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Aus dem Tagebuch einer Praktikantin: Wie ich mich nach Muttis Küche sehne

Die erste Woche

Ich wachte in Panik auf. Wie so häufig schien mein Wecker sich automatisch abgeschaltet zu haben. Das ist dumm: Denn es geht nicht nur darum, eine weitere Vorlesung zu verpassen, sondern es handelte sich um den ersten Tag meines Praktikums. Das war sicher kein guter Start

Ich verbrachte die nächste halbe Stunde mit Schwitzen, als ich zu meinem neuen Arbeitsplatz im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf fuhr und rannte trotz meiner hohen Absätze, um rechtzeitig ins Büro zu kommen. Ich kam 15 Minuten zu spät an, was glücklicherweise nicht weiter schlimm war. Alle lungerten noch im Foyer herum und begrüßten einander. Bemerkenswerterweise handelte es sich zumeist um Kerle. Doch ich fand auch einige Mädchen. Alle sahen ein wenige havariert in einem Meer von Männern aus.

Der Rest des Tages verlief großartig. Mit von der Partie waren auch eine Reihe von Analysten. Alle hielten sich noch etwas zurück, Fragen zu stellen, und brachten letztendlich nur die unvermeidlichen hervor: “Bleibt noch Zeit für ein Privatleben?”, “Wie lang sind die Arbeitszeiten?” und erhielten die passenden Antworten: “Kaum” und “Lang”.

Der erste Tag endete mit einem Umtrunk mit den uns zugeordneten Analysten. Es handelte sich also im Grunde um eine Networking-Veranstaltung, von denen sicherlich noch mehrere anstehen würden.

Den Rest der Woche verbrachte ich in einem Computerraum damit, die Grundlagen des Rechnungswesens, der Unternehmensbewertung und von Excel und Powerpoint zu lernen.

Ich bin sicher kein Computerfreak und fühlte mich – offen gesagt – von der Menge des Stoffes in dieser kurzen Zeit ein wenig überfordert.

Am Donnerstag war ich fix und fertig. Ich traf den mir zugeteilten Analysten bei einer Tasse Kaffee und er erzählte mir, dass ich dem Capital Markets Team zugeteilt wäre. Er erzählte mir auch, dass ich frühestens um 21 Uhr das Büro verlassen dürfe. Allerdings könne ich mit einem kostenlosen Abendessen rechnen, wenn ich bis mindestens 8.30 Uhr bleiben würde.

Am Freitag verbrachte ich den ersten Tag an meinem neuen Arbeitsplatz. Ich war sehr nervös und hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Uns wurde ein Überlick über das Projekt gegeben, dass wir in den nächsten Wochen abarbeiten würden. Das war reichlich deprimierend, da ich kaum etwas davon verstand.

Doch die Stimmung hellte sich auf, als ich dem Team vorgestellt wurde und innerhalb von gerade einmal einer Stunde waren wir in der nächsten Kneipe. Als ich ihnen folgte, wurde ich einer anderen Praktikantin vorstellt, die in meiner Nähe arbeiten würde. Deprimierenderweise musste ich feststellen, dass sie eine riesige Zahl von Exceltabellen studierte und dass nur eine Stunde, nachdem ich am Desk angekommen war.

Ich muss mich auf das neue Spiel einlassen. Es kann ein interessanter Sommer werden – ich muss nur am Ball bleiben.

Die zweite Woche

Die Woche begann ein wenig verrückt. Ich kam in meiner Londoner Unterkunft am späten Sonntagabend an, nachdem ich nur für den Abend zu meiner Uni gefahren war.

Sie mögen sagen, dass das nicht besonders klug war. Das Training war jetzt zuende und es handelte sich am Montag um den ersten Tag an meinem Desk. Allerdings handelte es sich um die letzte Gelegenheit, meine Freunde im Sommer zu sehen. Wie dem auch sei, ich war absolut kaputt und auch nach fünf Stunden Schlaf fühlte ich mich nicht viel besser. Doch ich war entschlossen, zu Beginn meines Praktikums einen guten Eindruck zu hinterlassen, weshalb ich eine halbe Stude zu früh an meinem Arbeitsplatz erschien. Nur ein Analyst war schon da, doch er registrierte meine frühe Ankunft. Hoffentlich erzählt er es dem Executive Director.

Der Tag war voller Meetings und Begrüßungen. So traf ich mich zum Kaffee mit meinem Evaluation Director, der letztendlich die Entscheidung fällt, ob ich nach meinem Praktikum ein Jobangebot erhalten werde oder nicht. Zudem traf ich meinen Vorgesetzten, der mir kurz einen Einblick vermittelte, was mir in den kommenden neun Wochen bevorstehen würde.

Das klang alles sehr interessant und ich konnte es gar nicht abwarten, anfangen zu dürfen. Mit wurden auch einige kleinere Aufgaben übertragen, was hauptsächlich im Vergleich verschiedener Trades bestand. Das war reichlich banal, doch ich war froh, etwas lernen zu können. Als der Abend kam, begannen die Directors zu gehen. Daher dachte ich, dass auch ich bald gehen dürfe… Damit lag ich falsch. Obgleich es sich um meinen ersten Tag handelte, schickte mir mein Analyst eine lange Email und bat mich, zu lesen und zu lernen. Schließlich konnte ich um Mitternacht nachhause gehen.

Bei dem Mittagessen mit anderen Praktikanten am nächsten Tag musste ich feststellen, dass ich schon recht viel Glück hatte, um Mitternacht nachhause gehen zu dürfen. Einige von den anderen mussten bis 2 Uhr morgens arbeiten.

