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GASTBEITRAG: Der Teutonenknigge, was Deutsche in der Schweiz beherzigen müssen

Deutsche in der Schweiz

Deutsche in der Schweiz müssen sich anpassen.

Zwar liegt die Schweiz sehr nah, das darf aber nicht über die kulturelle Ferne in vielen Aspekten hinwegtäuschen. Das deutsche Unverständnis für die Schweiz wird durch die Tatsache begünstigt, dass die deutschen Medien dem Land – jenseits von UBS, Credit Suisse und dem aktuellen Schneebericht – wenig aufmerksam schenken. Unser Gastautor hat als Deutscher einige Zeit in der Schweiz gelebt und viele Jahre Erfahrung mit eidgenössischen Finanzdienstleistern gesammelt. Hier berichtet er, was seine Landsleute regelmäßig falsch machen. Urs Deutschli ist (offensichtlich) ein Pseudonym.

1. Deutsche sprechen zu schnell

So mancher Deutsche spricht in rasantem Tempo. In Deutschland mag dies für schnelles Denken und hohe Arbeitsgeschwindigkeit stehen, in Schweizer Ohren hat dies eher den Beiklang von Maschinengewehrsalven. Wer hier Hochdeutsch im Formel 1-Geschwindigkeit spricht, gilt als unhöflich und ungehobelt und entspricht damit genau dem Klischee, das Schweizer von ihrem großen Nachbarn haben.

2. Schwyzerdütsch verstehen…

Zwar betrachten rund zwei Drittel der Schweizer Deutsch als ihre Muttersprache – gemeint ist damit allerdings ein sehr eigenwilliges Idiom, das Schwyzerdütsch. So mancher frisch eingewanderte Teutone hält es schon für Schwyzerdütsch, wenn er sich erstmals mit einem Ureinwohner unterhält, ohne zu merken, dass ihr Gegenüber tatsächlich Hochdeutsch mit Schweizer Färbung spricht. Schwyzerdütsch unterscheidet sich in Vokabular, Grammatik und Betonung hingegen erheblich vom Hochdeutschen. Es bedarf also etwas Übung, den Dialekt zu verstehen, der sich in den einzelnen Kantonen auch noch beträchtlich unterscheidet. Wer als Deutscher in der Schweiz ankommen möchte, sollte also versuchen, so schnell wie möglich dieses Alpenidiom zu verstehen.

3. … und bloß kein Schwyzerdütsch sprechen

Sicherlich stellen einige schweizerdeutsche Höflichkeitsfloskeln wie Grüezi (zur Begrüßung), Uff Wiederlugen oder Ade (zur Verabschiedung) und Merci (zum Bedanken) einen direkten Weg ins Herz eines Eidgenossen dar. Doch dabei sollte es auch bleiben. Keinesfalls sollten Deutsche – ohne jahrelange Übung – versuchen selbst Schwyzerdütsch zu sprechen. Das kann nur misslingen und klingt für so manchen Eidgenossen wie blanker Hohn. Denn Sparschwein heißt auf Schwyzerdütsch nicht etwa „Sparschweinli“, sondern Sparsäuli – so etwas muss man wissen.

4. Deutsche wissen nichts über die Schweiz

Bankgeheimnis und gute Schigebiete. Damit erschöpfen sich die Schweizkenntnisse der meisten Deutschen – und dabei hat sich Ersteres auch noch erledigt. Meines Erachtens sollten sich Deutsche schon vor Bewerbung und erst recht vor dem Umzug in die Schweiz gründlich über das Land informieren. Wer bei Kanton, Christoph Blocher, Röstigraben, Romandi oder Reduit nur Banhof versteht, sollte erst einmal seine Hausaufgaben erledigen.

5. Pünktlichkeit

Wer zu den regelmäßigen Zuschauern der Big Bang Theorie gehört, weiß, dass Sheldon Cooper glaubt, dass Züge in Deutschland immer pünktlich fahren. Leider irrt er damit grandios, wie Nutzer der Deutschen Bahn aus Erfahrung wissen. Allerdings ärgern sich Deutsche über diese Unpünktlichkeit vielleicht mehr als Briten oder Amerikaner. Doch in der Schweiz handelt es sich bei Pünktlichkeit nicht um ein Klischee, sondern um eine Tatsache. Hier fahren die Züge tatsächlich pünktlich. Und wer sich mit einem Eingeborenen um 15 Uhr verabredet, sollte auch um Punkt 15 Uhr erscheinen und nicht um 15.05 Uhr – damit hat der Deutsche schon verloren.

Ein Schweizer hat mir sogar schon gesteckt, dass ich möglichst eine Uhr tragen solle – das Handy in der Tasche genügt nicht. Denn die Armbanduhr steht für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit – kein Witz.

6. Das deutsche Trauma und die Schweizer Leichtigkeit

Politik ist wie so häufig ein heikles Thema. Bei einem Blick in die Zusammensetzung des Nationalrats, des Schweizer Bundesparlaments also, fallen viele Parteien auf, die Einwanderern aus der Heimat bekannt sind: Sozialdemokraten (SP), Liberale (FDP), Christdemokraten (CVP) und Grüne (GPS). Nur die mit gut 29 Prozent größte Partei, die Schweizerische Volkspartei (SVP), ist aus dem Bundestag unbekannt. Es handelt sich um eine rechtsnationale Partei, die deutlich rechts der deutschen Unionsparteien positioniert ist – und das auch schon vor dem Linksschwenk der CDU unter Bundeskanzlerin Angela Merkel war. Rechte, teilweise sogar offen ausländerfeindliche und das heißt auch antideutsche Äußerungen, sind in der Schweiz viel akzeptierter als in Deutschland. Dies liegt sicherlich daran, dass die Schweiz nicht die historische Altlast des Nationalsozialismus mit sich herumträgt.

7. Der eidgenössische Pragmatismus in Sachen Wirtschaft

Trotz gelegentlicher politischer Rechtsausleger sind die Schweizer im alltäglichen Umgang mit Deutschen sehr entspannt. Denn schließlich brauchen sie die Fachkräfte aus dem Ausland, die maßgeblich für den wirtschaftlichen Erfolg mitverantwortlich sind. Generell tendieren Schweizer besonders bei ökonomischen Fragen zum Pragmatismus. Die verbreitete deutsche Staatsgläubigkeit, dass das von den Bürgern erarbeitete Geld beim Fiskus besser als auf den Konten der Steuerzahler  aufgehoben ist, stößt hier auf Unverständnis. Die meisten neu angekommenen deutschen Arbeitnehmer erwartet bei ihrer ersten Gehaltszahlung also eine Überraschung – und zwar eine positive.

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