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Aus dem Tagebuch eines Praktikanten (VII): Wie ich lernte, 14 Stunden am Tag zu arbeiten

Am Montagmorgen erschien doch tatsächlich jeder zu spät zur Arbeit und die einzige Person, die es vor mir zum Arbeitsplatz schaffte, war das Alphatier unter den Tradern. Als ich ihn aus Höflichkeit fragte, wie sein Wochenende verlaufen sei, antwortete er mir, er habe während des gesamten Wochenendes lediglich fünf Stunden geschlafen und so viel Alkohol getrunken, dass ich wohl daran gestorben wäre.

Nach dieser lustigen Bemerkung begann meine nächste Woche als Praktikant.

Während die Woche voranschritt, las ich nur ein Handbuch nach dem anderen über die Anlageklassen der Abteilung. Ab einen Punkt begann ich regelmäßig für friedliche ausgiebige Pausen zur Toilette zu gehen. Doch das endete abrupt nach einem Treffen mit meinem Managing Director am Dienstag.

Ich fand heraus, dass er für zwei Wochen in den Urlaub fuhr und mir die Aufgabe übertrug, ein Memo und eine Präsentation über die Frage zu verfassen, ob ein spezielles neues Produkt für die Bank profitabel sein könne.

Zum gleichen Zeitpunkt gab mir auch der Vorgesetzte eines Kollegen einige Arbeit. Ich sollte eine Excel-Tabelle über die Produktionszahlen einer bestimmten Anlage aufstellen. Kurz darauf bat mich einer der erfahrensten Sales-Mitarbeiter, mit ihm zusammen einige Recherchen anzustellen und eine weitere Excel-Tabelle über die Zahl der Anlageprodukte, die er verkauft hatte, anzulegen. Letztlich erhielt ich eine wütende Email von jemanden, der mir in meiner ersten Station in der Praktikanten-Rotation eine Aufgabe übertragen hatte, die ich vollständig vergessen hatte.

Wenn es regnet, dann gießt es gleich, und der Mist ergoss sich erbarmungslos über mich

Obgleich ich bereits eine anständige Arbeitsmenge zu bewältigen hatte, sollte mich das doch nicht davon abhalten, zu einer erträglichen Stunde Zeit in den Feierabend zu starten.

Doch dies änderte sich am Mittwoch, als sich ein Kollege zur Mittagszeit auf mich stürzte (er schien darauf zu warten, bis mein Schreibtisch voll war) und beschimpfte mich wegen meiner Zeiteinteilung vor dem gesamten Team. Eine öffentliche Demütigung vergisst man nicht so schnell und ich begann sofort 14 Stunden am Tag zu arbeiten, um nicht noch einmal den Kopf gewaschen zu bekommen.

Am Donnerstagmorgen entschied sich einer der Vertriebsleute, der offensichtlich einen schlechten Tag in der Kundenakquise hatte, seinen Frust an mir auszulassen. Er feuerte eine Frage nach der anderen zu Optionen ab, was bei jemanden wie mir, der nur über Grundkenntnisse von Derivaten verfügt, nicht gerade willkommen war.

Und ich lief sofort verzweifelt zu Kollegen, für die ich bereits gearbeitet habe, um ihnen einen Gefallen abzuverlangen. Doch sie lachten nur über mich und sagten: “Mach es selber!” Glücklicherweise kam mir ein Trainee zur Hilfe und wies mir die richtige Richtung. Als die Telefone wieder zu klingeln begannen, flauten die Fragen ab und ich konnte mich wieder meiner Arbeit widmen.

Wegen dieser ungeplanten Zeitverschwendung musste ich im Büro bis 23 Uhr bleiben, um sicherzustellen, dass ich mit meiner Arbeit nicht in Rückstand geriet. Als schließlich der Freitag nahte, sah ich wie der wandelnde Tod aus und da ich zu müde gewesen bin, um mich zu rasieren, ähnelte ich äußerlich einem PC-Verkäufer, was kein guter Look ist.

Freitag um 18 Uhr hat mich das nicht mehr gekümmert und ich gab vor, zu Toilette zu gehen, während ich mich tatsächlich nach Hause aufmachte. Leider traf ich dabei auf meinen Manager, während ich auf den Lift wartete. Also murmelte ich etwas von einer Hochzeit und ging – ein passender Abschluss für eine Horrorwoche.

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