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Karriereturbo oder Jodeldiplom? Was Deutsche beim MBA falsch machen und wie es besser geht

MBA

Nicht jeder MBA bringt etwas für die Karriere.

„Die Teilnehmer an unserem MBA-Programm sind Durchschnitt. Die Crème de la Crème ist das sicherlich nicht“, kritisiert der Dozent eines deutschen MBA-Programms, der aus naheliegenden Gründen anonym bleiben möchte. Viele der Programme hierzulande seien jung und müssten sich erst am Markt behaupten. „Die müssen daher nehmen, was sie kriegen können. Ein Drittel der Teilnehmer sind hier fehl am Platze“, ergänzt der MBA-Dozent.

Worin besteht ein MBA-Programm überhaupt?

Laut dem Dozenten verfüge Deutschland noch immer nicht über eine MBA-Kultur. Nicht nur die Teilnehmer hätten keine Ahnung, wann ein solches Studium weiterhelfe. Besonders mittelständische Arbeitgeber wüssten oftmals nicht, was sie von einem MBA-Absolventen erwarten dürften. „Wenn ich einen MBA in Deutschland neu aufziehen würde, dann würde ich erst einmal den Unternehmen erläutern, was das überhaupt ist“, klagt der Dozent.

Doch worum handelt es sich bei einem MBA überhaupt? Prof. Christoph Loch muss es wissen. Nach einem Wirtschaftsingenieursstudium an der TU-Darmstadt hat Loch einen MBA an der University Tennessee in den Vereinigten Staaten erworben. Später unterrichtete er als Professor an der renommierten Business School INSEAD in Fontainebleau bei Paris. Heute leitet er die Judge Business School in Cambridge.

„Ich würde einen MBA als praxisorientiertes BWL-Aufbaustudium bezeichnen. Es geht also nicht um die Theorie um der Theorie willen, was bei einem wissenschaftlichen Studium in Deutschland und anderswo der Fall ist“, erläutert Loch. „Aufbaustudium bedeutet: Sie machen es nach etwas anderem; es baut auf Berufserfahrung auf. Es soll Ihnen bei Ihrer eigenen Effektivität und Weiterbildung helfen, statt Theorie zu kloppen.“

Was MBA-Studenten mitbringen sollten

Laut dem anonymen Dozenten bringen viele Teilnehmer an deutschen Programmen weder ausreichende Berufs- noch Führungserfahrung mit. Vielmehr würden zu viele Teilnehmer ihren MBA gleich nach einem vorhergehenden Bachelor- oder Masterstudium „konsekutiv“ aufnehmen.

Ein Fehler, wie Loch aus eigener Erfahrung weiß: „In Deutschland BWL zu studieren und gleich anschließend nach England oder die USA zu gehen, um dort einen MBA zu machen, macht wenig Sinn. Ich habe das zwar selber auch so gemacht, allerdings war dies in den 80er Jahren und ich hatte damals keine Ahnung, was auf mich zukam.“

Stattdessen empfiehlt Loch ein MBA-Studium erst nach drei bis fünf Jahren Berufserfahrung aufzunehmen. „Mehr als drei bis fünf Jahre braucht es allerdings nicht, um voll von einem solchen Studium zu profitieren“, schränkt der Direktor der Judge Business School ein. Gute MBA-Anbieter würden Studenten ohne ausreichende Berufserfahrung gar nicht erst aufnehmen. „Es gibt viele MBAs, die Arbeitserfahrung voraussetzen. Bei uns kommen Sie direkt nach dem Studium nicht hinein. Das ist bei sämtlichen Top-Unis so und dafür gibt es einen guten Grund: Weil die Leute keine Berufserfahrung mitbringen, können sie von den praxisbezogenen Inhalten auch nicht wirklich profitieren.“

Dagegen sei erste Führungserfahrung zwar wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich. „In einem MBA geht es auch um das Thema Leadership, also Führung. Wenn man das noch nie gemacht hat, dann klingt das alles schön leicht. Man kann aber nicht nachvollziehen, wie groß die Konflikte tatsächlich sind“, meint Loch. „Aber selbst wenn man drei, vier Jahre in einer Fachabteilung gearbeitet hat und keine Führungserfahrung mitbringt, dann hat man zumindest schon einmal gesehen, wie sich jemand benimmt, der von Mitarbeitern angenommen und anerkannt wird, und jemand, bei dem das nicht der Fall ist.“

Wie die akademischen Voraussetzungen ausfallen sollten

Loch hält einen vorhergehenden Bachelor für vollkommen ausreichend. Bei der Studienwahl plädiert der Direktor für Vielfalt. Ein BWL-Bachelor erleichtere zwar den Einstieg, Absolventen anderer Disziplinen bringe er aber mehr. „Wir haben viele Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwälte, Profisportler, Künstler und sogar einen Dirigenten“, erzählt Loch. „Wer aus einer ganz anderen Richtung kommt, muss erst einmal den Jargon verstehen. Daher bringen wir ihnen in zwei Einführungswochen ein paar Grundbegriffe bei. Ein MBA ist aber auch für Leute, die gesehen haben, was in einer Organisation an bizarren und komischen Dingen vorkommt.“

Bei Judge bringe daher auch weniger als die Hälfte der Teilnehmer einen betriebswirtschaftlichen Abschluss mit. „Es stellt auch einen Wert eines MBA-Programms dar, dass man mit Leuten zusammenkommt, die ganz anders sind als man selbst. Nur so lernt man, dass in Unterschieden Innovationspotenziale liegen.“ Ein gelungener Umgang mit Menschen aus anderen Umfeldern trage maßgeblich zur Effizienz einer Organisation bei.

