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GASTBEITRAG: Meine sonderbaren Erlebnisse mit englischen Kollegen

Briten

Unser Gastautor lebt als Deutscher seit vielen Jahren in London, wo er in den Professional Services für Banken arbeitet. Dort pflegt er täglich Umgang mit den Eingeborenen. Seine Kulturschocks hat er für uns zusammengefasst. Dabei hat er der britischen Humor verinnerlicht, also Vorsicht Satire! Übrigens: Fritz Kraut ist natürlich nicht sein richtiger Name.

Der seltsame Humor

Der britische Humor ist deftig und weltberühmt. Was das heißt, durfte ich nach der Beförderung eines Kollegen zum Head of Was-auch-immer erleben. Mir, dem Deutschen, sagte er: „I would have preferred the job titel ‚Obersturmbannführer‘!“ und schüttelte sich vor Lachen. Das heißt allerdings nicht, dass es alle Briten saukomisch finden, wenn Sie erklären, wie „Schokoküsse“ bis in die 80er Jahre in Deutschland hießen.

Die Vorteile der Höflichkeit…

Der grenzenlose Humor darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der alltägliche Umgang im Büro wie auf der Straße weitaus höflicher als in Deutschland ist. Selbst Manager halten einem die Tür auf und „Sorry“ wird mindestens ebenso häufig gebraucht wie in Deutschland „Sch**ße“ und wer als Manager die Fassung verliert und seine Untergebenen anschreit, riskiert fristlos vor die Tür gesetzt zu werden. Für mich stellte dies den größten Kulturschock bei meiner Ankunft auf der Insel dar. War ich doch gewohnt, dass meine Ex-Vorgesetzten aus Deutschland einen grundlosen Anschiss für den Gipfel von Führungstalent hielten.

… und die Nachteile der Höflichkeit

Diese löbliche britische Eigenschaft kann allerdings zu veritablen Missverständnissen führen. Denn Kritik wird nicht etwa rundheraus, sondern zwischen den Zeilen geäußert. Falls Sie also einen Verbesserungsvorschlag präsentieren und ihr Chef entgegnet: „That’s an interesting idea“ dann heißt dies auf gut Deutsch: „So ein Quatsch. Belästige mich nicht damit.“ Es gibt Situationen, in denen weder Schulenglisch, noch das beste Wörterbuch weiterhelfen.

Fremdsprachenkenntnisse sind nichts wert

Selten kann ich einem Engländer klar machen, wieso Deutsche beim Berufseinstieg Mitte oder gar Ende 20 sind. Auf der Insel ist Anfang 20 die Regel. Dies liegt nicht nur daran, dass die meisten Eingeborenen nur einen Bachelor ihr Eigen nennen, sondern auch an der dürftigen Fremdsprachenausbildung. Während sich Deutsche für Abitur und Studium mit Englisch, Französisch, Spanisch oder Latein abquälen, haben Briten nur bis zur zehnten Klasse ein bis zwei Fremdsprachen. In Abitur und Studium kommen Fremdsprachen im Regelfall – also wenn man nicht gerade Sprachen studiert – nicht vor und zwar gar nicht. Niemand hat auch nur einen winzigen Karrierevorteil, weil er eine Fremdsprache beherrscht – denn alle sprechen Englisch, das reicht. Und der Durchschnittsbrite kann nach A-Level (so etwas wie Abitur), Bachelor und fünf Jahren Deutsch an der Mittelschule kein „Bier“ in der Sprache bestellen – obgleich die Aussprache dem Englischen „beer“ verblüffend ähnelt.

Internationalität zählt gar nichts

Da Englisch dank der erfolgreichen Eroberungspolitik des Britischen Empire Weltsprache ist, halten sich viele Briten für international. Dabei übersehen sie geflissentlich, dass (Fremd)-sprachen nicht nur ein Kommunikationsmittel sind, sondern regelmäßig beträchtliche kulturelle Unterschiede transportieren. Sie können also kaum verstehen, wenn etwas in Kontinentaleuropa anders und womöglich sogar besser läuft. Von daher verwundert es kaum, dass auch Auslandsaufenthalte während des Studiums von keinem britischen Arbeitgeber geschätzt werden. Kein Wunder, wenn die Studienzeiten kürzer als in Deutschland ausfallen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten keinerlei Fremdsprachen gebüffelt!

Ausländerfeindlichkeit? Fehlanzeige

Seit dem Brexit-Referendum gelten die Engländer als xenophobes Völkchen. Das mag für die Provinz zutreffen, nicht jedoch für London. Auf das Ergebnis der Wahl reagierten meine englischen Kollegen regelrecht schockiert, nach dem Motto: „That’s not my country!“. Anschließend haben sie die Einwanderungsbestimmungen für Neuseeland gegoogelt und den Brexitbefürworter Boris Johnson wahlweise als „nasty child“ oder als „clown“ bezeichnet. Dies ist umso überraschender, als in London 30 Prozent der Bevölkerung und in der City sogar mehr als 50 Prozent der Beschäftigten keinen britischen Pass besitzen. Kurz, in England geht es ähnlich wie in Deutschland oder Polen zu: Die größte Ausländerfeindlichkeit herrscht dort, wo es kaum Ausländer gibt.

Bezeichne niemals einen Schotten als Engländer

Es gibt feine Unterschiede und weniger feine. Letzteres trifft auf das Verhältnis von Engländern und Schotten zu. So habe ich als deutscher Gastarbeiter während der Fußballweltmeisterschaft einen Kollegen gründlich beleidigt – ohne es zu wollen. Ich habe ihn gefragt, was er von dem Spiel England gegen XYZ erwartet. Die Antwort war: „Das ist mir scheißegal“ – mein Kollege war Schotte. Oh, welch ein Fauxpas meinerseits. Doch auch die echten Engländer sind – entgegen dem Klischee – nicht durchweg Fußballfans. Meine ehemalige Vorgesetzte fragte mich während der gleichen WM tatsächlich, wann das „UK-Team“ spielt!

Die Klassengesellschaft

Chefs werden in England durchweg mit „John“, „Paul“ oder „Sarah“ angesprochen. Dabei ist es unerheblich, ob „John“ Vorstandsvorsitzender eines Konzerns mit 100.000 Mitarbeitern und Sie Praktikant sind. Mit „Doctor“ werden ausnahmslos Ärzte betitelt. Auch das Schulsystem kennt keinerlei Selektion in Gymnasium und Realschule.

Doch Vorsicht: Kein linker Gleichmacher sollte sich vorschnell entzückt die Hände reiben. Tatsächlich spielt Klassenzugehörigkeit in England eine viel größere Rolle als in Deutschland. Ob jemand eine Karriere gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob „Klein-John“ eine private oder öffentliche Schule besucht hat. So findet sich in jedem größeren Unternehmen ein „Etonian“, der durchs Büro stolziert. Dabei handelt es sich um Absolventen der berühmten Privatschule Eton in Windsor. Dort wird aufgenommen, wessen Eltern jährlich mindestens 40.000 Euro Gebühren berappen können – auf diese Weise ist Exklusivität garantiert. Die Absolventen dieser Privatschulen wiederum bevölkern Oxbridge. Wer also mit 21 einen Bachelor z.B. in PPE (heißt Politik, Philosophie und Ökonomie) wie der ehemalige Premierminister David Cameron in der Tasche hat, besitzt lebenslange Karrierevorfahrt und zwar auch gegenüber jedem Deutschen, der „nur“ ein Diplom, Master oder Promotion mit Bestnoten von Unis in München, Berlin oder Karlsruhe mitbringt. Sorry.

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