzyklen verantwortlich. Die Tatsache, dass Sie sich nach guten Noten für einen Einstieg ins Banking entschieden haben, beweist Ihre Fähigkeit. Es handelt sich lediglich um einen Teil des brüchigen Charmes des Lebens, dass Sie von einer monumentalen Wirtschaftskrise am Beginn Ihrer Karriere heimgesucht werden.

Auch wenn Sie Ende 50 sind und Ihre Karriere in der Finanzindustrie einige Jahrzehnte umfasst, dann heißt das nicht notwendigerweise, dass Sie wieder in einer Bank arbeiten werden. Seien Sie realistisch. Trotz des Gleichstellungsgesetzes existieren Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitern und diese führen zu abfälligen und hinterlistigen Einlassungen.

Beim Investmentbanking handelt es sich um einen Beruf, der das Interesse vieler Leute auf sich zieht. Von diesen Leuten sind allenfalls 25 Prozent qualifiziert und geeignet für eine Stelle, wobei je nach Marktsituation nur 10 Prozent oder weniger eine Stelle ergattern. Der Rest muss sich leider nach etwas anderem umsehen, und sie müssen in dem Bewusstsein leben, dass sie in einem besseren Marktumfeld erfolgreicher gewesen wären.

Andere Berufe leiden unter der gleichen Entwicklung. Noch mehr Schriftsteller, Künstler, Schauspieler und Sänger scheitern, als dass sie erfolgreich wären. In den 80er Jahren habe ich mich mit einem Walliser Sopran unterhalten, der auf einige wundervolle Tenöre hinwies, die in Wales Öl förderten. Heutzutage arbeiten ihre Söhne wahrscheinlich im Supermarkt.

Falls Sie außerhalb des Marktes stecken geblieben sind und wirklich nicht mehr wieder einsteigen können, dann wollen Sie das bestimmt nicht gerne hören. Aber die Welt hat Sie belogen. Die Dinge können nicht mehr dieselben sein. Die Finanzdienstleistungsindustrie hat ihr Waterloo erlebt, und es besteht die ernsthafte Gefahr, dass sie sich davon nie wieder völlig erholen wird. Selbst wenn sich die Branche erholten sollte, dann gibt es eine Menge Leute, die dafür sorgen, dass die Finanzindustrie nicht wieder zu der ehemals unregulierten Form zurückkehrt. Zu dieser Gruppe zählt beispielsweise der einflussreiche US-Präsident Barack Obama.

So haben wir im 20. Jahrhundert die Rekrutierung von Kavallerieoffizieren für das Heer fortgesetzt, obgleich die Kavallerie seit 1900 ziemlich überflüssig gewesen ist. Ich denke, dass der weitere Zufluss von angehenden Bankern der Einstellung von überzähligen Kavallerieoffizieren in der Vergangenheit gleicht. Einige Banker werden immer benötigt werden, doch in der Zukunft werden sie kleine Spezialeinheiten umfassen – wie etwa die SAS der britischen Armee, aber niemals mehr eine ganze Truppengattung.

Unter diesen Umständen ist es nicht unbedingt sinnvoll, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Sie müssen sich nach den nächsten Gelegenheiten umsehen und nicht nach den vergangenen. Sie müssen ebenso realistisch sein wie ein Schauspieler, der einen Tischler doubelt und ebenso scharfsichtig wie ein berittener Soldat, der Elektrotechnik studiert.

Kommentare (2)

Comments
  1. Bei dem Psychogedusele kann man sich ja gleich auf die Coach legen. Was zählt sind Fakten (also Geld)!

  2. HDH meint:

    Ob Psychologie vorwärts oder rückwärts “gedudelt”,
    die Finanzbranche und besonders der Bankensektor wird wieder
    kommen (aufstehen) wie: Phönix aus der Asche!!!!!

    Das ist meine 45jährige Erfahrung im Bankensektor (jetzt Rentner), ohne je die “schulische Meinung” der P. in Anspruch genommen zu haben.
    Das Leben und die Zukunft bitte nicht so kompliziert betrachten, liebe Berufsstarter. Denkt daran, das Leben leben ist das Ziel und sonst nichts!

    Gruß: Alter Hase

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