Im Rest der Woche wurde ich in einige länger laufende Projekte eingeführt, bei denen ich mitarbeiten sollte. Außerdem kam ich mit mehr Analysten und Associates in Kontakt.

Dienstag und Mittwoch verbrachte ich damit, die Folien für eine Präsentation am Donnerstagmorgen zusammenzustellen. Die beiden Nächte ging ich um 1.30 Uhr nachhause. Der Analyst blieb sogar bis 3 Uhr nachts und war bereits um 8 Uhr wieder zur Stelle. Auch ich wäre geblieben, wenn er mich nicht nachhause geschickt hätte und ich sah keinen Grund, dagegen etwas einzuwenden.

An jedem Tag der Woche bin ich sofort ins Bett gefallen, als ich zuhause ankam. Ich muss sogar eingestehen, dass ich sogar einmal auf die Toilette für ein fünfminütiges Nickerchen gegangen bin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jemand in der Toilette nebenan etwas ganz ähnliches gemacht hat. Mir wurde an diesem Tag ein spezielles Projekt übergeben und ich war entschlossen, früh Schluss zu machen, um mich mit Freunden in der Stadt zu treffen. Ich arbeitete durch, ohne mir eine Mittagspause zu gönnen – ich überlebte nur dank der Kaffeeautomaten – und verschwand um 6 Uhr. Ich machte noch ein paar Kleinigkeiten für meinen Vorgesetzten und dann erlaubte er mir zu gehen!

Freiheit! Ich griff nach meiner Jacke und checkte ein letztes Mal meine Emails. Dort fand ich eine Nachricht von meinem Analysten: “Ich brauche Dich am Wochenende. Kannst Du mir bitte Deine Handynummer senden?” Danke, so ein Sch…

Die dritte Woche

Während ich diese Zeilen schreibe, kann ich kaum meine Augen offenhalten. Endlich ist Wochenende, dennoch fühle ich mich ausgelaugt. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, etwas anderes zu machen als Schlafen.

Die zurückliegende Woche begann ähnlich wie die Vorwoche. Glücklicherweise hat mich der Analyst nicht wieder herbeizitiert wie am vergangenen Wochenende, weshalb ich zu meinen Eltern fahren konnte. Als ich am Montag ins Büro marschierte, fühlte ich mich erholt und bereit für eine harte Arbeitswoche. Ich sollte an einigen kleineren Projekten arbeiten und dabei helfen, einige Präsentationen vorzubereiten. Das hört sich nicht nach viel an, daher dachte ich, dass es recht entspannt zugehen würde.

Montag und Dienstag lief es auch genau so ab. So war ich an beiden Abenden um 23 Uhr zuhause (das ist für mich mittlerweile früh). An beiden Tagen versuchte ich, der Person auszuweichen, deren Computer ich in der Vorwoche genutzt hatte, als ich selbst über noch keinen verfügte. Dabei habe ich nahezu meine gesamte Arbeit auf ihrem Desktop hinterlassen, worüber sie kaum erfreut sein dürfte. Die Arbeit begann immer interessanter zu werden. So stellte ich immer mehr Folien zusammen und lernte langsam, effektiv mit Powerpoint umzugehen.

Der Mittwoch verlief sogar recht spaßig. Ich nahm an der JPMorgan Corporate Challenge mit 150 anderen Praktikanten von unterschiedlichen Banken teil. Es war eine schöne Auszeit vom Büro und noch dazu die erste Gelegenheit, das schöne Wetter zu genießen. Nachdem ich einige Monate lang so gut wie keinen Sport betrieben hatte, war ich schon zufrieden damit, 5,6 Kilometer bewältigt zu haben. Das anschließende kostenlose Essen und Trinken war großartig. Es war schön, die Praktikanten zu treffen und sich all ihre Geschichten anzuhören. Einige von ihnen gingen später zurück ins Büro, doch ich ging direkt nachhause. Meine Beine brachten mich um!

Der Rest der Woche war indes nicht so spaßig. Am Donnerstag wurde ich gebeten, bei einem weiteren Deal auszuhelfen, wo ich Informationen von Kunden besorgen sollte, die ich bis Freitag zusammentragen sollte. Dabei musste ich Emails an 40 Kunden mit individuellen Anhängen versenden und die Antworten an die zuständigen Personen weiterleiten. Es war eine lange und reichlich langweilige Tätigkeit, aber sie musste getan werden. Ich blieb im Büro bis 3 Uhr morgens und der Manager bestand darauf, dass ich um 8.30 Uhr wieder da sein müsse.

Nach vier Stunden Schlaf war ich wieder auf meinem Posten. Meine Augen waren rot und ich blinzelte den ganzen Tag in meinen Computerbildschirm, wobei mir ein vollständiger Arbeitstag bevorstand. Ich fuhr damit fort, den Kunden hinterherzujagen, um die Deadline am Nachmittag einzuhalten. Gegen 16 Uhr wurde mir eine andere Aufgabe übertragen: Ich sollte eine Präsentation für die Sales-Leute vorbereiten, die bis Sonntagabend fertig werden musste. Dies bedeutete, dass ich definitiv auch den Samstag im Büro verbringen würde.

An diesem Punkt angelangt, neigte sich mein Vorrat an Kaffee und Chips dem Ende zu. Ich verfügte über keinerlei Energie mehr. Ich war entschlossen, die erste Version schnell fertigzustellen, um relativ früh nachhause zu gehen. Ich stellte alle Diagramme zusammen und konnte um 21 Uhr gehen. Am Samstag verbrachte ich weitere sechs Stunden im Büro. Da auch einige Analysten arbeiten mussten, war es nicht allzu deprimierend. Dennoch konnte ich es gar nicht erwarten, nachhause zu kommen. Muttis Küche war genau das, was ich jetzt brauchte.

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