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Was die Krise der Deutschen Bank für die Mitarbeiter bedeutet

John Cryan

John Cryan wurde bei der Deutschen Bank zum Ausputzen eingestellt.

Die Panik ergreift die Aktionäre. Erstmals fiel am Freitagmorgen die Aktie der Deutschen Bank unter die Marke von 10 Euro – mittlerweile hat sie sich wieder kräftig erholt. Dennoch stellt sich die Frage: Ist die Zeit für radikale Maßnahmen wie bei der Commerzbank gekommen? Anders als die Gelben leisten sich die Blauen immer noch Milliardenboni. Diese goldenen Zeiten neigen sich dem Ende zu. Hier die Experteneinschätzungen zur Krise und den Folgen für die Mitarbeiter. Nicht alle fallen übrigens negativ aus.

1. Die Boni müssen runter

Seit der Finanzkrise hat sich die Deutsche Bank an der Börse 13,5 Mrd. Euro frisches Kapital besorgt. Umgekehrt hat der Konzern trotz oft miserabler Ergebnisse zwischen 2010 und 2015 Boni von insgesamt 19,4 Mrd. Euro gewährt – fast die Hälfte davon wurde sofort ausbezahlt.

Während der Konzern 2015 einen Verlust von 6,8 Mrd. Euro verkraften musste, erhielten die Mitarbeiter Bonuszusagen über 2,4 Mrd. Euro, wovon wiederum die Hälfte sofort fällig war. Angesichts der rund 100.000 Mitarbeiter relativiert sich die Summe, wenn nicht der Löwenanteil an die nur 3005 Führungskräfte ginge, die sogenannten Material Risk Taker. Sie kassierten mit exakt 1,246 Mrd. Euro mehr als die Hälfte des gesamten Bonuspools. Davon entfielen 498 Mio. Euro auf Bar- und 745 Mio. auf Aktienboni. Würde die Deutsche Bank für das laufende Jahr auf den Extrageldsegen verzichten und angesichts der Verluste in den Vorjahren gewährte Boni streichen, könnte die Bank also ihre Kosten um Milliarden entlasten.

Aus diesem Grund fordern auch die Analysten von Autonomous Research endlich eine Beteiligung der Mitarbeiter an den Problemen der Deutschen Bank. „Es sollte helfen, bei dem Bonuspool für 2016 hart zu bleiben und den Verfall von Aktienboni [aus den Vorjahren] einzufordern“, meint Autonomous-Chef Stuart Graham. Allein der Verzicht auf Barboni für 2016 könnte den Vorsteuergewinn um 800 Mio. Euro entlasten. Nur zum Vergleich: Angesichts einer Marktkapitalisierung von 13,9 Mrd. Euro würde ein Einstieg der Bundesregierung mit 25 Prozent keine 3,5 Mrd. Euro bringen und das auch nur einmalig.

„Wir sehen einige Mittel, mit  denen das Management das Eigenkapital mit einer Lastenbeteiligung der Mitarbeiter erreichen könnte“, betont Graham. „Das Dilemma des Managements besteht darin, ob die Leiden der Mitarbeiter zu einer weiteren Geschäftserosion führen würde.“

 

2. Weniger Intrigen als unter Jain und Ackermann

Doch nicht alles ist schlecht. „Unter John Cryan ist die Deutsche Bank ein deutlich weniger politischer Ort als in der Vergangenheit“, sagt ein auf Fixed Income spezialisierter Headhunter aus London. „Bei der Deutschen Bank gab es immer eine Menge Machtkämpfe. Mittlerweile herrscht beim Führungspersonal mehr Loyalität und die Leute wollen diese Zeit gemeinsam durchstehen. Es herrscht der Eindruck, dass die Deutsche Bank sowohl Opfer des US-Justizministeriums als auch von Hedgefonds ist, weshalb so viele Leute in der Aktie short gehen und auf den Wandelanleihen sitzen.“

3. Das eigentliche Geschäft läuft gar nicht so schlecht

„Unter dem Führungspersonal in London herrscht der Eindruck, dass sich das eigentliche Geschäft gar nicht in Schwierigkeiten befindet und dass es tatsächlich ein recht gutes Jahr werden könnte“, sagt Headhunter Christian Robbins von Alpha Tradestone, der auf Fixed Income spezialisiert ist. „Das Problem besteht in der Buße des US-Justizministeriums. Sie droht den Kapitalpuffer auszuradieren.“

4. Cryan beschwichtigt Mitarbeiter

Die Unruhe unter den Beschäftigten scheint beträchtlich zu sein. Jedenfalls sah sich Cryan am Freitagmorgen gezwungen die Mitarbeiter in einer E-Mail zur Ruhe aufzurufen. Seit der Finanzkrise habe die Bank ihre Bilanz deutlich aufgeräumt. „Zu keinem Zeitpunkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Deutsche Bank, was ihre Bilanz angeht, so sicher wie heute.” Die Liquititätsreserven des Konzerns beliefen sich auf über 215 Mrd. Euro.