Worauf Interessenten bei der Auswahl eines MBA achten müssen

Loch warnt vor den manchmal dubiosen Angeboten privater Anbieter. Dennoch sei nicht alles schlecht, was in Deutschland angeboten werde. Das bescheidene Abschneiden vieler deutscher Business Schools in internationalen Rankings sieht der MBA-Veteran im milderen Licht. „Da es die meisten deutschen MBA-Programme noch nicht so lange gibt, ist es wenig verwunderlich, dass sie in den internationalen Rankings nicht prominent vertreten sind.“

Doch auch in Deutschland gebe es bereits einige etablierte Anbieter. Darüber hinaus könne von Business Schools ein anständiges Niveau erwartet werden, die zu Universitäten mit renommierten wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen gehören. „Da weiß man, dass da Qualität dahintersteht. Als Student würde ich mich daran orientieren“, empfiehlt Loch.

Sollte ein MBA nicht lieber im Ausland absolviert werden?

„Für eine Exportnation wie Deutschland sind Auslandsaufenthalte wirklich wichtig. Deutschland ist einfach mit der Weltwirtschaft extrem verzahnt. Wenn man glaubt, dass das so bleibt, dann lohnt es sich wirkliche Auslandserfahrung, auch über längere Zeit, zu sammeln. Dabei lernt man mit Leuten zurechtzukommen, die ganz anders denken als wir.“ Ein MBA stelle da eine gute Gelegenheit dar, diese Auslandserfahrung zu sammeln.

Dennoch bestreitet Loch den Wert deutscher MBAs nicht. „Wenn man seine berufliche Zukunft in Deutschland sieht oder keine Möglichkeit hat, ins Ausland zu gehen, dann kann ein MBA auch hierzulande sinnvoll sein.“ Dies gelte besonders für Absolventen jenseits der Wirtschaftswissenschaften und mit einschlägiger Berufserfahrung.

Auch der anonyme MBA-Dozent bezweifelt, ob ein MBA für BWL-Absolventen die optimale Ergänzung darstellt. Es gebe zu viele Überschneidungen mit dem BWL-Curriculum.

Was ein MBA für Finanzprofis bringt

„Ich glaube nicht, dass einem Banker mit BWL-Studium ein MBA wirklich bei der Karriere weiterhilft“, warnt der MBA-Dozent. Ganz anders sehe dies jedoch für Leute aus dem Beratungsumfeld aus, zumal sich ein MBA bei Strategieberatungen großer Beliebtheit erfreue.

Der Direktor der Judge Business School in Cambridge sieht dies ein wenig anders: „Bei Leuten, die in die Finanzwelt gehen, wird großer Wert darauf gelegt, dass sie die erforderlichen Technologien und Methoden beherrschen. Manche Leute sagen sogar, man müssen Physik studiert haben, bevor man in die Finanzwelt geht.“ Loch betrachtet die einseitige Fokussierung auf die Mathematik als Gefahr, weil dies maßgeblich zur Finanzkrise beigetragen habe.

„Man darf sich nicht hinter der Mathematik verstecken. Das sind alles nur Modelle, die eine Hypothese erlauben, was in der Wirklichkeit passiert“, kritisiert Loch. „Ein Teil der Finanzkrise geht darauf zurück, dass alle immer auf die Mathematik starren und das Geschäftsleben nicht mehr verstehen, wo auch auf der anderen Seite Menschen agieren und nicht eben nur anonymes Geld. Das hat die Finanzbranche vergessen.“

Da ein MBA mit dieser Zahlenfokussierung breche und stärker reale das Geschäftsleben berücksichtige, könne er das genau Richtige für Finanzprofis sein. „Ein Verständnis für die Technik hilft Ihnen beim Einstieg in die Branche, aber irgendwann müssen Sie auch als Manager handeln und andere Leute führen. Sie müssen strategische Entscheidungen treffen und verstehen, welchen Wert Sie den Kunden bieten und wie sie sich strategisch von anderen Finanzinstituten unterscheiden“, betont Loch. „Dazu braucht man ein Gefühl dafür, wie Business abläuft. Das erwerben Sie in einem MBA. Das erhalten Sie aber nicht in einem Master in Finance. Deswegen ist ein MBA auch für Leute nützlich, die in die Finanzwelt gehen.“

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