5. Die USA führen einen Wirtschaftskrieg gegen europäische Banken

Ein Bankenanalyst aus Frankfurt hält die überzogene Forderung aus den USA sogar als Schachzug in einem Wirtschaftskrieg. „Wir sehen schon seit langem, dass die USA höhere Bußen von europäischen Unternehmen als von US-Unternehmen verlangen und diese Buße stellt eine Fortsetzung des Trends dar“, meint der Bankenanalyst. Laut dem Research der DZ Bank konnte Goldman Sachs eine ursprüngliche Bußforderung von 15 Mrd. auf 5 Mrd. Dollar herunterhandeln. Dies spricht dafür, dass auch ursprüngliche Bußforderung gegenüber der Deutschen Bank deutlich abgespeckt wird.

6. Cryans Verhandlungsstrategie mit den USA ist richtig

„Was bei der Deutschen Bank passiert, basiert nicht auf den Fundamentaldaten. Es geht um Politik“, sagt der deutsche Bankenanalyst. Ein Kollege von einem Wettbewerber sieht das ganz ähnlich. Unter solchen Umständen sei Cryans Strategie des Aussitzens das Beste. „Das Schlimmste, was Cryan jetzt machen könnte, wäre neues Kapital aufzunehmen“, sagt er. „Damit würde Cryan einfach nur die Verhandlungsposition der Deutschen Bank gegenüber den US-Behörden verschlechtern.“ Stattdessen sei es die beste Strategie, die Deutsche Bank bis nach den US-Wahlen als besonders schwach darzustellen. Erst mit einer neuen US-Regierung werde es möglich sein, die Buße von 14 Mrd. Dollar auf eine verkraftbare Summe herunterzuhandeln. Dies werde leichter fallen, wenn die Höhe der Buße als Gefahr für den Konzern betrachtet werde.

Die US-Wahlen sind aber noch anderthalb Monate hin. Laut BreakingViews verfüge der Konzern über genügend Liquidität, um eine Stressperiode von 30 Tagen zu überstehen. Laut dem deutschen Bankenanalysten stelle die abwartende Strategie keine Gefahr dar. „Die Liquiditätssituation der Deutschen Bank ist tatsächlich sogar ziemlich gut. Und selbst wenn sich die Situation verschlechtern sollte, dann kann sie sich leicht anderswo Geld besorgen. Die Europäische Zentralbank überversorgt die Eurozone mit Liquidität.“  Die schwache Eigenkapitalsituation stelle derzeit hingegen kein Problem dar. „Kapital spielt auf mittlere Sicht eine Rolle. Jetzt dreht sich alles um Liquidität und hierbei hat die Deutsche Bank keine Probleme.“

7. Panik unter Juniors, Gelassenheit unter Seniors

„Die Führungskräfte der Deutschen Bank fragen sich, ob sich das US-Justizministerium so verhalten kann, dass die geforderte Zahlung zu einem Risiko fürs Bankensystem wird“, meint Robbins. „Die Antwort lautet sicherlich nicht.“

„Die Panik grassiert unter dem jüngeren und mittleren Personal“, meint ein anderer Headhunter aus London. „Im vergangenen Jahr haben wir dort eine Menge Leute herausgezogen und es gibt viele Leute, die dort jetzt nach einem Ausgang suchen – falls sie einen finden.“ Nach den Jahren der überzogenen Vergütungen herrsche bei den Führungskräften Loyalität vor. „Die Managing Directors haben 20 bis 50 Prozent mehr als der Rest des Marktes verdient.“

Doch in der Zukunft werden die Vergütungen bei der Deutschen Bank mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit purzeln und das nicht nur im Falle einer Eigenkapitalspritze durch die Bundesregierung. Laut Stefan Müller, der früher als Eigenhändler bei der Dresdner Bank und Sal Oppenheim arbeitete und heute in Frankfurt den Broker DWGA betreibt, verliert die Deutsche Bank ausgerechnet in ihrem Heimatmarkt zusehends Kunden. „Zu mir kommen eine Menge Privatkunden und Unternehmen und fragen mich, ob es immer noch sicher sei, Geschäfte mit der Deutschen Bank zu betreiben. Das wird Auswirkungen auf ihr Geschäft haben. Falls sie ein Unternehmen leiten, das einen Börsengang plant, dann wünschen Sie sich Stabilität. Sie wählen dann nicht die Deutsche Bank, um Ihnen zu helfen.“

Unter Frankfurter Headhuntern herrscht Unentschlossenheit. „Es war noch nie so leicht, aus der Deutschen Bank Mitarbeiter herauszuziehen“, sagt etwa einer. In der Vergangenheit galt die Deutsche Bank in ihrem Heimatmarkt unangefochten als Nummer eins. „Da musste man schon mit einem Job bei Goldman Sachs oder JP Morgan ankommen“, ergänzt ein anderer Personalvermittler. Das habe sich gründlich verändert.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. „Die guten Leute mit Ende 30, die wollen bleiben. Ich kann reichlich Leute mit Mitte 50 und keinen Chancen auf eine Weiterentwicklung innerhalb der Bank bekommen – aber die kann ich nicht vermitteln.“


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